Magerwahn der Models "Dünner ist tot"

Crystal Renn hungerte sich vor Jahren zum Magermodel. Heute trägt die Amerikanerin Größe 42 und ist erfolgreicher denn je.

Interview: Ann-Kathrin Eckardt

Während der Herbstmodeschauen ist der Kampf gegen den Schlankheitswahn wieder voll entfacht. Die Macher der Londoner Fashion Week haben die Designer dazu aufgerufen, ihre Kollektionen mit Models verschiedener Konfektionsgrößen zu präsentieren. In Frankreich sollen Fotos von Models, die am Computer im Nachhinein verschlankt oder mit genehmen Pölsterchen ausgestattet werden, eine Kennzeichnungspflicht bekommen. Fehlt in Hochglanzmagazinen der im Gesetzesentwurf geforderte Warnhinweis, drohen 37.500 Euro Strafe. Was es heißt, dem Magerwahn zu erliegen, hat Crystal Renn auf schmerzhafte Weise erfahren. Die Jagd nach Size Zero hätte das US-Model fast mit dem Leben bezahlt. Heute, mit 22 und Kleidergröße 42, ist sie erfolgreicher denn je, läuft für Gaultier, posiert für Dolce & Gabbana und die Vogue, wirbt für Mango und H&M. In ihrem Buch "Hungry" (Heyne) beschreibt Crystal Renn ihren Weg zum Übergrößenmodel.

SZ: Crystal Renn, ein Modelscout hat Sie mit 14 entdeckt und Ihnen gesagt, dass Sie das Zeug zum Supermodel haben - wenn Sie stark abnehmen. Waren Sie sofort zum Hungern bereit?

Crystal Renn: Natürlich! Der Scout hat mir eine Zeitschrift mit Gisele Bündchen auf dem Cover gezeigt und gesagt: "Das könntest du sein." Ich kannte damals weder Gisele noch interessierte ich mich für Mode, aber die Frau war so unglaublich schön. So wollte ich auch sein. Von Hungern war am Anfang auch nicht die Rede. Ich dachte, ich esse gesünder, mache ein wenig Sport, und dann werde ich schon die geforderte 86er-Hüfte bekommen.

SZ: Aber so war es nicht?

Renn: Nein. Ich wog damals 75 Kilo und war 1,73 groß. Die ersten Pfunde habe ich zwar recht schnell verloren, aber dann stagnierte ich ewig auf 56 Kilo. Also habe ich mein Training und die Diät noch verschärft. Ich aß Salat mit Senf, bloß kein Öl, schluckte Unmengen von Wasser und hatte sogar bei zuckerfreiem Kaugummi ein schlechtes Gewissen.

SZ: Wie haben Ihre Eltern reagiert? Immerhin waren Sie erst 14 Jahre alt.

Renn: Meine Mutter hat sich riesige Sorgen gemacht, aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, mich zum Essen zu zwingen. Ich habe auf niemanden gehört. Im Gegenteil, wenn die Leute mir gesagt haben, dass ich zu dünn sei, hat mich das nur noch bestärkt. Ich dachte, es gehört gerade zur Definition eines Models, dass alle sagen, man sei zu dünn. Ich war einfach wahnsinnig stolz auf die Lücke zwischen meinen Oberschenkeln.

SZ: Als Sie mit 16 von Mississippi nach New York gezogen sind, haben Sie sofort einen Modelvertrag über eine viertel Million Dollar bekommen. Der Erfolg blieb trotzdem aus ...

Renn: Mit 38 Kilo war ich zwar selbst meiner Agentin etwas zu dünn, aber das Aussehen war nicht das Problem. Viel schlimmer war, dass ich immer stiller wurde und völlig apathisch war. Die Haare fielen mir aus, ich hatte gar keine Kraft und keine Ausstrahlung mehr. Meine Gelenke taten furchtbar weh. Trotzdem habe ich mich gleich in zwei Fitnessstudios angemeldet, damit ich am Wochenende acht Stunden trainieren konnte, ohne dass mich andere für sportsüchtig hielten. Models gelten ja oft als hirntot, aber ich glaube, manche von uns verhungern einfach nur. Ich konnte nicht mehr klar denken. Das haben die Kunden gemerkt.

SZ: Wann kam die Wende?

