Medizin und Wahnsinn (120)Testschlaf beim Business-Yoga

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Gelassenheit ist im Job unabdingbar, wenn man ihn auf Dauer heil ausüben will. Nur langsam spricht sich dieses Prinzip in Leistungsträger-Kreisen herum.

Werner Bartens

Leistungsträger wirken oft erschöpft, dem Burn-out nahe. Dieser Eindruck täuscht, auch wenn viele Kollegen noch nicht richtig wach sind, wenn sie sich beim morgendlichen Frühappell den Schlaf aus den Augen reiben. Physiologisch ist es ja auch unsinnig, so zeitig am Morgen das Tagwerk zu beginnen.

Die Arbeitszeit nach dem Power-Napping, das unbedingt erst nach dem Mittagessen abgehalten werden sollte, ist aus medizinischer Sicht viel effektiver. Manche Firmen haben es allerdings mit der betrieblichen Ruhigstellung ihrer Mitarbeiter übertrieben. Sie liegen schon seit Jahren im selbst auferlegten Wachkoma und werden nur durch Luxusreisen oder vergleichbare Bestechungsgeschenke, die seltsamerweise Give aways heißen, aus ihrer Lethargie gerissen.

Offenbar in Kenntnis dieser allgemeinen Erschöpfung in den Reihen der Leistungsträger hat ein selbst ernannter "Schlaf-Gesund-Unternehmer" eine ziemlich aufgeweckte Geschäftsidee entwickelt. In ausgewählten Hotels hat der alerte Gesund-Manager schon "Power sleeping rooms" einrichten lassen, in denen "Wellness im Schlaf" erarbeitet werden soll.

Früher sagte man zu entsprechenden Räumlichkeiten Schlafzimmer und das Wellness-Gesumse war mit "endlich mal wieder ausschlafen" erschöpfend beschrieben.

Offenbar wird unseren Leistungsträgern generell nicht mehr viel Orientierungsvermögen in ermüdenden Zeiten zugetraut. In einer deutschen Großstadt wurde interessierten Profis eine neuartige Wellness-Power-Abnehmmethode im Schlaf präsentiert.

Damit sich die Leistungsträger nicht verirrten oder den Termin verschliefen, lagen zwei Taxischeine bei - ausgefüllt mit den Adressen für Hin- und Rückfahrt. Auch die Telefonnummer für das Taxiunternehmen war angegeben. Ob die Bahn für auswärtige Kollegen Schlafwagen zur Verfügung stellte, ist nicht überliefert.

Man muss unsere Leistungsträger natürlich grundsätzlich in Schutz nehmen. Was vorschnell als Hang zur Schläfrigkeit fehlgedeutet wird, ist in Wirklichkeit ein aufmerksames Lauern, ein geschickt getarnter Gemütszustand der permanenten Erregung vergleichbar mit dem Krokodil, das zu dösen scheint und dann blitzschnell zuschlägt.

So auch der Leistungsträger: immer auf dem Sprung. Immer auf der Suche nach einer tollen Geschäftsidee. Wer als Adrenalin-Junkie permanent im Vollrausch der Terminwahrnehmungen seine Stress- und Alarmsysteme hochreguliert, braucht natürlich auch Schutzmechanismen. Anders gesagt: Eine gewisse Gelassenheit ist im Job unabdingbar, wenn man ihn auf Dauer heil ausüben will.

Nur langsam spricht sich dieses Prinzip in Leistungsträger-Kreisen herum. So dauert es beispielsweise noch bis zum Sommer, bis der erste "Business Yoga Kongress" stattfindet, der zahlreiche "Praxiskostproben" liefern soll, um "Yoga und Entspannung im betrieblichen Kontext zu erleben".

Das ist schön ausgedrückt und man sieht sie schon vor sich, die hektischen Handy-Jungs, die plötzlich ganz entspannt ihren "Power sleeping rooms" entgegenschweben. Als idealer Ort für eine solche Veranstaltung kommt naheliegenderweise eine Klinik in der Power sleeping Region Paderborn infrage.

Sie "beherbergt außerdem Gewerbetreibende des komplementären Gesundheitsbereiches. Das rauch- und alkoholfreie Haus bietet eine passende Atmosphäre mit biologisch-vegetarischer Verpflegung". Fleisch- und rauschlose Wellness für die Business-Klasse.

Vielleicht darf man sich die Leistungsträger der Zukunft als eine Art Meditationsgemeinschaft vorstellen, die im Lotussitz ihren Energieströmen nachspürt. Andererseits: Womöglich schütteln sie nach der Entspannung nur schnell und verwirrt die Köpfe und machen so stressig weiter wie bisher.

© SZ vom 06.03.2010 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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