Marlene Dietrich Makellose Eleganz

Marlene Dietrich lief der Mode nicht "in jede dunkle Gasse" nach, sondern setzte jahrzehntelang eigene Trends. Perfekt war jedes Detail - und wer Hüte für überflüssig hält, kennt noch nicht ihre Art, sie zu tragen.

Von Irene Helmes

Was ist Glamour? Selbst Marlene Dietrich war sich nicht sicher. "Niemand hat dieses Wort erklärt. Es ist ein Begriff von Persönlichkeit, oft Schönheit, auf alle Fälle von Autorität." Sicher ist: Für viele verkörperte die Schauspielerin selbst perfekten Glamour.

Ein aberwitziges Etwas aus Federn, getragen mit kühler Eleganz - Marlene Dietrich auf einem Portrait des Fotografen George Hurrell.

(Foto: Foto: dpa/Christies Image)

Marlene Dietrich war das Gegenteil des schönen, passiven Kleiderständers - sie nahm den Stilmix heutiger Stars um Jahrzehnte vorweg, mischte weibliche und männliche Modeelemente, kleidete sich mondän, frech, auffallend und überraschend. Sie wippte in Strapsen und Zylinder kokett auf einem Weinfass, stellte sich im perfekten Smoking samt Hut neben elegante Männer und fiel auch privat so beharrlich durch ihr "unziemliches" Hosentragen auf, dass ein Lexikon heute die "Marlene-Dietrich-Hose" beschreibt - als "bequeme weite Hose in Herrenfasson mit Bügelfalte".

Doch fast immer dabei war ein Accessoire: der Hut. In allen Farben und Formen, klassisch, modern und avantgardistisch - kaum eine Fotografie von Marlene Dietrich, auf der ihre Erscheinung nicht durch eine modische Kopfbedeckung vollkommen wird.

Marlene Dietrichs erster Coup war die Hauptrolle in Josef von Sternbergs Heinrich-Mann-Adaption "Der blaue Engel" (1929/30). Als Nachtklubsängerin Lola Lola trieb sie einen alternden Spießer in den Ruin und sang "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Auf einem Fass sitzend, in Strapsen, mit hochhackigen Schuhen - und einem Zylinder auf dem Kopf. Manchmal habe sie gedacht, "der Film, den wir drehten, sei doch recht ordinär". Aber "Der blaue Engel" öffnete ihr den Weg nach Hollywood.

Vor diesem Durchbruch war sie eher pausbäckig, eine propere Blondine der Goldenen Zwanziger - doch Sternberg brachte sie dazu, zehn Kilo abzunehmen. Marlene Dietrich ließ sich Backenzähne ziehen, um ihre hohlen Wangen besser zu betonen.

Nachdem Sternberg sie mit akribischer Lust am Detail zur Femme fatale stilisiert hatte, übernahm sie später selbst die Kontrolle über ihr Image. Andere Stars ließen sich ausstaffieren, Marlene Dietrich behielt sich das letzte Wort zu jedem Kleidungsstück und Accessoire vor, das sie vor der Kamera trug. Bis hin zur optimalen Ausleuchtung. Wie Jean Cocteau sagte: "Jeder der sie kennenlernen durfte, hat wahre Perfektion erlebt."

"Schon nach kurzer Zeit kann man lächerlich wirken"

Auch privat stand sie dem Glanz ihrer Leinwandauftritte in nichts nach. "Eleganz ist heute selten zu finden", beklagte sie einmal - "Frauen wird nicht mehr das Gefühl dafür beigebracht, und darum fehlt ihnen auch der Wunsch, sie sich anzueignen."

Sie selbst strafte diese Einschätzung Lügen. Designer wie Travis Banton und Jean Louis prägten zwar ihren Stil, doch nie lieferte sich Dietrich dem Geschmack anderer aus. Sie wusste, man dürfe "nie blindlings der letzten Mode in jede dunkle Gasse folgen, schon nach kurzer Zeit kann man lächerlich aussehen." Sie traute ihrer Intuition - und sorgte auch noch für modische Extravaganzen, als sie längst 50, ja 60 Jahre alt war.

Eine seltsame Freude

Die Kleider, die sie für ihre Bühnenauftritte trug, waren für ihre Zeit skandalöse Gratwanderungen. Wenn sie im Hotel Sahara in Las Vegas oder im Londoner Café de Paris auf die Bühne ging, trug sie halbdurchsichtige Gebilde, bestickt mit Abertausenden Pailletten, Perlen und Steinchen, kombiniert oft mit bodenlangen Mänteln aus Pelz oder Federn. In diesen Kombinationen verzichtete sie denn auch auf den Hut - denn sie wusste, wann des Guten zu viel wurde.

"Sie bleibt, was sie seit vielen Jahren ist - eine absolut seltsame Freude, deren Gabe jenseits ihrer Leistungen als Schauspielerin liegt, nicht an eine bestimmte Zeit gebunden ist oder vom flüchtigem Geschmack des Augenblicks abhängt", schwärmte der weltberühmte Fotograf Sir Cecil Beaton einmal.

Marlene Dietrich war stilsicher bis ins hohe Alter. Zuerst als auffallend attraktive Frau, die sich den Rollenmustern verweigerte, die in den konservativen fünfziger und frühen sechziger Jahren für alternde Frauen vorgesehen waren. Doch sie erkannte auch, als ihre Zeit vorbei war, und lebte von 1976 bis zu ihrem Tod 1991 zurückgezogen in Paris. Sie erlaubte Maximilian Schell 1984 zwar, die Dokumentar-Hommage "Marlene" zu drehen, ließ darin aber nur noch ihre Stimme hören - Gesicht und Körper sollten der Welt so schön in Erinnerung bleiben, wie sie gewesen waren.

Ihr Schauspiel und ihr Gesang ist auf Leinwand und auf Schallplatten gebannt. Tausende Fotografien bewahren ihren Look. Wer sich heute umsieht, weiß, dass die große Zeit der Hüte vorbei ist. Wer aber gesehen hat, wie Marlene Dietrich dieses Accessoire trug, wird bedauern, dass es aus der Mode gekommen ist.

Wo gibt es die Hüte der Dietrich: Mützen und Kappen gibt es heute in jedem Kaufhaus von der Stange. Wer jedoch echte Hüte sucht, wird vielleicht eher bei klassischen Hutmachern fündig (etwa im "Salon Hüte & Accessoires" in Berlin oder beim "Hutkönig" von Regensburg, der sogar schon Benedikt XVI. einen handgefertigten Papsthut aus Hasenhaar verehrte). Die Modistin Carolin Pomränke (HUT Couture) verkauft handgearbeitete Einzelstücke - auch im Marlene-Dietrich-Stil (http://xn--pomrnke-hutcouture-otb.de). Aus der Haute Couture sind Hüte nicht völlig verschwunden, der Designer Philip Treacy etwa ist für extravagante Entwürfe bekannt.

Sie haben einen Stil geprägt mit einem Kleidungsstück oder einem Accessoire, das nicht nur sie definiert, sondern Generationen von Menschen beeindruckte: die Unverwechselbaren. sueddeutsche.de stellt in einer Serie diese Personen vor, das Accessoire - und wir sagen, wo man das stilsichere Kleidungsstück heute noch bekommt.