"Me Too" und das Messegeschäft Ihr Süßen

Das Klischee lebt: Hostessen beim Genfer Autosalon 2018.

(Foto: Manuel Geisser/imago)

Nett aussehen, während die Männer Geschäfte machen: Der Beruf der Hostess wirkt so aus der Zeit gefallen wie kaum ein anderer. Ein Rundgang über eine ganz normale deutsche Fachmesse.

Von Jan Stremmel

Morgens sind die Frauen noch fast unter sich. Um kurz nach acht, eine knappe Stunde, bis die Messe offiziell losgeht, eilen sie in Jeans und Turnschuhen durch die Halle am Eingang West. Eine Stunde später wird man hier fast nur noch Männer in Anzügen sehen. Die Frauen erwarten sie dann schon an den Ständen. Mit strahlendem Lächeln, Absatzschuhen und Tabletts voller Brezen im Arm.

Die Welt der Messen wirkt wie eine Parallelwelt. Wer nicht aus beruflichen Gründen ohnehin regelmäßig hier unterwegs ist, muss sich bei einem Rundgang, beispielsweise über die Expo Real, Europas größte Immobilienmesse, fast die Augen reiben: Im vorderen Bereich so gut wie aller Stände stehen Männer an Stehtischen und unterhalten sich. Im hinteren Bereich huschen Hostessen in dunklen Jacketts herum und füllen Tassen mit Kaffee. Klar, es gibt einzelne Ausnahmen - männliche Baristas, weibliche Geschäftsleute -, aber insgesamt zeigt sich im Jahr 2018 tatsächlich folgendes Bild: Die Mädels sorgen für nette Stimmung, damit die Jungs Business machen können.

Der Job der Hostess wirkte noch nie so aus der Zeit gefallen wie heute. Während Gleichstellungsbeauftragte, Frauenförderprogramme und Anti-Sexismus-Kurse in vielen Unternehmen normal sind, scheint auf Messen die alte Aufteilung noch völlig unbehelligt weiterzuleben: Frauen als Deko, Männer als Macher. Deshalb war die Frage: Gibt's die klassische Hostess überhaupt noch? Und wenn ja, warum? Wie hat der Job sich verändert und wer macht ihn heute?

Ein Treffen mit einer modernen Hostess-Vermittlerin: Isabella Lauschner, 29. Vor knapp zwei Jahren hat sie ihre Agentur Colorbirds gegründet, gut tausend Frauen sind in ihrer Kartei. Zur Begrüßung am Eingang West der Messe München zieht sie erst mal ein schwarzes Stück Stoff aus der Tasche: Ein ärmelloser Einteiler von H & M, schlicht und seriös. Der Jumpsuit ist die Standardbekleidung von Lauschners Hostessen. "Darf ich vorstellen?" Sie zeigt auf einen kleinen Druckknopf oben am Dekolletée. "Unsere 'Me Too'-Prävention." Eine Kollegin hat die Knöpfe neulich eigenhändig in alle Kleidungsstücke eingenäht. Lauschner lacht, als sei der Knopf ein kleiner Gag für die Kunden.

Sie packt das Kleidungsstück weg, hält ihren Hausausweis an den Scanner und durchquert das Drehkreuz, ein Klemmbrett unter dem Arm. Auf der Expo Real hat sie 60 Hostessen im Einsatz, jeden Morgen besucht sie die "Mädels" an den Ständen. Am ersten Tag begleitet sie sie grundsätzlich persönlich - "psychologisch wichtig", sagt sie, dann wisse der Kunde gleich, dass da jemand ist, der sich kümmert. Tatsächlich hat sich eine ihrer Mitarbeiterinnen gestern über einen Kunden beschwert. Dahin ist Lauschner nun als Erstes unterwegs.

Der Extraknopf im Dekolleté ist kein modischer Gag, sondern auch eine Abwehrmaßnahme

Interessant: Wenn die Hostessen-Vermittlerin über den Beruf in Zeiten der fortschreitenden Gleichberechtigung spricht, pendelt sie ständig zwischen Seufzen und Beschwichtigen. Einerseits, betont sie, habe sie in ihren elf Jahren als Hostess nie sexuelle Belästigung erlebt. Andererseits empfiehlt sie ihren Mitarbeiterinnen, unter den Einteiler noch ein dunkles Shirt zu ziehen: "Wir wollen alle körperlichen Reize ausstellen, damit kein Malheur passiert."

Isabella Lauschner hat ein sonniges Wesen, das einen sofort für sie einnimmt. Mit ihrem Kostüm und dem makellosen Make-up könnte sie auf der Messe auch als Real-Estate-Agentin von der amerikanischen Ostküste durchgehen. "Ich fand den Job immer super", sagt sie. Deshalb habe sie die Agentur gegründet. Sie sei nun mal "ein großer Menschenfreund".

