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Mauerfall:Wo die Einheit wohnt

Straße der Einheit - Teutschenthal, Sachsen-Anhalt

Michael Dubilzig, ehemaliger Bergmann und Schalke-04-Anhänger, in seiner Garage an der Straße der Einheit in Teutschenthal.

(Foto: Christian A. Werner)

Die Wende hat die Landkarte verändert. Es gibt keine Grenze mehr - dafür Straßen, Plätze, Brücken und Tunnel der Einheit. Eine Reise nach Wiesbaden und Teutschenthal.

Gleich hinter Halle ist das Land aufgewühlt. In weißen Dünen ragt Abraumsalz in den Himmel, das unvermeidliche Erbe des Kalibergbaus. In den deutschen Revieren haben sie Kosenamen für diese Wahrzeichen - Monte-Kali, Kalimandscharo - das klingt nach großer, weiter Welt. In Teutschenthal, Sachsen-Anhalt, sagen sie: Halde. Wenn Jutta Schäl im Garten der Bäckerei steht, dann fällt ihr Blick auf die Halde, und der Schatten der Halde fällt auf sie. Man kann das Wetter am Salzberg ablesen, sagt sie. Sieht er aus wie der perfekte Rodelberg, wird die Sonne scheinen. Sieht er aus wie ein monströser Maulwurfshügel, gibt es Regen.

Die Bäckerei Schäl gibt es seit 1923, Straße der Einheit 17. Die Straße beginnt am Bahnhof und endet auf Höhe eines Garagenkomplexes. Reihenhäuser, das Denkmal für verunglückte Bergarbeiter, 1,1 Kilometer. Dienstags hält ein mobiler Hofladen, einmal im Monat ist Seniorentanz drüben in der Volkssolidarität. Es gibt Pfirsichbowle und nach jedem Lied Applaus. Die Straße ist nicht gerade das Zentrum des Ortes, aber das dieser Geschichte. Die Wende hat das Land verändert, auch auf der Landkarte.

Es gibt keine Grenze mehr, dafür Straßen, Plätze, Brücken, Tunnel der deutschen Einheit. Manche wurden vor dem Mauerfall benannt, als hoffentlich selbsterfüllende Prophezeiung. Manche erst danach. Es gibt einen Wanderweg von Görlitz nach Aachen und eine "Erlebnisstraße" entlang des ehemaligen Todesstreifens. Wie lebt es sich an den Adressen der Einheit in Ost und West, 30 Jahre nach dem Mauerfall? Was lässt sich lernen über das Land, durch Ortsbesuche und den Zauber der Zufallsbegegnung?

Straße der Einheit - Teutschenthal, Sachsen-Anhalt

Die Bäckerei von Jutta Schäl in Teutschenthal gibt es schon seit 1923. Der Laden liegt an der Straße der Einheit, Hausnummer 17.

(Foto: Christian A. Werner)

Jutta Schäl, 80, hat Kaffee gekocht, einen Tisch in der Bäckerei freigeräumt. Sie tanzt nur noch selten, seit sie einen Gehstock braucht. Jahrelang hat sie hinter der Theke gestanden. Heute führt der Sohn die Geschäfte, ihr Enkel hat sich auf ausgefallenes Backwerk spezialisiert. Traktor-Torte, Batman-Torte, auch ein DDR-Kuchen ist schon bestellt worden, Hammer und Zirkel aus zuckrigem Fondant. Die Bäckerei Schäl liegt gegenüber dem ehemaligen Kaliwerk. "Wenn die Werkssirene ging, wurde es eng hier drin", sagt Jutta Schäl.

Die Worte "früher" und "damals" hört man oft in Teutschenthal

Fragt man die Anwohner der Straße der Einheit, was typisch ist für Teutschenthal, ist die erste Antwort: die Grube. Fast jeder hier hat irgendwann mal dort gearbeitet oder tut es noch. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Teutschenthal Kali- und Steinsalz für Düngemittel abgebaut. Sie haben das Letzte aus der Erde geholt; die Halde ist an die 100 Meter hoch. Heute werden unten in der Grube nur noch Hohlräume verfüllt - mit Schlacken, Aschen, Industrieabfällen. Immer wieder klagen Menschen in Teutschenthal und Umgebung über Gestank und Atemnot.

