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Magersucht:Meine Psyche kämpfte ums Überleben

Ich hatte sowieso Probleme zu dieser Zeit. Ich fühlte mich in allen Bereichen unter Druck gesetzt. Ich hatte Liebeskummer, Streit mit Freunden und der Familie, ich sah keine Zukunft. Kurz gesagt: Meine Psyche kämpfte ums Überleben und suchte nach Halt, einem Anker, irgendwas, womit sie mein zerrüttetes Leben wieder kleben konnte.

Das Problem mit dem Essen hat sich schleichend entwickelt. Ich suchte einen Ausweg aus meiner Situation, ich wollte, dass mein Umfeld sieht, wie verletzlich ich bin und dass man mich schont, mich nicht mehr unter Druck setzt, sich bemüht, mir zu helfen. Mir den Druck zu nehmen.

Ich sah nur einen Weg, wie ich das erreichen konnte: Ich musste diese Stampfer loswerden. Meine Stampfer. Denn dünn ist gleich zerbrechlich. Also hörte ich auf, zu frühstücken. Ein Apfel reichte mir drei Tage. Ich raspelte immer eine Apfelseite, damit es nach mehr aussah und meiner Familie nicht auffiel. Den Rest des Apfels versteckte ich ganz hinten im Kühlschrank.

Die Zahl auf der Waage bestimmte mein Leben

Mittags aß ich eine Vollkornsemmel, Kaffee trank ich nur noch schwarz. Jeden Abend ging ich ins Fitnessstudio. Wenn ich nachts vor lauter Selbsthass nicht weinte, quälte ich meinen Körper mit unzähligen Hampelmännern. Die Zahl auf der Waage bestimmte morgens, ob der Tag gut oder schlecht werden würde. Ich sagte Freunden ab, weil ich Angst hatte, dass ich essen musste. Ich kannte alle Nährwertangaben auswendig. Wusste, was ich sagen musste, damit niemand nachfragte. Ich war nur noch glücklich, wenn ich wenig gegessen hatte oder die Zahl auf der Waage kleiner wurde.

Das sind nur einige Beispiele dafür, wie mein Leben seither aussieht. Ich war seit Jahren nicht mehr beim Bäcker, dabei habe ich früher nichts mehr geliebt als Donuts und Schoko-Croissants. Der Gang in den Supermarkt entwickelt sich jedes Mal aufs Neue zu einer Tortur. Ich schaffe es, eine halbe Stunde vorm Regal zu stehen und die Knäckebrot-Nährwerte zu vergleichen. 43 kcal pro Scheibe. Das andere 45 kcal. Okay, wie sieht es mit der Fettverteilung aus? Und die Kohlenhydrate? Wie viel Zucker hat es? Wenn ich mir vornehme, Spaghetti zu kochen, verlasse ich das Geschäft doch wieder mit Magerquark, Gurken oder Karotten. Oder mit nichts.

ÜberLeben "Ohne die Schwangerschaft würde ich nicht mehr leben"
Serie "ÜberLeben"

It-Girl Sara Schätzl

"Ohne die Schwangerschaft würde ich nicht mehr leben"

Sara Schätzl, 27, einst Liebling des Münchner Boulevards, spricht über ihre Krankheit Bulimie. Und über ihren Weg aus der Lebenskrise.   Protokoll: Lars Langenau

Das Leben stellt sich mir als Hindernis in Form von sozialen Kontakten entgegen. Keiner durfte etwas merken, niemand durfte wissen, welchen Überlebenskampf ich innerlich ausfocht. Tag für Tag aufs Neue. So lernte ich zu lachen, fröhlich zu sein, Spaß zu haben. Ich aß fettige Burger und Kuchen, tat so, als würde es mir schmecken und als könnte ich die Stimme in mir nicht hören, die mich in Dauerschleife anschrie, wie unfassbar undiszipliniert und schwach ich doch sei.