Dass ihre Branche nicht unbedingt im Ruf steht, ein Leuchtturm der Menschenfreundlichkeit, ganz zu schweigen von Emanzipation zu sein, war Lauschner immer klar. Andererseits, so sieht sie das: Es gibt 13 Euro die Stunde, dafür muss man lediglich hilfsbereit sein und eine angenehme Stimmung verbreiten. "Der perfekte Job für aufgeweckte, kluge junge Menschen."

Die Mehrheit ihrer Mitarbeiterinnen sind Studentinnen; darunter auffallend viele Medizinerinnen, was sie mit einer hier möglicherweise besonders ausgeprägten Kombination aus Intelligenz und Verantwortungsbewusstsein erklärt. Abgesehen davon, sagt Lauschner, sei der Job eine tolle Charakterschule. Sie sei "immer wieder fasziniert, wenn ich sehe, wie der Job aus schüchternen 19-jährigen Mädels in einem Jahr richtig toughe Frauen macht". Sie nennt es tatsächlich "Mutterstolz".

Warum auch nicht, denkt man irgendwann. Die jungen Frauen, die man an diesem Vormittag trifft, wirken tatsächlich allesamt auffallend selbstbewusst, frisch und aufgeweckt. Wo ist das Problem?

Andererseits hatte die Idee mit dem Extraknopf im Dekolleté natürlich schon einen Grund. Der Grund sind Geschichten wie die, die Lauschner eher nebenbei fallenlässt: Neulich hat sie zum Beispiel eines ihrer "Mädels" von einem Job abgezogen. Auf der Backwarenmesse hatte sich der Seniorchef eines mittelständischen Unternehmens hartnäckig geweigert, die Hostess anders anzusprechen als mit "mein Zuckerpüppchen". Lauschner zog die Kollegin ab und setzte den Backwarenhersteller auf die Liste der Firmen, mit denen sie nicht mehr zusammenarbeitet.

Der Vorfall sei eine "absolute Ausnahme" gewesen. Normalerweise lehnen sie und ihre drei Kolleginnen im Büro in München-Haidhausen Anfragen direkt ab, wenn die ersten Mails schon so klingen, als hätte sie ein notgeiler Marketingchef nach dem dritten Weißbier verfasst: "Brauche sexy Mädels für eine Shoperöffnung. Bitte nur Blondinen, aber richtig hübsche." - "Gibt es das Outfit auf Ihrer Webseite auch noch mit kürzerem Rock?" - "Wann genau die Schicht zu Ende sein wird, können wir jetzt noch nicht genau sagen. Schauen wir dann einfach spontan ... :-)"

In Halle B1 steht an diesem Morgen, etwas abseits vom Stand eines städtischen Bauträgers, eine 22-jährige Frau mit Pferdeschwanz und bebt vor Wut. So was wie gestern habe sie noch nie erlebt: Falsche Frisur, zu wenig Make-up, zu flache Schuhe, "die haben von morgens bis abends nur gemotzt". Lauschner blickt ernst und macht sich Notizen auf dem Klemmbrett. Nach einer Minute wird klar: Der motzende Kunde, der schon vormittags eine Mitarbeiterin zum Weinen gebracht haben soll, ist nicht etwa ein weiterer Problem-Mann, wie der Reporter erwartet hat. Sondern: eine Frau. Vielsagender Blick von Isabella Lauschner, der wohl sagen soll: Sexismus kommt auch mal aus den eigenen Reihen. Sie packt das Klemmbrett weg, verspricht der Hostess, mit dem Kunden zu sprechen. "Biete denen keine Angriffsfläche. Und immer dran denken: Zeig deinem Feind die Zähne, indem du lächelst!" Abgang.

Schmierige Avancen ignorieren, Wutanfälle weglächeln - es ist, das wird an diesem Tag schnell klar, eine eher passive Art von Toughness, die junge Frauen offenbar brauchen, um als Hostess erfolgreich zu sein. Andererseits ist die Passivität quasi schon in die Berufsbeschreibung eingebaut.

Hostessen empfangen Kunden, akkreditieren Journalisten, reichen Flugblätter, weisen den Weg zur Garderobe. Wo unaufdringlich informiert, zurückhaltend gelotst, unverfänglich geplaudert werden soll, greift man auf Hostessen zurück. Schnippische Widerworte oder eine als kantig aufzufassende Haltung gehören gerade nicht zum Jobprofil. Ein vorsorglich extraweit zugeknöpfter Einteiler ist in dieser Welt der betonten Flauschigkeit also vielleicht fast schon ein Akt der Rebellion.

