Süddeutsche Zeitung

Mediensucht:Handy weg oder ich schreie!

Lesezeit: 5 min

Das Smartphone ist ein Familienmitglied - das zwischendurch auch mal Pause braucht. Aber wie bringt man das den Kindern bei? Geplagte Eltern berichten.

Von SZ-Autoren

Dieses verdammte kleine Brummtier, es liegt einfach zu gut in der Hand, und es will gefüttert werden - täglich, stündlich, minütlich. Man muss nur die Eltern halbwüchsiger Kinder fragen, um sofort eine Kaskade von Klagen zu hören. Die Smartphone-Sucht nimmt immer absurdere Formen an. Zehn Jahre nach der Erfindung des iPhones scheinen viele Kinder ausschließlich mit ihrem Gerät zu kommunizieren, allerdings sind manche Eltern auch nicht viel besser. Wie schafft man es dann überhaupt noch, ein normales Familienleben zu führen? Ein paar Erfahrungsberichte von Eltern, die noch lange nicht aufgeben wollen.

Einfach abgesoffen

Es ist wirklich ganz einfach, das Kind vom Handy und dem Whatsapp-Wahnsinn zu entwöhnen. Man schicke es im Sommer zu vermögenden Freunden in die Nachbarschaft, die mit einem prächtigen Pool aufwarten können. Weil das dortige Kind ebenso "Clash of Clans"-süchtig ist wie der eigene Sohn, kann man sicher davon ausgehen, dass das Handy trotz Verbots im Baderucksack mitgeschmuggelt wird. Garantiert ist auch, dass die Handys eiligst herausgeholt werden - und da kann es schon mal passieren, dass das Gerät auf den steinernen Poolrand knallt, splittert und schließlich sanft in die Chlor-Fluten gleitet.

Das ist nicht schön, und die Verzweiflung ist entsprechend groß. Aber wie tröstlich, dass der Sohn in untypischer Teenie-Voraussicht eine Handy-Versicherung abgeschlossen hat; die 7,50 Euro monatlich dafür werden vom Taschengeld abgezogen. Also Schaden melden, Gerät einschicken. Es dauert sechs Wochen, bis das reparierte iPhone wieder da ist. In dieser Zeit: traurige bis sehnsuchtsvolle Blicke auf andere Handys - aber keine Gemurre, kein Protest. Man ist ja selber schuld, daher die Demut.

Beim Neustart ploppen um die 800 Nachrichten auf. "Die lösche ich ungelesen, wird nicht so wichtig sein", entscheidet der Sohn. Welch unfassbare Einsicht! Insgesamt ist sein Umgang mit Whatsapp seitdem entspannter geworden. Er antwortet nicht immer und nicht mehr sofort. Zu sagen, dass er da manchmal fast abtaucht, wäre jetzt gemein. (HEID)

Stecker ziehen

Vier Kinder im digitalen Zeitalter, das muss doch zu schaffen sein! Eskalationsstufe 1: In der vierten Klasse haben alle ein Handy. Also braucht das älteste Kind auch eines. Ein Tastenhandy wird angeschafft. Eskalationsstufe 2: Die Geschwister möchten auch ein (Tasten-)Handy. Möglichst noch vor der vierten Klasse. Eskalationsstufe 3: Der Onkel schenkt dem Sohn ein Smartphone. Geschrei. Eskalationsstufe 4: Die Geschwister wünschen sich auch Smartphones. Ins Netz dürfen sie nur daheim. Kontrolliert, über Wlan. Eskalationsstufe 5: Alle Kinder kontrollieren sich gegenseitig, wer wann wie lange im Wlan ist. Geschrei.

Eskalationsstufe 6: Der Vater vergibt individuelle Zeitfenster, die Mutter sammelt abends alle Smartphones ein. Geschrei. Eskalationsstufe 7: Der Onkel schenkt dem Sohn einen Computer. Riesiges Geschrei. Lösung: Ein IT-Experte muss kommen. Er rät (gegen Bezahlung) zu Wlan-Repeatern. Die lassen sich jederzeit einfach aus der Steckdose ziehen. Danach ist endlich Ruhe, weil die Kinder dann keinen Netzzugang mehr haben. Na ja, ein bisschen zumindest. (ZIP)

Ein Bett fürs Handy

Punkt 20 Uhr - das ist ab heute Regel bei uns - werden alle mobilen Endgeräte in einen Schrank gesperrt. Schlüssel hat er keinen, aber die Tür quietscht. Das ist praktisch, dachte ich mir, da höre ich sofort, wenn doch jemand noch mal rangeht, an diese Mischung aus Gift- und Waffenschrank. Ich hatte es den Kindern erklärt: Auch die Geräte brauchen mal Pause. Im Schrank, da könnten sie sich von der Mühsal des Tages erholen. Von der ewigen Whatsapperei, vom vielen Rumgebimmele und Geyoutube.

Aus Lego habe ich vier kleine Gerätebetten gebaut, an deren Rand je ein Männchen steht und einen Arm nach oben streckt. (Ja, die Ladekabel passen ganz genau in die Legohände rein.) "Sieht nett aus, Papa", loben die Kinder, "echt". "Und am Morgen", meine ich, "habt ihr volle Akkus!"