Jutta Schäl aber klagt selten, erzählt heiter, wie damals die feinen Dederon-Strümpfe beim Trocknen auf der Leine Löcher bekamen, der Sohn verrußt nach Hause kam, weil die Schlote Asche in die Luft bliesen. "Den Kinderwagen konnteste früher nicht draußen stehen lassen. Aber auch das war irgendwie Heimat." Die Worte "früher" und "damals" hört man oft in Teutschenthal: Früher sei das Miteinander herzlicher gewesen. Früher gab es noch eine Kneipe. Damals haben bis zu 1200 Menschen im Werk gearbeitet, heute sind es noch 200.

Die Straße der Einheit wird oft mit der Straße der deutschen Einheit verwechselt

Einer von ihnen ist Michael Dubilzig. Er sitzt im hinteren Teil der Bäckerei, ein schmaler Mann, der aussieht, als wolle er eins mit dem Tisch werden. Seine Schalke-Kappe hat er tief ins Gesicht gezogen. Nach der Schicht kommt er hierher, um ein Bier zu trinken. Er kann dann besser einschlafen, sagt er. Dubilzig ist an der Straße der Einheit aufgewachsen. Die hieß schon vor dem Mauerfall so, wegen des Zusammenschlusses von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). In den Neunzigern entschied der Gemeinderat, es bei dem Namen zu belassen. Schließlich war man so am Puls der neuen Zeit. Seit 2009 gibt es im abgelegenen Ortsteil Dornstedt auch eine Straße der deutschen Einheit. Aber die wird von den meisten Navis nicht gefunden und sorgt manchmal für Verwirrung bei den Paketboten.

Podcast Der Sound des Ostens
SZ-Podcast "Das Thema"

Der Sound des Ostens

30 Jahre nach dem Mauerfall erzählen die drei Musiker Trettmann, Paul van Dyk und Dirk Michaelis von ihrem Leben in der DDR, der Wiedervereinigung und ihrer Musik.   Antonie Rietzschel, Laura Terberl

Michael Dubilzig, 56, arbeitete fast zehn Jahre als Bergmann unter Tage, heute ist er Anlagenfahrer. Ihm gefiel, dass es im Schacht kein Wetter gab, sondern immer um die 20 Grad. "Die größte Gefahr da unten war das Rauchen", sagt er, und Dubilzig raucht seit der Jugendweihe. Die Kinder hätten oft auf der Halde gespielt. Immer mal wieder sei da oben jemand verschüttet worden. Wie alle Teutschenthaler kann er sich an den Bergschlag vom 11. September 1996 erinnern. Manche sagen: "Nine-Eleven". Zwanzig Sekunden lang bebte die Erde, 4,9 auf der Richterskala. Schornsteine bekamen Risse, eine Hausfassade krachte in sich zusammen.

Als die Mauer zusammenkrachte, saß Michael Dubilzig mit Freunden im Kulturhaus. Sie kauften einen Kasten Bier, bestiegen ein Taxi und fuhren Richtung Westen, für 300 Ostmark, so erzählt er es. Heute treffen sie sich an den Garagen, wenn sie etwas trinken wollen. Der letzte Stammtisch an der Straße der Einheit.

Dubilzigs Garage kann man gut erkennen, die Tür ziert das Logo seines Lieblingsvereins, unter der Decke wölbt sich ein Baldachin aus Fanschals. Warum gerade Schalke 04, ein westdeutscher Verein, jedes Spiel ein Auswärtsspiel? Dubilzig zieht an seiner Zigarette, hält die Erklärung so knapp wie möglich und so lang wie nötig: "Bin Bergmann, genau wie die." Was wünscht er sich für Teutschenthal? Der Mann, der nur Tina Turner mehr liebt als die Arbeit unter Tage, sagt: "Die Straßenbeleuchtung könnte besser sein. Mir ist es hier manchmal zu dunkel."