Junge Männer wissen nicht, dass der Job auch ihnen offen steht, sagt der Messesprecher

Eine gewisse Prophylaxe gegenüber unangenehmen Situationen scheint jedenfalls überall durch. Wenn Lauschner neue Kolleginnen zu einer Veranstaltung mit ausländischen Kunden schickt, bläut sie ihnen jedes Mal ein, sich auf Englisch bloß nicht als "Hostess" vorzustellen. Das könne im Durcheinander der Übersetzung und je nach Herkunft der Geschäftsleute falsche Erwartungen wecken, weiß sie aus Erfahrung. "Am liebsten ist mir, sie sagen einfach und unverfänglich: I am your guide."

Nicht nur die Aussteller, auch die Messe München selbst beschäftigt bei großen Veranstaltungen rund 200 Hostessen. Die Digitalisierung hat dem Berufsbild nicht geschadet, im Gegenteil: Der Sprecher der Messe München erklärt, er beobachte heute sogar deutlich mehr "Informationsbedürfnis" seitens der Besucher. Den "Human Touch" könne nun mal kein iPad ersetzen.

Dass dieser "Human Touch" vielleicht korrekter als "Female Touch" bezeichnet werden sollte, weil mindestens 80 Prozent der Hostessen weiblich sind, verneint der Sprecher. Junge Männer wüssten einfach noch nicht, dass der Job auch ihnen offenstünde. Außerdem: Der "Servicegedanke" des Berufs läge einfach Frauen näher. So sagt er das wirklich.

Kümmern, helfen, eine nette Atmosphäre schaffen: Das deckt sich mit den gängigen Klischees von typisch "weiblichen" Fähigkeiten. Wobei es sich natürlich in Wahrheit nicht um irgendwie angeborene Stärken handelt. Sondern um pure "gesellschaftliche Überformung", wie die Arbeits- und Geschlechtersoziologin Alexandra Scheele von der Uni Bielefeld sagt. "Die Vorstellung, dass Mädchen nett und hilfsbereit sein sollen, während Jungs auch mal wild und unhöflich sein dürfen, ist anachronistisch. Sie hält sich aber auf Handelsmessen besonders hartnäckig, wo dann die so sozialisierten Frauen dafür sorgen sollen, dass sich die Besucher wohlfühlen."

Die Soziologin beobachtet auch, dass - "Me Too" hin oder her - die deutsche Berufswelt noch immer massiv von diesen uralten Geschlechterrollen geprägt ist. "Quer durch die Wirtschaft sind Führungsjobs weit überproportional mit Männern besetzt. Es wundert deshalb kaum, dass auf Fachmessen der Großteil des Publikums männlich ist und man dann Frauen engagiert, um die Produkte für diese Gruppe attraktiver zu machen."

Anders ausgedrückt: Dass es Hostessen überhaupt gibt, mag ein Relikt aus längst vergangen geglaubten Zeiten sein. Aber so modern, wie wir gerne glauben, sind weite Teile der Wirtschaft nun mal noch lange nicht.

Die Agenturchefin stellt klar: "Wir verkaufen hier eine Dienstleistung, keine Gesichter."

Wobei sich im Vergleich zu früher auch die Hostess-Branche einer Art Wandel unterzogen hat. Die Messe München empfiehlt in ihrem Prospekt für Aussteller zum Beispiel auch eine Agentur, die speziell Hostessen über 30 vermittelt, "mit verschiedenen ethnischen Hintergründen". Und während einige rustikalere Anbieter ihre Hostessen noch klassisch mit bauchfreien Fotos und Konfektionsgröße online feilbieten, lehnt Lauschner grundsätzlich alle Aufträge ab, sobald auch nur eine bestimmte Haarfarbe gewünscht ist. "Wir verkaufen hier eine Dienstleistung", sagt sie, während sie von einer Messehalle in die nächste geht, "keine Gesichter."

Viel mehr als auf ein hübsches Äußeres achte sie ohnehin auf "innere Schönheit". Erst neulich habe sie im Bus wieder einer jungen Frau ihre Visitenkarte zugesteckt, weil die eine so nette Ausstrahlung hatte. In ihrer Kartei hat sie auch Frauen, die sie mal beim Kleidershoppen besonders sympathisch beraten haben. Das klingt nett und nach Girl Power. Auf der anderen Seite posieren Hostessen aus Lauschners Agentur auch bei der Eröffnung eines Pirelli-Ladens im Minirock neben Reifenstapeln.

Zum Abschluss des Rundgangs steht die Hostess-Vermittlerin etwas abseits von einem Stand und guckt leicht kritisch. Drei "Colorbirds" begrüßen gerade mit breitem Lächeln ein Dutzend Anzugmänner mit Tabletts voller Obstspieße. Eine Begrüßung wie aus dem Bilderbuch, nur hat die eine Hostess keine dunkle Stoffhose an, wie vom Kunden bestellt. Sondern schwarze Jeans. Lauschner macht sich eine Notiz.

Dann geht sie rüber, zupft einer der Frauen ein Haar von der Schulter und sagt: "Einen wunderschönen Tag euch Lieben. Toll seht ihr aus!"