Medizin und Wahnsinn (112):Milch, die schwul macht

Lesezeit: 2 min

Genetische Milch-Hypothesen und Schlacken im Urin: Unsere Leser sind oft viel klüger als wir Wissenschaftsjournalisten. Ein Einblick in die denkwürdigsten Zuschriften.

Werner Bartens

Wir Mitglieder der Wissenschaftsredaktion gelten in der Zeitung als ewige Besserwisser. Manche würden auch sagen: als elende Klugscheißer. Das ist falsch, denn mit jedem Zuwachs an Inseln der Erkenntnis erkennen wir voller Demut, dass der Ozean unseres Nichtwissens nur umso größer wird.

Kind trinkt Milch; AP

Unsere Recherchen ziehen sich zwar noch hin, aber Milch trauen wir seit jeher alles zu.

(Foto: Foto: AP)

Zudem wissen wir, dass unsere Leser es oft viel besser wissen und klüger sind als wir. Deshalb scheuen wir nicht davor zurück, Irrtümer und Fehler einzugestehen. Gerne lassen wir unsere Leser auch an dem vielfältigen Wissen teilhaben, das uns durch Zuschriften erreicht und bereichert.

Milch macht schwul

Neulich schrieb uns beispielsweise ein begeisterter Leser, dass er Atlantis mit Hilfe von Google Earth entdeckt habe. Irgendwo nördlich der Kanaren in Richtung Azoren müsse es liegen. Ein anderer Leser (solche Zuschriften stammen immer von Männern, Frauen kommen eher aus der heilpraktischen Ecke) hatte etliche Beweise und eine "belegbare genetische Hypothese", dass Milch schwul macht.

Irgendwie hing das auch mit Genfood und der Schweinegrippe zusammen. Weil wir als seriöse Wissenschaftsjournalisten erst über etwas berichten, wenn andere Forscher oder unsere eigenen Recherchen die Untersuchung bestätigt haben, zögern wir noch mit dieser Enthüllung. Die Tauchexpeditionen im Nordatlantik ziehen sich hin, und Milch trauen wir seit jeher alles zu.

Nicht mehr zurückhalten können und wollen wir allerdings die Beweisführung eines anderen Lesers. Zuerst wollten wir seinen Namen nennen, doch die Wahrheit wird sich sowieso ihren Weg bahnen. Wiederholt hatte ich geschrieben, dass es im menschlichen Körper keine Schlacken gibt, sondern nur in der Erzverhüttung. Der Leser aber hat die Schlacken gesehen, die aus einem Körper kamen, aus seinem Körper, um genau zu sein. Sie lassen sich seiner Erfahrung nach aber "sicher nicht mit Tee oder einer irgendwie gearteten Diät beseitigen", sondern nur durch Sport.

Für den Fallbericht ist die Sozialanamnese wichtig. "Nach meiner Verheiratung bekam ich massivste psychosomatische Herz- und Magenbeschwerden", erinnert sich der Leser. Er schluckte Valium und trieb in dieser Zeit keinen Sport, obwohl er früher täglich eine längere Strecke mit dem Rad zur Arbeit gefahren war. Im Rahmen einer psychosomatischen Kur konnte ein Arzt - zum Segen für den Leser wie auch für die Wissenschaft - den Mann aber wieder zum Sport animieren.

Ein umfunktioniertes Apfelmus-Glas

Weil er "wegen des Streits mit der Frau allein im ausgebauten Souterrain" schlief, kam unser Leser den Schlacken auf die Spur. Für den experimentellen Nachweis ist es wichtig, Details des Versuchs zu erwähnen. "Weil ich nicht jedes Mal, wenn ich pinkeln musste, nach oben wollte, hatte ich so ein großes Glas als Urin-Flasche, in dem früher 750 ml Apfelmus drin waren", ist dem Gedächtnisprotokoll des Lesers zu entnehmen. Als er nach der ersten sportlichen Betätigung wieder im Keller schlief, war der Mann am nächsten Morgen "erstaunt bis erschüttert".

Eureka-Erlebnis heißt das in der Wissenschaft, wenn große Entdeckungen sogar abgebrühte Forscher in Ekstase versetzen. "Der gestandene abgekühlte Urin war von lauter weißen Flocken milchig trübe", berichtet der Leser. "Er sah aus wie Kalkmilch."

Die Evidenz ist klar, dennoch rundet der Leser seine Vignette mit einem Fazit ab: "Also das ist der Beweis, dass es doch Schlacken-Stoffe und Schlacken-Ansammlungen im Körper geben kann, die durch Sport ausgeschieden werden."

Es gibt zynische Menschen in den Medien, die solche Erlebnisberichte geringschätzen - oder die Schlacken für Joghurt-Reste halten. Wir achten sie als empirisch untermauerten Selbstversuch. Wer Zweifel hat, dass hier erst die widrigen Umstände einer Ehe eine saubere Beweisführung ermöglicht haben, dem sei verraten: Der Mann kann nicht irren, er ist Ingenieur.

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