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Dem Geheimnis auf der Spur:Piratinnen der Karibik

Anne Bonny and Mary Read the female pirates engraved by Cole Portraits de Ann Bonny 1697 1720

Sagenhafte Gestalten: Anne Bonny and Mary Read.

(Foto: imago stock/imago/Leemage)

Anne Bonny und Mary Read sollen berüchtigte Seeräuberinnen gewesen sein - und ein Liebespaar. Ihr Mythos wird bis heute romantisiert.

Von Carolin Werthmann

An einem entlegenen südwestlichen Küstenzipfel Englands sollte seit Frühjahr 2021 die Skulptur eines Duos stehen, das "Gendergrenzen überschritt", wie die BBC schreibt. Zwei schmale Gestalten, die sich so eng aneinanderschmiegen, dass Schultern und Hüften sich berühren, sollten auf das Meer blicken, installiert auf Felsen der Insel Burgh Island: Ein Symbol für die Freundschaft und Freiheit zweier Frauen, die als berüchtigte Piratinnen der Karibik gelten - und Legenden zufolge ein Liebespaar waren. Aber die Kommunalbehörde hat das Werk abgelehnt. Es habe keine Relevanz für die Region, heißt es aus dem Stadtrat. Ein Teil der Einheimischen sieht das ähnlich. Wenn schon, dann Sardinen. Oder etwas, das die lokale Fischerei repräsentiert.

Die Geschichte der legendären Frauen, die in Aufzeichnungen als Anne Bonny und Mary Read auftauchen, klingt so hollywoodreif, dass man sich fragt, warum Disney nach zwei grandiosen, einem halbgaren und zwei dem Erfolg hinterherhinkenden "Fluch der Karibik"-Filmen bislang nicht auf die Idee kam, sich davon inspirieren zu lassen. Ob die Geschichte denn so stimmt, wie man sie sich erzählt, ist ungewiss. Aber es lohnt, ihr nachzuspüren, und sei es nur, um zu hinterfragen, ob die Freiheit, Individualität und weibliche Selbstbestimmung, die bis heute mit dem Mythos in Verbindung steht, wirklich so stichfest ist - oder nicht doch eher eine verklärte Sicht der Gegenwart.

Mary Read kam Ende des 17. Jahrhunderts als uneheliches Kind in England zur Welt. Ihre Mutter, eine Witwe, kleidete sie als Junge; sie wollte so ihren verstorbenen Erstgeborenen ersetzen, weiter von den finanziellen Hilfen profitieren und ihre begangene Sünde vertuschen. Als Mary älter wurde, fand sie Gefallen an den Vorzügen des männlichen Lebens, es heißt, sie soll unter dem Namen Mark gelebt haben. Sie diente eine Weile als Soldat. Dann kam ein Mann, und mit ihm die Liebe - und sie gab sich als Frau zu erkennen. Ein Lebensabschnitt im Schnelldurchlauf: Heirat. Schwanger. Mann stirbt. Mary wird wieder Mark. Sie heuert auf einem Handelsschiff Richtung Karibik an. Piraten überfallen die Besatzung. Mary schließt sich ihnen an.

Ebenfalls gegen Ende des 17. Jahrhunderts betrügt ein irischer Anwalt in Cork seine Frau mit dem Dienstmädchen und wird neun Monate später Vater einer Tochter namens Anne. Weil sein Ruf dahin ist, wandert er mit der Geliebten und Tochter nach Charles Town aus, dem heutigen Charleston im US-Bundesstaat South Carolina. Kaum Teenager, brennt Anne mit einem Kerl namens James Bonny durch, einem armen Seemann, der in verruchte Geschäfte verwickelt ist. Sie heiratet, wird schwanger, langweilt sich, lernt einen gewissen Captain John Rackham kennen, findet den ziemlich gut und wird Piratin.

All dies ist dokumentiert in dem 1724 erstmals auf Englisch erschienenen Buch "Umfassende Geschichte der Räubereien und Mordtaten der berüchtigten Piraten" eines gewissen Charles Johnson. Die Identität des Verfassers ist ein so großes Rätsel, dass es einen eigenen Exkurs wert ist. Experten schreiben Daniel Defoe, dem Autor von "Robinson Crusoe", die Urheberschaft zu, doch es regen sich mehrere Widersprüche gegen die These. In jedem Fall gelten jene Aufzeichnungen als eine der am häufigsten zitierten Quellen für das Goldene Zeitalter der Piraten im 17. und 18. Jahrhundert. Auch in Gerichtsprotokollen finden die Prozesse, in denen Anne Bonny und Mary Read später verwickelt sein würden, Erwähnung.

Die Piratencrew, der sich Mary Read anschließt, ist jene von Captain Rackham und Anne Bonny. Mary ist immer noch als Mann getarnt, hohe Stimme und Bartlosigkeit erregen offenbar kein Misstrauen beim Rest der Mannschaft. Ausgerechnet Anne Bonny fühlt sich nun zu diesem neuen Crewmitglied hingezogen, und Mary outet sich erneut. Der Legende nach änderte das nichts an Annes Gefühlen für sie. Die beiden gingen eine Liaison hinter Rackhams Rücken ein, ehe die gesamte Crew 1720 von der Royal Navy verfolgt, verhaftet und zum Tode verurteilt wurde.

Die letzten Worte, die Anne Bonny zu Rackham gesagt haben soll, lauten: "Wenn du wie ein Mann gekämpft hättest, müsstest du nicht wie ein Hund hängen." Rackham starb am Strick. Anne und Mary sollte das gleiche Schicksal ereilen. Weil sie aber beide schwanger waren (es ist kompliziert), verschob sich die Exekution. Mary soll recht bald darauf am Fieber gestorben sein, von Anne verliert sich jede Spur. Ihr Vater, der Anwalt, mittlerweile wohlhabender Plantagenbesitzer mit viel Einfluss, soll sie befreit haben.

"Sie brauchen sich nicht. Sie wollen sich." So beschreibt Amanda Cotton, die britische Künstlerin hinter der abgelehnten Skulptur, ihre Gedanken zu Bonny und Read. Die Popkultur neigt dazu, Piratenfiguren zu heroisieren, sie zu verwegenen Ikonen zu romantisieren. Ausgeblendet wird, dass sie Schurken (oder Schurkinnen) waren, eine unberechenbare Gefahr für Reisende auf See. Bonny und Read mögen zwei der wenigen Frauen gewesen sein, die als Seeräuberinnen in der Karibik mit einer Horde wilder Männer unterwegs waren, und ja, vielleicht waren sie ein Paar. Aber Anne begleitete Captain Rackham offenkundig als Geliebte an Bord, und Mary konnte nur in Verkleidung sein, wer sie sein wollte. Das schreit nach einer würdigen Verfilmung, besser als Geena Davis' Kinoflop "Die Piratenbraut" aus dem Jahr 1995. Aber die Heldinnen sollten nicht nur Knetmasse sein für eine diverse Geschichte, die gerade ganz gut in die Zeit passt. Der Mythos lebt von Schatten und blinden Flecken.

© SZ/fabr
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