Wenn man sieht, welchen Unsinn vernunftbegabte Menschen freiwillig und kostenpflichtig mit sich anstellen lassen und auch noch für gesund halten, möchte man manchmal laut aufjaulen. Kürzlich im Restaurant, die Speisekarte ist hochpreisig und gestelzt formuliert. Im Angebot ist auch "Kohlrabi-Mus mit Holzkohle versetzt".
Wahrscheinlich ist das nicht diese billige Holzkohle von der Tanke, sondern eine mit besonders hohem Brennwert. Darum geht es beim Essen ja auch.
Trotzdem: Haben wir nicht jahrelang gelernt, verkohlte Stellen von Steaks und Grillwürsten abzukratzen, um keine Nitro-Verbindungen und andere krebserregenden Substanzen aufzunehmen? Und dann das.
Torfballen - wie lecker
Fossile Brennstoffe scheinen im gastronomischen Trend zu liegen. Wahrscheinlich ist das der besondere Kick beim Essen - Abenteuer und ein Hauch von Krebsgefahr inklusive. Aber vermutlich glaubt der zum Genuss entschlossene Ganzheitlichkeits-Germane, dass diese Beimischungen gesund sind, sein Immunsystem stärken und irgendwie entschlacken, wenn sie ihm nur als Molekularküche oder in homöopathischer Dosis verkauft werden.
Wie sonst ist es zu erklären, dass auf der "Gesundheitsmesse Wellness Plus" unter dem Motto "Gesundes aus der Prignitz" nicht nur ostdeutsche Moorseifen (für den dunklen Teint?) angepriesen werden, sondern auch Moorkekse? Mundgerecht zubereitete Torfballen zum Tee - wie lecker.
Der Wahnsinn greift überall um sich. In einem kleinen Ort im Münchner Umland - nennen wir ihn Melling - betreibt eine junge Dame nicht nur die örtliche Postagentur und verkauft allerhand Kurz- und Kleinwaren. Sie vertreibt dort auch das Mellinger Schnarch-Öl. Eine legendäre Sprachschöpfung, die Assoziationen von der Spanischen Fliege bis zum praktischen Gifttrunk für den Gatten weckt. Mit den ominösen Tropfen soll man aber nicht besser schnarchen können, sondern das Schnarchen einstellen. Vielleicht sogar für immer.
So naheliegend wie fischfreie Forelle
Neuerdings werden in dem Mellinger Wunderladen auch cholesterinfreie Eier angeboten. Ob das ganz ohne Gentechnik abgegangen ist? Ohne ausgefeilte Labormethoden wären cholesterinfreie Eier ähnlich naheliegend wie fischfreie Forelle, flüssigkeitsfreies Wasser oder nervenfasernfreies Hirn. Die letztgenannte Kategorie könnte auch für den Verfasser einer Presseerklärung interessant sein, die mit der schönen Titelzeile überschrieben ist: "Seltene Nervenerkrankungen - ein häufiges Problem".
Ähnlich originell wie das cholesterinfreie Ei ist ein nicht nur auf ostdeutschen Messen angebotener Schuh, der auf der "Masai-Barfuß-Technologie" basiert. Wahrscheinlich fühlt man sich in diesen Schuhen nur wohl, wenn man sie ausgezogen hat. Wir warten noch auf die Kleider, die nach der Nackig-Methode genäht sind oder auf die Frisur, die dem Glatzen-Prinzip nachempfunden ist. Die "zertifizierte Zehensocke", die als "3D-Zehensocke" bisher nur auf dem japanischen Markt zu haben war, kommt dieser Idee schon ganz nahe.
Trost bietet in solchen dunklen Stunden nur körpernahe Ablenkung und Entspannung ohne jedes Chichi. Ein Spaziergang, ein Waldlauf, Schwimmen im See vielleicht, "wenn der Arm leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt". Natürlich muss man auf dem Rücken liegen, schreibt Bertolt Brecht weiter, "so wie gewöhnlich. Und sich treiben lassen". Doch wo und wann gelingt das schon inmitten all dieser Gesundheitswahnsinnigen? Es gibt kaum ein Entrinnen. Gerade lädt die McWell-Akademie zu einem Massagekurs "nur für Journalisten" ein. Bevor ich, ohne handgreiflich zu werden, einen Laden betrete, der sich McWell nennt, müsste ich in der Tat "die Harmonisierung der Energiebahnen und die Lösung von Blockaden" erlernen. Vielleicht tut es aber auch eine Überdosis Schnarch-Öl an Holzkohle-Mus.