Renn: Nach etwa zwei Jahren. Obwohl ich weiterhin nur Salat gegessen habe und wie eine Wahnsinnige auf dem Laufband gerannt bin, habe ich nicht mehr abgenommen sondern leicht zugelegt. Meine Agentur hat das gemerkt und wollte neue Polaroids machen. Ich war total verzweifelt und habe am Wochenende davor 16 Stunden lang trainiert. Ich war völlig durch. Aber das Erste, was meine Agentin sagte, als sie mich sah, war: "Der Speck muss von den Hüften." Wenn ich in zwei Wochen einen 40.000 Dollar-Job bekommen wollte, müsste ich abnehmen. Da hat es klick gemacht. Am nächsten Tag bin ich in die Agentur und habe gesagt, dass ich Übergrößenmodel werden will. Dann habe ich meine Agentur gewechselt.

SZ: Die Karriereaussichten für Übergrößenmodels sind sehr bescheiden. Trotzdem haben Sie wieder zugenommen?

Renn: Ich wollte Essen und trotzdem in die Vogue. Im Gegensatz zu anderen Magersüchtigen habe ich Essen nie verabscheut. Im Gegenteil: Ich dachte ständig an Erdnussbutter. Es hat dann aber mehrere Monate gedauert, bis ich mein jetziges Gewicht von 74 Kilo gefunden habe.

SZ: Sie haben der Lücke zwischen den Beinen nicht hinterhergetrauert?

Renn: Nein, ich war seltsamerweise richtig glücklich dabei, mir beim Zunehmen zuzuschauen. Plötzlich war in meinem Kopf wieder für mehr Platz als für das Verlangen nach Essen.

SZ: Sie bezeichnen sich jetzt als Übergrößenmodel, sagen aber auch, dass Sie das Gewicht einer ganz normalen Frau haben. Wie passt das zusammen?

Renn: Gar nicht. Ich hasse den Begriff Plus-Size-Model. Aber in der Branche wird er leider für Models wie mich verwendet. Ich hoffe, das ändert sich bald.

SZ: Glauben Sie, dass Ihre Geschichte in der Modebranche etwas bewegt?

Renn: Die Zeit für einen Wechsel ist reif. Dünner können die Models nicht werden. Dünner ist tot. Aber ich alleine kann das natürlich nicht. Viel wichtiger als meine Geschichte sind die Reaktionen der Leser oder Zuschauer. Die Zeitschrift Glamour hat neulich für ein Foto, auf dem man den Bauchspeck meiner Kollegin Lizzi Miller sieht, Tausende positive Reaktionen bekommen.

SZ: Aber ist das nicht scheinheilig, wenn Frauenmagazine auf der einen Seite ein Model mit Bauchspeck drucken und auf der nächsten Seite die neue Diät?

Renn: Generell spricht ja nichts gegen Diäten, so lange man das Ganze nicht so exzessiv macht wie ich.

SZ: Aber Diäten suggerieren Frauen doch, dass sie abnehmen sollen.

Renn: Nicht, wenn die Frau mit ihrem Körper zufrieden ist. Darum geht es ja im Kern. Dafür reicht es aber nicht, dass Models wie ich die neue Mode präsentieren. Sie müssen auch für den neuen Lippenstift und das neue Automodell werben.

SZ: Sie fordern also, dass Übergrößenmodels überall eingesetzt werden?

Renn: Auf keinen Fall! Was ich will, ist eine bessere Mischung, mehr Größen, Hautfarben, Altersklassen. Es wäre auch falsch, alle dünnen Models vom Laufsteg zu verbannen. Es gibt ja Frauen, die sind von Natur aus sehr dünn.

SZ: Die britische Vogue-Chefin hat im Sommer in einem Schreiben an Versace, Prada oder Chanel beklagt, dass die Kleider immer kleiner werden und die Models nachträglich am Computer dicker gemacht werden müssten. Hat sich seitdem irgendetwas geändert?

Renn: Schwer zu sagen, das hängt stark von den Designern ab. In London sind auch wieder sehr magere Models gelaufen. Aber Jean-Paul Gaultier zum Beispiel hat mich gebucht, ohne mich vorher in echt gesehen zu haben. Er wusste nicht einmal, wie ich laufe. Er hat mir das Kleid direkt auf den Leib geschneidert.

SZ: Sophie Dahl, das erste wirklich erfolgreiche Übergrößenmodel, hatte irgendwann genug von ihrer Rolle als Pfundsfrau. Jetzt ist sie wieder dünn. Könnte Ihnen das auch passieren?

Renn: Nein, ganz sicher nicht.