Süddeutsche Zeitung

Männer-Kolumne:Markus

Unsere Autorin kann den Moderator Markus Lanz nicht leiden. Eigentlich. Denn wenn sie dann doch mal eine Sendung mit ihm sieht, geschieht etwas Merkwürdiges: Sie findet ihn schlagfertig, witzig, schlau, höflich und total nett. Wie macht er das nur?

Von Johanna Adorján

In Michael Endes "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" gibt es die Figur des Scheinriesen, der aus der Ferne riesengroß wirkt, und je näher er kommt, desto kleiner. Ähnlich verhält es sich mit meiner Ablehnung von Markus Lanz. Wenn ich an ihn denke, was ich in diesem Moment tue, finde ich ihn schwer zu ertragen. Mich stört, wie er mit den Leuten redet, die in seine Talkshow kommen, um etwas zu verkaufen, das Geduckte daran, dieses Sich-klein-Stellen, um dem Gegenüber schönzutun. Es gibt diesen jüdischen Satz: Mach dich nicht so klein, so groß bist du nicht. Der fällt mir zu Markus Lanz ein. Ich wünschte, er würde sich einfach normal hinsetzen und nicht immer so von unten zu seinen Gästen aufsprechen, als wolle es einfach nicht in seinen Kopf, dass etwa ein, nehmen wir Herbert Grönemeyer morgens frühstückt. "Und was macht ein Herbert Grönemeyer sich dann so?" "Porridge." "Porridge? Wahnsinn."

Markus Lanz schlimm finden kann jeder. Dabei ist Reinhold Beckmann viel schlimmer

Er trägt Anzüge in warmen Farben wie Aubergine oder Herbstlaub, die mit seinem gebräunten Teint harmonisieren. In einer Hand hält er die Karten, auf die er nie guckt, er ist perfekt vorbereitet. Die andere nutzt er als Spielhand, zum Gestikulieren oder um sich ans Kinn zu fassen, wenn jemand etwas Trauriges erzählt, vom Tod eines geliebten Tieres etwa oder einer überstandenen Autoimmunkrankheit.

Gerne erwähnt er, viel gereist zu sein. Asien. Hab da mal eine Reportage murmel... Man versteht ihn dann kaum, so sehr bemüht er sich, bloß nicht als Wichtigtuer dazustehen. Ein Räuspern läutet seine Anekdote vom Mekong ein, es denken ja viele, dass Räuspern bescheiden wirkt, woher auch immer das kommt, vielleicht, weil es auf eine Erkältung hindeuten könnte und man sich diese ja früher, bevor die Zentralheizung erfunden wurde, oft in Armenvierteln zuzog. Keine Ahnung. Kleines Räuspern von Lanz jedenfalls, während die Spielhand die Runde zu kurzem Innehalten einlädt, und dann kommt, mit sicher gesetzten Pointen, eine Geschichte, bei der am Schluss alle lachen, auch Lanz, dessen Gesicht dann nett zerknautscht, dazu gibt es ganz großen Studio-Applaus.

Kommt die Antwort eines Gastes beim Publikum besonders gut an, wiederholt er sie gleich noch mal als Frage. Hast du wirklich Frage noch mal. Und man denkt sich, ja, hat der Gast wirklich, hat er doch eben gerade gesagt. Oder was er auch gerne macht, ist, wenn ein Gast eine Pointe setzt, diese zu wiederholen, wenn er ausgelacht hat, und zwar mit dem Zusatz: Das ist auch nicht schlecht.

Ansonsten verbringt er seine Interviews zu großen Teilen damit, entweder zu erzählen, was ihm mal jemand in dieser Sendung erzählt hat. Oder exakt das noch mal abzufragen, was sein jeweiliger Gast ihm letztes Mal in dieser Sendung erzählt hat. Dadurch entstehen Redundanzen, aber die sind in einer Sendung, die hauptsächlich von Menschen geguckt wird, die direkt im Anschluss schlafen möchten, vielleicht nicht verkehrt. Aber wenn ich, was so gut wie nie vorkommt, mal eine Sendung mit ihm sehe, dann passiert das Zauberstück, dass ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann, was ich an ihm noch mal so schlimm finde, wenn er außer Sichtweite ist. Wenn ich ihn sehe, finde ich ihn schlagfertig, witzig, wach, schlau, höflich und total nett. Wie macht Markus Lanz das?

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Quelle:
SZ vom 15.12.2018
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