Stilkritik 258 Mal dumm gelaufen

Läufer beim Halbmarathon im chinesischen Shenzhen. Mehr als 200 Teilnehmer nahmen eine Abkürzung.

(Foto: Anthony Wallace/AFP)

Mehr als 200 Halbmarathonläufer in China werden disqualifiziert, weil sie eine Abkürzung genommen haben. Über spielerisches Schummeln und dreisten Betrug.

Von Oliver Klasen

Einen Marathon zu laufen, ist heutzutage längst nicht mehr nur ein Hobby für jene, die sich gerne an der frischen Luft bewegen. Es gehört zu den erstrebenswerten achievements, die ein moderner, erfolgreicher Großstädter absolviert haben muss. Den inneren Schweinehund besiegen, an die eigenen Grenzen gehen, selbst gesteckte Ziele verwirklichen und so weiter. Wer es schafft, seinem Körper die 42,195 Kilometer oder wenigstens die Halbdistanz von 21,0975 Kilometer abzutrotzen - und das in einer auf Instagram oder anderen sozialen Selbstdarstellungsmedien präsentablen Zeit, der ist auch sonst ein winner.

200 Marathons gibt es jedes Jahr in Deutschland, zum Beispiel den Schorfheide-Marathon in Altkünkendorf, den Bödefelder Höllenlauf oder den "Öjendorfer Lothar-Gehrke-Gedächtnis-Marathon" in Hamburg. Doch wenn der Wille zwar stark, aber das Fleisch zu schwach ist, dann ist die Versuchung groß, sich unerlaubterweise einen kleinen Vorteil zu verschaffen. So wie es am vergangenen Wochenende 237 Teilnehmer beim Halbmarathon im chinesischen Shenzhen getan haben. Sie haben einen dicht bewachsenen Grünstreifen als Abkürzung genutzt und sich so, wie es im britischen Guardian heißt, mehr als zehn Prozent der Distanz gespart. 21 weitere Schummler waren sogar noch dreister: Mit Hilfe falscher Rückennummern, die sie an vorauslaufende Starter weitergegeben hatten, erschlichen sie sich bessere Zeiten, oder sie ließen gleich andere, vermeintlich bessere Athleten für sich antreten.

Zu dumm, dass es heute an so gut wie jeder Straßenkreuzung Überwachungskameras gibt. Einige Tage dauerte die Auswertung, doch jetzt steht die Schuld der Schummler fest. Die Läufer mit den falschen Rückennummern werden für den Lauf in Shenzhen lebenslang gesperrt, diejenigen, die die Abkürzung genommen hatten, immerhin für zwei Jahre. Schlimmer als die Strafe durch das Wertungskomitee dürfte aber ohnehin die Ächtung in der Marathon-Community sein. Die ausgestoßenen 258, sie haben die heilige Regel des Sports entweiht: Trainiere hart und du wirst belohnt werden.

Was waren das noch für Zeiten, als das Tricksen, Pfuschen und Bescheißen verhältnismäßig einfach und obendrein eine lässliche Sünde war. Zwar bestand der strenge Englischlehrer Herr Weinelt darauf, dass "Schamblenden" (so nannte er das wirklich) in der Mitte der Bank platziert wurden. Doch mit Glück akzeptierte der Studiendirektor statt des Diercke-Weltatlasses einen kleineren Hefter, an dem vorbei man einen Blick zum Nachbarn riskieren konnte. Funktioniert haben auch der mit Sicherheitsnadel am offen getragenen Flanellhemd befestigte Erdkunde-Stoff oder die in die dunkle Plastikhülle des Taschenrechners gekritzelten Physik-Formeln (wichtig für Profis: Bleistift mit Härtegrad 3B)

Marathon als Metapher für das Leben

Theoretisch drohte beim Spicken eine Sechs, praktisch blieb es beim ersten Versuch oft bei einer scharfen Ermahnung. Inhaltlich brachte das Abschreiben zwar nicht immer etwas, aber es vermittelte eine Lektion fürs Leben: das spielerische Austesten von Grenzen. Heute gibt es elektronische Systeme, die - so wie die Kameras in Shenzhen - jeden Regelverstoß dokumentieren. Fußballer sind dem Videobeweis ausgesetzt und können nicht mehr darauf hoffen, dass der Schiri das Foul übersieht. Dank Ortungssystem im Smartphone weiß der eifersüchtige Partner jederzeit, wo sich sein Schatz aufhält. Und künftig werden autonom fahrende Autos sich penibel an alle Tempobeschränkungen halten.

"Marathonlaufen ist nicht nur eine Übung, es ist eine Metapher für das Leben", so die Organisatoren des Wettbewerbes in Shenzhen. Heißt übersetzt: Wer dort betrügt, ist wohl auch ansonsten ein schlechter Mensch. Hätten wir gewusst, dass es einmal so ernst wird, wir hätten nie einen Blick hinter Herrn Weinelts Schamblenden gewagt.

Er wollte eigentlich im Büro arbeiten

Doch für die Ausbildung hatte die Familie kein Geld. Also begann Eliud Kipchoge mit 16 Jahren zu laufen, wurde Millionär, legte sich eine Bibliothek zu und ist nun Marathon-Weltrekordler. Von Bernd Dörries mehr...