20.07 Uhr - ich kontrolliere den Schrank: Alle Bettchen sind leer. Lass den Kindern Zeit, versuche ich mich zu beruhigen. Handy abgeben ist wie Sperrstunde in der Kneipe. Wird sicher gleich. Um kurz vor 21 Uhr höre ich den Giftschrank quietschen. Ich springe auf: Es ist einer der Söhne. Er braucht die Legofiguren aus dem Schrank. (GCA)

Mein Sohn, der Trickser

Wie gut, einen Ingenieur im Haus zu haben, dachte man. Schließlich gibt es technische Möglichkeiten, die Internet-Zeit der Kinder einzuschränken. Also überlässt man das dem Mann: Testberichte und Empfehlungen studieren, Hardware kaufen, die erlaubte Nutzungsdauer für jedes in der Familie vorhandene Gerät einstellen (wirklich zwölf?), und alles ist geklärt.

Bis plötzlich nichts mehr funktioniert. Der E-Book-Reader kommt nicht ins Wlan, das Tablet auch nicht, der Laptop spinnt ... Netzchaos statt Familienfriede, wochenlang. Das liegt allerdings nicht am Ingenieur, sondern an Youtube. "Internet-Sperre: Wie trickse ich meine Eltern aus?" So ähnlich muss das der Sohn gegoogelt und sich die besten Filmchen dazu organisiert haben, wie man trotzdem ins Netz kommt.

Als man ihn darauf anspricht, ist er empört. "Wieso ich?", fragt er, das könne auch seine kleine Schwester gewesen sein. Schließlich finden beide Kinder, dass freies Internet zu jeder Zeit ein Menschenrecht ist. Bis die Mutter von einer Tagung den Rat der Professorin Sherry Turkle heimbringt. Die rät, Orte zu internetfreien Zonen zu erklären: die Küche, den Esstisch, das Auto. "Papa, leg dein Handy weg!", heißt es nun immer mal wieder am Abendbrottisch. Wie gut, eine Sozialwissenschaftlerin im Haus zu haben. ( LEXA)

Spotify zum Zähneputzen

Das Schlimme ist nicht, sich etwas auszudenken, um die Zeit mit den Geräten zu limitieren. Das wirklich Schlimme besteht darin, auf die Einhaltung der Abgabezeiten zu pochen. So lächerlich es klingen mag, aber es ist tatsächlich erforderlich, auch Menschen, die einem gerade über den Kopf wachsen, klarzumachen, dass sie um 22 Uhr ihr Smartphone abgeben müssen. Einfach um ihnen zu ermöglichen, sich geistig von freundschaftlichen Chats mit den zehn besten Freunden und den neuesten Insidernews aus der Fußball-Szene zu verabschieden. Irgendwann muss Ruhe im Kopf herrschen, und es ist ja gar nicht so, dass ein 16-Jähriger das nicht verstehen würde.

Das unendlich Nervige besteht darin, darauf zu dringen, dass die vereinbarte Zeit jetzt, jetzt, jetzt erreicht ist. Hier ein paar erprobte Antworten: Ich hatte heute lange Schule, sagen wir um elf, einverstanden! Ich habe morgen später Schule! Nur noch eine Minute mit Ennio reden! Ich muss noch was wegen der Mathe-Aufgaben klären! Zum Zähneputzen wird man doch noch Spotify hören dürfen! Das ist doch nicht Instagram! Wenn dann aus 22 Uhr mal wieder mindestens 22.30 Uhr geworden ist, merkt man, dass der Erfolg bei der Reduzierung des Konsums relativ ist. Es bleibt ein Kampf, eine Geduldsprobe und ein Nervenspiel, das erst zu Ende ist, wenn wirklich alle schlafen. (HY)

Großer Pin-Salat

Ich habe eine Pin fürs Handy, eine Pin zum Entsperren meiner Sim-Karte; ich habe eine Geheimnummer für Einschränkungen im Telefon, ein paar Apps habe ich vor dem Zugriff der Kinder mit Geheimnummern gesichert. Den beiden größeren Söhnen haben wir die Nutzungsmöglichkeiten auf ihren Endgeräten eingeschränkt - wollen sie sie trotzdem benutzen, wird jedes Mal nach einer Pin gefragt. Der PC der Kinder fragt bei jeder Software - abgesehen von der Textverarbeitung, dem E-Mail-Programm und Skype - um Erlaubnis. Dafür muss man einen Benutzernamen und ein Passwort eingeben. Pin-Nummern sind in der Regel vierstellig.

Nachdem wir sehr viele Ziffernkombinationen durch hatten (Geburtstage, Geburtsuhrzeiten, Revolutionsjahreszahlen, die Pin der Kreditkarte, die einstige vierstellige Postleitzahl der Heimatstadt), sind wir auf sechsstellige Pins und alphanumerische Codes umgestiegen. Wenn man dreimal eine Pin eingibt, wird die Funktion für einige Minuten gesperrt, jede Falscheingabe verlängert die Zeitblockade.

Ich habe manchmal einen Traum, in dem ich, mit dem selben Gesichtsausdruck wie Jack Nicholson in "Shining", besessen Pins in allen Familiengeräten absichtlich falsch eingebe und mich ergötze an der Dauer der Gerätesperrung. Und an meiner Macht. Dann will ich meine Mama anrufen. Und hab die Pin vergessen. (UCK)

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Quelle:
SZ vom 28.01.2017
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