Magersüchtige über GNTM:"Wir müssen alle Puppen sein"

Germany's Next Topmodel 2015 Finals

Mit geradem Rücken aus dem Pappkarton: Barbie-Puppen-Auftritt bei Germany's Next Topmodel.

(Foto: Getty Images)

Der Schlankheitswahn bei "Germany's Next Topmodel" mache junge Frauen krank, sagen Wissenschaftler. Und was denken die, die wirklich an Essstörungen leiden? Ein Fernsehabend mit Patientinnen.

Von Felicitas Kock

Die Stimmung in der WG kippt, als die Barbies das Zellophan zerreißen. Disko-Barbie ist als erste an der Reihe. Mit geradem Rücken kämpft sie sich lächelnd aus ihrem Pappkarton mit Zellophan-Front und stakst in Richtung Heidi Klum. So sieht das aus, wenn man Germany's Next Topmodel werden will. Es folgen die drei anderen Finalistinnen der Model-Show, inszeniert als Braut-, Hula- und Cowgirl-Barbie. Die Musik wummert, die Scheinwerfer zucken. Am Ende kreischt Heidi Klum: "Ihr seid alle wunderschöne Puppen." Die 8000 Menschen in der SAP-Arena in Mannheim flippen aus.

Die jungen Frauen, die sich um den Fernseher geschart haben und das Topmodel-Finale verfolgen, ehe es wegen einer Bombendrohung abgebrochen wird, können über die Inszenierung nur den Kopf schütteln. Zu siebt sitzen sie auf drei Sofas verteilt. Joggingklamotten, Hausschlappen, die Handys liegen griffbereit, die Gespräche drehen sich um den neuesten Klatsch, Jungs, die Wochenendgestaltung. Gelöste Stimmung - bis zum Barbie-Auftritt, der ihnen Wut in die Stimmen treibt. Sind die Mädchen auf der Bühne nicht schon Anziehpuppen genug? Müssen sie jetzt auch noch als willenlose Plastikfiguren inszeniert werden? Dass sie das überhaupt mit sich machen lassen - alles für den großen Traum. "Wir müssen alle Puppen sein", sagt jemand resigniert.

Die jungen Frauen wissen, was das ist, dieser Traum vom Schönsein. Und was er anrichten kann. Sie leben zusammen in einer betreuten WG des Vereins ANAD, weil sie an einer Essstörung erkrankt sind, an Magersucht oder Bulimie.

Wenn man sagt, dass sie auch krank geworden sind, weil sie so sein wollten wie die Mädchen auf der Bühne, ist das nicht falsch. Als im Jahr 2006 die erste Staffel Germany's Next Topmodel lief, waren die jüngsten unter ihnen gerade mal acht Jahre alt, die ältesten zehn. Sie sind mit der Sendung aufgewachsen. Wenn Klum am Abend ihre Mädchen über den Laufsteg schickte, habe es am nächsten Morgen in der Schule kein anderes Thema gegeben, erzählen sie. Und aus den Fernsehbildern wurden schnell Träume: "Wenn du noch zwei, drei Kilo abnimmst, könntest du auch Model werden", habe es auf dem Schulhof geheißen, sagt Daria (alle Namen geändert), ein selbstbewusst auftretendes Mädchen, die dunklen Haare zum Dutt gebunden. Sie habe sich wirklich ausgemalt, bei Heidi im Finale zu stehen. "Ich auch, ich auch", ruft eine Mitbewohnerin. Die anderen nicken.

Magersucht - die tödlichste psychische Erkrankung

Ich will auch Model sein, Puppe sein und bin bereit dafür zu leiden - diesen Zusammenhang sieht auch die Wissenschaft. Heidi Klums Sendung befördere Essstörungen, heißt es in einer Studie, die das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen Ende April veröffentlicht hat. Befragt wurden 241 Menschen, die zu dem Zeitpunkt wegen einer Essstörung in Behandlung waren. Das Ergebnis: 85 Prozent gaben an, die Modelshow könne Essstörungen verstärken. Ein Drittel bescheinigte der Sendung gar einen "sehr starken Einfluss" auf ihre eigene Erkrankung.

