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Magersucht:Lachen und Weinen im Sekundentakt

Es war eine Spirale, ein Teufelskreis. Ich weinte und lachte im Sekundentakt. Ich wusste nicht weiter, fand keinen Ausweg, wollte keinen Ausweg, wollte dünn sein. Wollte immer nur dünn sein. Als gäbe es nichts Wichtigeres auf dieser Welt. Ich wusste, dass es dumm war, aber ich konnte nichts gegen meine Gefühle tun. Und dass ich so dumm war, schürte die Wut auf mich selbst nur noch weiter.

Heute sieht man mir meine Krankheit nicht mehr so an wie damals. Ich habe irgendwann unter dem Deckmantel, irgendetwas ändern zu müssen, zu gesunder Ernährung gefunden. Mit ausgewogener Ernährung konnte ich mich besser anfreunden als mit der Tatsache, durch mein Verhalten auch noch meine übriggebliebenen Freunde zu verlieren. Denn die Essstörung hat auch mein Benehmen und meine Denkweise verändert.

Ich stehe dauerhaft unter Spannung, auch wenn zeitgleich eine grenzenlose Leere mein Leben bestimmt. Ein falsches Wort bringt meine Stimmung zum Kippen, niemand versteht meine Wut- und Heulausbrüche. Wie denn auch? Ich verstehe sie selbst nicht. Auch dadurch schüre ich den Hass gegen mich selbst weiter.

Ich schäme mich, um Hilfe zu bitten

Seitdem hungere ich, wenn ich alleine bin, und esse zu viel, wenn ich es nicht bin. Es gleicht sich irgendwie aus und ich überlebe, aber die Gedanken sind immer da. Ich habe meine Freude am Essen verloren. Ich weiß, dass ich da alleine nicht mehr rauskomme, aber schäme mich zu sehr, um Hilfe zu bitten. Niemand weiß, dass mein Gewicht und mein Körper an erster Stelle stehen. In Gesellschaft vergleiche ich mich mit anderen. Es gibt kein hübsch mehr, nur noch dick oder dünn. Neid, wenn jemand dünner ist, und Stolz, wenn ich dünner bin.

ÜberLeben "Ich habe Barbie-Puppen gekauft, um sie zu quälen"
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Adipositas

"Ich habe Barbie-Puppen gekauft, um sie zu quälen"

Sandra Selbach litt unter ungezügeltem Essverhalten. Mit einem Körpergewicht von 160 Kilo nimmt sie den Kampf gegen ihre Fettsucht auf. Eine Geschichte von Einsamkeit und Frust.   Protokoll: Lars Langenau

Mit jedem psychischen Rückschlag werden die Stimmen im meinem Kopf stärker. Ich lebe in einem ständigen Kampf von Aufhören und Weitermachen. Ich weiß, dass der Weg, den ich gehe, der falsche ist. Aber einen Ausweg finde ich nicht. Ich habe große Angst, diese Gedanken jemandem mitzuteilen. Angst davor, ausgelacht und nicht verstanden zu werden. Denn Essstörungen, wie gegenwärtig sie in der Gesellschaft auch sein mögen, sind meiner Meinung nach immer noch unterschätzt und falsch verstanden. Man muss die alles verursachende Wurzel ziehen, um die Krankheit zu überleben. Und das ist eine Aufgabe, für die es weder Anleitung noch Lösung gibt.

Meine Geschichte ist nur ein kleiner Ausschnitt an Gedanken und Gefühlen. Die Wirklichkeit ist umfangreicher. Und schlimmer. Ich habe mich nie gefragt, was sein wird, wenn ich endlich dünn genug wäre. Ob es etwas an meinen Gefühlen ändern würde. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass ich so nicht für immer überleben kann. Dass sich irgendwann etwas ändern muss. Aber die Scham ist zu groß. Die Scham ist das Schlimmste.

Wie können mich solche Gedanken so sehr quälen, wenn auf der Welt so viel Schlimmeres geschieht und es anderen so viel schlechter geht als mir? Wie kann ich so egoistisch und dumm sein? Das ist die Frage, mit der ich abends zu Bett gehe und morgens wieder aufwache. Wenn meine Finger dabei zu meinem Hüftknochen wandern, sachte über ihn tasten, in den Speck zwicken und ich mir nichts mehr wünsche, als endlich dünn zu sein. Und nicht mehr so egoistisch und dumm.

Weil ich weiß, dass ich so nicht für immer leben kann, dass ich irgendwann an den Punkt kommen werde, an dem es weder vor noch zurück gibt, muss ich etwas ändern. Die einzige Möglichkeit ist es, mich mit der Wurzel auseinanderzusetzen und mich jemandem anzuvertrauen. Sei es ein Familienmitglied oder eine fremde Person. Freunde oder ein Psychiater.

Der erste Schritt ist getan: Ich habe selbst eingesehen, dass ich etwas ändern muss und dass ich Hilfe brauche. Es gibt Hilfe, ich muss sie nur annehmen, ich muss es wollen. Nur so kann ich überleben.

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Die Autorin, 24, studiert in München Kommunikationswissenschaften und möchte anonym bleiben.

© SZ.de/lala/rus
Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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