Während der Haute-Couture-Modewoche, die Paris gerade noch eleganter strahlen ließ, stahl ein muskulöser Amerikaner mit langen aschblonden Haaren und dickem Schnurrbart allen die Schau. Er tauchte zu vielen Défilées als Begleitung eines Mannes auf, der sich Violet Chachki nennt und dieses Jahr die Rolle des Paradiesvogels innehatte, den alle fotografieren wollen, weil er Frauenkleider trägt und sich schminkt wie eine Rokoko-Gestalt.
Er sieht hinreißend aus. Aber nicht halb so interessant wie der Mann mit dem Schnurrbart: Das war Casey Spooner, den älteren Ravern unter Ihnen vielleicht noch als Teil des Elektro-Duos Fischerspooner ein Begriff, das Anfang des Jahrtausends kurz fast berühmt war, dann aber wohl doch zu dark, zu flamboyant für die breite Masse. Er hat seither immer Musik gemacht, spielte auch Theater, zum Beispiel war er in einer Hamlet-Inszenierung der Wooster Group in New York zu sehen, wo er bis vor Kurzem wohnte.
Jetzt ist er nach Paris gezogen. Er ist erst seit wenigen Wochen da, aber in dieser Stadt scheint er zu finden, wonach er sich immer sehnte, vor allem ist das wohl Freiheit, ein bisschen Gleichheit und Brüderlichkeit sind aber schon auch mit dabei. Auf Instagram kann man ihm dabei zusehen, wie er aufblüht. Mehrmals am Tag zieht er sich um, probiert neue Rollen und Damenkleider, zeigt immer mehr von seinem auftrainierten Dekolleté. Neulich hat er mitten in der Nacht ein hübsches, verzweifeltes, männliches Model aufgenommen, das in die Notlage geraten war, sein Handy aufladen zu müssen, und dann saßen sie während des Ladevorgangs auf dem Sofa, unterhielten sich und aßen Schokolade. Am nächsten Tag bedankten sie sich artig beieinander für die schöne Begegnung.
Vor ein paar Tagen kam ein neues Fischerspooner-Album heraus. Zur ersten Single, die ein bisschen nach Depeche Mode klingt, aber in schwul und mit Humor, gibt es ein herrlich verwegenes Video, in dem Casey Spooner nackt und verschwitzt in einem Club von circa 30 nackten verschwitzten Männern begehrt wird.
Seiner Mutter gefiel es gar nicht, er solle aufhören, seinen Hintern im Internet zu zeigen, das sei doch peinlich, mailte sie ihm, auch das veröffentlichte er, zusammen mit seiner Antwort: Es sei nicht peinlich, sondern wichtig, es sei "ein politisches Statement gegen den derzeitigen anti-schwulen Neo-Nazi-Präsidenten." Und: In diesen schwierigen Zeiten würde er sich von ihr wirklich Unterstützung wünschen.
Er findet sie in Paris. Hier lebe er endlich aus, wovon er immer geträumt habe, antwortet er dem Bewunderer eines seiner Fotos auf Instagram, und er fühle sich von Tag zu Tag jünger dabei. Und wenn man ihn dann mittags im Marais sitzen sieht, ganz allein und ein bisschen verloren in einem Kamelhaar-Ensemble, dessen Oberteil er ausgezogen hat, um sein komplett durchsichtiges Plastik-Hemd zur Geltung zu bringen, und mit einer gelben John-Lennon-Brille dem grau verregneten Mittwoch trotzend, möchte man ihn eigentlich am liebsten in den Arm nehmen, diesen großen, breiten Mann mit der Françoise-Hardy-Frisur, und ihm dafür danken, dass er einen teilhaben lässt an der Magie, die es hat, wenn ein Mensch sich in sich selbst verliebt.