Pro Sieben verteidigte sich mit der Mitteilung, bei Germany's Next Topmodel sei "gesunde und nachhaltige Ernährung" ein wichtiges Thema, genauso wie Sport. Zudem sei Übergewicht ein viel größeres gesellschaftliches Problem. Ein Gegenschlag, den viele als zynisch empfanden. Magersucht, die sich häufig gerade in einem Übermaß an sportlicher Betätigung ausdrückt, ist die tödlichste psychische Erkrankung weltweit. Den wütendsten Einwand formulierte der Kölner Psychiater Manfred Lütz in einem Zeitungsinterview: Wenn der Sender sich für diese unsägliche Erklärung nicht entschuldige und endlich Konsequenzen aus der Studie ziehe, nehme er offensichtlich eiskalt den Tod junger Frauen in Kauf.

Magersüchtig mit elf, in der Klinik mit 14 Jahren

In der WG haben sie die Studie und den nachfolgenden Schlagabtausch zur Kenntnis genommen. Wirklich verwundert ist über das Ergebnis hier niemand, sie kennen sich ja aus mit dem Schlankheitswahn.

Wer bei ANAD landet, hat einiges hinter sich. Teresa aus Italien etwa: Sie war gerade elf Jahre alt, als sie magersüchtig wurde. Ihre Mutter gab ihr gestörtes Essverhalten an die Tochter weiter. Der Verzicht auf Nahrung entwickelte sich zum Konkurrenzkampf. Wer ist dünner, wer hält sein Gewicht niedriger? Als Teresa 14 ist, findet ihre Mutter im Kinderzimmer einen Müllsack voller Lebensmittel. Das Mädchen entsorgt, statt zu essen. Da greifen die Eltern durch, bringen Teresa in eine Klinik in München, wo ihr Vater lebt. Als sie dort ankommt, wiegt sie noch 29 Kilo. Es folgen weitere Klinikaufenthalte. Jetzt ist Teresa 19, arbeitet auf ihren Schulabschluss hin und lebt seit fast acht Monaten in der Wohngruppe.

Lara ist noch neu in der WG, ihre Magersucht hat sie über die Kinder- und Jugendpsychiatrie und eine Klinik für Psychosomatik hierher geführt. Die Worte, mit denen sie den Beginn ihrer Krankheit beschreibt, wählt die 18-Jährige bewusst. Sie habe sich pummelig gefühlt und sei sehr unzufrieden damit gewesen. Es habe Stress mit Freunden gegeben, Stress mit den Eltern, dazu Leistungsdruck in der Schule. "Irgendwie kam alles zusammen", sagt Lara und so ganz scheint sie selbst noch nicht fassen zu können, wie das in eine schwere Essstörung münden konnte.

"Dünn sein heißt glücklich sein"

Wenn Teresa, Lara, Daria und ihre Mitbewohnerinnen Germany's Next Topmodel schauen, dann tun sie das anders als Menschen, die nie eine Essstörung hatten. Die jungen Frauen sind Expertinnen im Dünnsein. Den Body-Mass-Index der Finalistinnen können sie schon abschätzen, als die Topmodel-Anwärterinnen zum ersten Mal auf die Bühne treten. Sie wissen, dass die Jury mal eine Kandidatin als dick bezeichnet hat - und bemerken jetzt, dass sie als einzige nicht bauchfrei über den Laufsteg läuft. Heidi Klums Oberschenkel? Waren vor 20 Jahren mal richtig klasse, sind jetzt aber viel zu dünn. Wolfgang Joop? Steht auf Männer und findet deshalb eh nur Körper gut, die aussehen wie ein Brett.

Laut wird es, als ein Einspieler die ausgeschiedene Kandidatin Kiki zeigt, die einen Slip in einer ganz normalen Größe in die Luft hält und erklärt, der sei so riesig, dass sie sich komplett hineinlegen könne. "Spinnt die?", ruft eine Bewohnerin durchs Wohnzimmer. Wie soll man da keine Komplexe bekommen? Die Mädchen auf dem Sofa wundern sich auch, dass die Mädchen auf der Bühne so leistungsfähig sind: "Wenn du runtergehungert bist, kannst du eigentlich nicht mal mehr richtig denken."

