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Einkaufen:Wo ist denn eigentlich...?

Viel zu viel Auswahl: der einkaufende Mann in Zeiten der Pandemie.

(Foto: mauritius images / Sumetee Thees)

Das Prinzip Überforderung: Warum Männer im Supermarkt trotz Einkaufszettel hoffnungslos verloren sind. Ein Bekenntnis.

Glosse von Joachim Käppner

Dieser Tage berichtete ein Freund und Kollege von mir, im Job ein souveräner Entscheider, wie er fast daran gescheitert wäre, vom Supermarkt einen Becher Bé­cha­mel­so­ße heimzubringen. Der Mann, der selbst ungnädigste Rückfragen seitens der Vorgesetzten nie anders als mit Kompetenz und Sicherheit pariert, muss demnach haltlos durch lange Flure voller verwirrender Namensvielfalt geirrt sein und hätte beinahe aufgegeben, trotz mehrfacher Nachfrage beim Verkaufspersonal und präzisen Auskünften wie "Da hinten!" Welche Sanktionen er bei einer bé­cha­mel­so­ßenlosen Heimkehr gefürchtet haben mag, entzieht sich unserer Kenntnis, nur so viel: Es schien ihm keine Option zu sein.

Solche Vorkommnisse sind kein Einzelfall mehr. Für empfindsame junge Menschen muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die folgenden Zeilen verstörende Inhalte enthalten, besonders unter Gendergesichtspunkten. Dies ist zwar keinesfalls Absicht des Verfassers, aber erforderlich zur Behandlung eines in Corona-Zeiten um sich greifenden und leider nicht länger zu leugnenden Phänomens: des planlos einkaufenden Herrn.

Bekanntlich steht der Typus des Mannes, der sämtliche Fragen des Haushaltes einschließlich der Kinder von vornherein als Frauensache behandelt, auf der roten Liste aussterbender Rollenbilder, zumindest offiziell. Der modernere Typus pflegt im Freundes- und Kollegenkreis vorzutragen, für ihn sei es gerade im Home-Office ganz selbstverständlich, ein Team mit der ebenfalls berufstätigen Partnerin zu bilden und die Hälfte der Haushaltslasten zu tragen, mindestens. Ihm fällt dabei der, im besten Falle, nachdenkliche Blick ebendieser Partnerin meist nicht auf.

Birren, Binnen, Bisam - was soll jetzt in den Korb?

Der gute Wille ist diesem Mann gelegentlich nicht abzusprechen. Gewiss, er stellt den Berg Pfandflaschen, den sie ihm noch in die Arme drückte, gleich für die Altglassammler am Container ab; man muss bei so komplexen Dingen wie dem Wocheneinkauf Störungen der Fokussierung vermeiden. Außerdem hasst er es, Schlange vor dem blöden Pfandautomaten zu stehen.

Nur die Besten schaffen es, multifunktionale Aufgaben zu erledigen, also mehrere Läden hintereinander aufzusuchen. Wer zuerst den Kasten Augustiner und drei Taschen voller Lebensmittel beschafft, muss immer wieder feststellen, dass diese Last den anschließenden Besuch des alternativen Teeladens erschwert. Daran, denkt er, hat sie natürlich nicht gedacht, als sie diese elend lange Liste aufschrieb, und was heißt das hier eigentlich, Birren, Binnen, Bisam? Wie zum Henker soll er Bisam besorgen? Was ist das überhaupt? Die Ratten vom Baggersee kann sie wohl nicht meinen. Ihre Handschrift ist rücksichtslos. Es ist ein Kreuz.

Von vielen Dingen, die auf der Liste stehen, hat er, er könnte schwören, noch nie gehört. Bé­cha­mel­? Wie, was, Vanillestangen? Dinkel-Grünkern-Mischung, ist das für Hühner, oder was? Und wieso bekommt er daheim Stress, wenn "laktosefrei" auf der Milch steht, hatte nicht sogar der Özi Laktose? Sehr schlimm ist es für ihn im Ökoladen, wo viele bewusste Menschen zielstrebig in die Regale greifen. Er nicht. Rapunzeldings soll er holen, aber hier heißt alles Rapunzel oder Schneewittchen.

Männer mögen klare Verhältnisse. Fünf Steaks beim Fleischer, kein Problem. Aber was die Dose passierter Tomaten von der Dose geschälter Tomatenstücke unterscheidet, die Lauchzwiebeln von den Frühlingszwiebeln, Estragon von krauser Petersilie (wie, krause?): knifflig. Eines Tages, falls all die jungen Männer sich wirklich als die besseren Männer erweisen sollten, die sie bereits zu sein glauben, wird von ihren glückloseren Vorgängern folgendes Bild bleiben: Ein viele Meter breites und mannshohes Kühlregal voller Molkereiprodukte, ein ratlos hineinstarrender Herr, und in seiner Hand ein Zettel mit dem Eintrag: "Schmand nicht vergessen!"

© SZ/chrm
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