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Medizin und Wahnsinn (101):Doktor, geh du voran

Gerade Ärzte sollten einschätzen können, was die neue Impfung gegen Schweinegrippe taugt. Doch nur die wenigsten von ihnen würden sich die Spritze geben lassen.

Werner Bartens

Neulich, während einer medizinischen Fachtagung. Ein Kreis von Chefärzten und Oberärzten steht zusammen, alles ausgewiesene Kliniker mit viel Erfahrung in der Patientenversorgung. Das Gespräch kommt auf die Behandlung von Notfällen, auf Gesundheitsreform und Standespolitik sowie den zu großen Einfluss der Pharmaindustrie auf die Heilkunde. Plötzlich stellt einer die Gretchenfrage: Wie hältst du's mit der Impfung gegen die Schweinegrippe? Kurzes Schweigen, kurzes Achselzucken, dann ist klar: Keiner von den ein Dutzend Ärzten in der Runde will sich gegen die Sauseuche impfen lassen.

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Die Ausreden, die Ärzte erfinden, um sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen, sind genauso zahlreich wie originell.

(Foto: Foto: dpa)

Die Begründungen sind einigermaßen originell. "Ich weiß viel zu wenig darüber", sagt der eine Doktor. "Wir sind da ja keine Experten", erklärt der andere. "Ich warte erst mal ab", ist die Taktik eines Dritten, "lasse mich aber sicherlich gegen die konventionelle Grippe impfen."

Schließlich sagt ein älterer Chefarzt mit sonorer Stimme: "Ich kann das nicht beurteilen." Die anderen nicken, Thema abgehakt. Klar, sie sind ja nur Klinikdirektoren, Professoren für Medizin, habilitierte und preisgekrönte Wissenschaftler. Wieso sollten gerade sie einschätzen können, ob die neue Impfung gegen die neue Grippe etwas taugt? Da kann ja jeder kommen.

Bald soll jeder kommen. Am 26. Oktober wird die Impfung gegen die Schweinegrippe in Deutschland beginnen. Von der Ständigen Impfkommission wird der Pieks empfohlen. Aber wie bilden sich Laien eine Meinung, wenn nicht mal erfahrene Ärzte wissen, wie sie sich verhalten sollen und deshalb im Zweifel lieber der Impfung fernbleiben? Nicht repräsentativen Umfragen auf Kongressen, medizinischen Treffen und im ärztlichen Bekanntenkreis zufolge werden sich nur wenige Mediziner die Spritze geben lassen. Was ist das nur für ein Berufsstand, der selbst nicht zu seinen besten Kunden gehören will? Hat man etwa schon von Metzgern gehört, die Vegetarier sind?

Neuer Impfstoff, neuer Wirkverstärker, neue Grippe

Ärzte sind keine guten Vorbilder. Sie nehmen die Operationen, diagnostischen Eingriffe und Therapien, die sie empfehlen, nur etwa halb so oft für sich in Anspruch wie die übrige Bevölkerung. Der Wegweiser muss schließlich nicht den Weg gehen, den er zeigt. Vielleicht wissen Ärzte auch nur zu gut, was ihnen droht. Weil Mediziner so sparsam mit der Medizin umgehen, die sie anpreisen, sind die Policen ihrer Krankenversicherungen deutlich billiger als für den Rest der Welt.

Man kann es allerdings auch übertreiben. Unvergessen ist der Kollege, der sich nach einem Oberschenkelhalsbruch - er war mit dem Rennrad nach rasanter Abfahrt gestürzt - in der eigenen Klinik operieren lassen musste. Obwohl bei dem Eingriff bis zu zwei Liter Blut verlorengehen können, verpflichtete der Arzt die Chirurgen vor der Operation, ihm keinesfalls Blutkonserven zu geben, komme was wolle.

Ob es aus Hypochondrie, Angst vor einem infizierten Spender oder anderen Gründen geschah, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Der Arzt verlor viel Blut auf dem OP-Tisch, die Kollegen hielten sich an die Abmachung. Sein Zustand hinterher wechselte zwischen scheintot und schlafwandelnd. Eine Woche später brauchte er noch eine halbe Stunde und viele Pausen, um die kurze Strecke vom Krankenbett zum Zigarettenautomaten zurückzulegen.

Menschen im Dienst der Öffentlichkeit sind da anders. Sie gehen voran, wenn andere scheuen. Susanne Stöcker ist Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, der Bundesbehörde für Impfstoffe. Diese furchtlose Frau ist bereit zu dem Schritt, den viele Chefärzte nicht wagen - sie will sich mit einem neuen Impfstoff, der neue Wirkverstärker enthält, gegen die neue Grippe impfen lassen. Sie weiß, wie ungewöhnlich mutig das ist. Deshalb sagt sie: "Ich mache das sogar öffentlich, vor laufender Kamera."

© SZ vom 17.10.2009/aro/pfau

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