700 000 Menschen in Deutschland leiden an einer Essstörung. Sie haben Magersucht, Bulimie, Essattacken - oder eine Mischung aus allem. Besonders häufig betroffen sind Mädchen zwischen elf und 17 Jahren. Natürlich ist eine Fernsehsendung allein noch kein Krankheitsauslöser. Oft kommt vieles zusammen, wie bei Lara. Die Mädchen durchleben eine Identitätskrise, zerbrechen daran, eine Situation nicht bewältigen zu können. Wenn sich dann noch der Körper zu Beginn der Pubertät verändert, erste Rundungen bekommt, ist das für die Betroffenen zu viel. Und während sie sich bei allem anderen machtlos fühlen, wird die Beherrschung des Körpers zur einzigen Möglichkeit, die Kontrolle zu behalten.

Magersüchtige werden überall herausgefordert

"Außerdem glaubt man, dass die Topmodels alle total glücklich sind", sagt Daria. Wer am Ende einer Staffel vor Freude weint, weil das eigene Konterfei auf einem Magazincover erscheint, wer einen Modelvertrag bekommt, von Tausenden Menschen bejubelt wird - der muss doch ein tolles Leben vor sich haben. "Dünn sein heißt glücklich sein", fasst Lara den Gedanken zusammen, den sie alle einmal hatten, damals, zu Beginn ihrer Krankheit.

Wie der Körper aussieht, mit dem man vermeintlich glücklich wird, lernen kleine Mädchen seit zehn Jahren bei Heidi Klum. 40 Prozent der Mädchen zwischen elf und 17 Jahren schauen Germany's Next Topmodel. Aber natürlich ist die Show nicht das einzige Format, das ein ungesundes Körperbild vermittelt. Es gibt genügend andere Sendungen, Zeitschriften, Werbeformate. Wenn mager sein eine Sucht ist, dann finden die Betroffenen ihren Stoff in jedem Schaufenster, an jeder Litfaßsäule, an jedem Kiosk. "Wenn ich jemanden sehr dünnen sehe, triggert mich das", sagt Teresa. Sie denkt dann darüber nach, dass sie genauso dünn sein könnte. "Ich habe es schon einmal geschafft, nichts zu essen. Ich weiß, ich würde es wieder schaffen."

Skelita, die Knochenpuppe für kleine Mädchen

Sie will aber nicht. Denn jetzt, wo sie nach zahlreichen Therapiestunden reflektiert über die Sache sprechen kann, klingt die Wahrheit über das Dünnsein nicht mehr nach dem großen Glück: Die Krankheit macht traurig, abgestumpft, wird zur einzigen Freundin. Die echten Freunde, alles, was Spaß macht, wird ausgeklammert, sagt Teresa.

Nur von einer Sache komme sie nicht los. Die junge Frau mit den langen dunklen Haaren legt die Stirn in Falten und senkt die Stimme, ihr Satz wirkt wie ein Geständnis: Sie finde die dünnen Modelkörper immer noch schön. Eine ihrer Mitbewohnerinnen geht noch weiter: "Ich bin immer noch nicht von dem Dampfer runter, dass die Gesellschaft dieses Aussehen toll findet." Was soll man auf so etwas antworten? Dass man diesen Eindruck nicht von der Hand weisen kann? Dass wir uns in den vergangenen Jahrzehnten auf ein sehr enges Schönheitsideal hinbewegt haben, das wenig Raum lässt für Kurven und Kleidergrößen jenseits der 40? Dass sich die Menschheit nun mal vor Frauen verneigt, die aussehen, als würden sie nichts essen? Dass das alles mit uns Normalmenschen aber gar nichts zu tun hat?

In ihrer Heimat Süditalien, sagt Teresa, sähen die Puppen ganz anders aus. In der ehemaligen Sowjetunion, wo ihre Mutter herkommt, auch, sagt Daria. Rund, pausbäckig, mit Kurven, nicht so dürr und lebensunfähig wie Barbie. Aber Barbies seien noch harmlos im Gegensatz zu dem, was jetzt in den Spielzeugläden verkauft wird. Die jungen Frauen geben ein Handy herum, darauf das Foto eines Skeletts mit langen schwarzen Haaren, kurzem Rock und Kussmund. Das Knochenmädchen Skelita aus der Mattel-Serie "Monster High". "Mit sowas spielen die Achtjährigen heute", sagt Daria. "Ist das nicht krank?"

© SZ vom 18.05.2015/feko
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