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Männer mit gefärbten Haaren:Flasche über mein Haupt

Frauen lackieren sich die Nägel, zupfen sich die Brauen, färben sich die Haare. Männer tragen edle Uhren, rasieren sich - und färben sich die Haare. Doch für ihr Bemühen zu gefallen, ernten sie oft nur ein spöttisches Lächeln. Warum eigentlich?

Die Falten? Die schwächer werdenden Augen? Oder vielleicht der Bauch? Nein, für viele Männer ist die größte Herausforderung des Alterns: das Haupthaar. Entweder es fällt gleich aus, oder aber es wird grau. Nun besang zwar schon 1956 eine junge Frau namens Adriana Menke alias Nana Gualdi die Männer mit den grauen Schläfen. Und nicht nur dank George Clooney gelten auch ein halbes Jahrhundert später ebendiese vielen nicht als Zeichen von Altersschwäche, sondern im Gegenteil: von Sex-Appeal.

Michael Schumacher färbt sich die Haare

Selten ist so ein Blick auf die dunkelblonde Pracht: Michael Schumacher trägt auf dem gefärbten Haar meist Kappe.

(Foto: dpa)

Doch seit dem Schlager von Frau Gualdi hat sich einiges getan in der Schönheitsindustrie: Models werden inzwischen am Fließband produziert, der perfekte Busen kommt aus einer Silikonfabrik, das faltenfreie Gesicht aus der Botox-Spritze. Und Haarfärbemittel, die bis in die 1970er Jahre zum Teil noch krebserregende Stoffe enthielten, sind dank Bambus-Essenz, Diamant-Glanz-Serum und Chromatic-Color-Farbpigmenten eine wahre Wohltat fürs Haar. Längst haben sie sich ihren Platz in den Drogerieregalen erobert. Aufgereiht stehen dort ganze Bataillone unterschiedlicher Farbtöne bereit, die Haare der Deutschen zu retten.

Längst greifen nicht mehr nur die Frauen zur Flasche, wenn es um die perfekte Haarfarbe geht. "Ich mag keine grauen Haare an mir und habe kein Problem, etwas dagegen zu tun", sagte etwa Formel-1-Pilot Michael Schumacher nun der Zeitschrift Bunte. Er sei sehr eitel und färben sich bereits seit mehr als zehn Jahren die Haare, sagte der 43 Jahre alte Rennfahrer.

Es ist ein mutiges Bekenntnis. Denn viele Frauen haben für das männliche Bemühen, mit vollem, dunklem (oder in Schumachers Fall: dunkelblodem) Haar zu gefallen, weder Verständnis noch Anerkennung, sondern gerade mal ein spöttisches Lächeln übrig.

Wenn sich Männer rasieren, die Fingernägel stutzen, wenn Sie edle Anzüge tragen und teures Aftershave, wenn sie sich die Haare stylen, kurz: wenn sie Wert auf eine gepflegte Optik legen - das gefällt Frauen. Aber gefärbte Haare? Wirkt oft unnatürlich, ist doch affig, das sind die gängigen Reaktionen. Bei Frauen sind gefärbte Haare gang und gäbe, bei Männern nur in Ausnahmefällen wie Sascha Lobo oder Alice Cooper zulässig. Im Vergleich zur braunen oder schwarzen Mähne gelten sogar rasierte Beine noch als Inbegriff der Männlichkeit. Aber warum eigentlich?

Wenn es um Modelshows, manipulierte Magazin-Cover und Plakate mit dürren Körpern geht, werden so gut wie immer Frauen als Opfer des Schönheitswahns hingestellt. Und sicherlich sind die gesellschaftlichen Erwartungen, die perfekte Figur abzugeben, an Frauen höher als an Männer. Aber anzunehmen, dass die millliardenschwere Kosmetikindustrie mit all ihren Kampagnen und Kniffen ganz ohne Einfluss auf die Hälfte der potentiellen Kunden bleibt, ist abwegig.

Und überhaupt: Wie viele Loblieder wurden schon auf die "neue Männlichkeit" gesungen. Vom modernen Mann wird erwartet, dass er zu seinen Gefühlen steht und diese auch zeigt. Aber wehe, diese Sensibilität setzt auch gegenüber dem eigenen Alterungsprozess ein und führt in letzter Konsequenz zum Griff zur künstlichen Haarfarbe. Dann wünschen wir uns die unnahbaren alten Männer "mit Format" aus Frau Gualdis Zeiten zurück.

© Süddeutsche.de/jobr
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