Männer Carlos

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Es ist spät nachts, Carlos beschleunigt auf leerer Straße sinnlos auf 100 Stundenkilometer, ich konzentriere mich wie blöd drauf, mich nicht zu übergeben. Er wirkt so verzweifelt, oder?

Von johanna adorján

Der Künstler schwankt stark, besteht aber darauf zu fahren. Er wirkte schon den ganzen Abend deprimiert, sprach beim Essen kaum ein Wort, dabei waren viele extra für ihn angereist. Morgen hat er eine große Ausstellungseröffnung, vielleicht, denken wir, hat er Lampenfieber. Es ist spät nachts, die Straßen sind leer, er beschleunigt sinnlos auf 100 Stundenkilometer, bremst überraschend ab, scheint das Rot einer Ampel nicht zu erkennen, scheint es für Grün zu halten, erkennt es dann doch, fährt zickzack, jagt mir Todesangst ein. Warum ich nicht darum bitte, dass er rechts ranfährt und mich einfach aussteigen lässt? Weil er mir leidtut. Weil er so traurig wirkt, so verzweifelt und einsam. Weil ich mich wie blöd darauf konzentrieren muss, mich auf meinem Sitz hinten nicht zu übergeben.

Manche Männer sind größer als andere - intensiver, schillernder, verlorener

Kaum sind wir in der Wohnung, fällt er A. um den Hals und weint. Er werde bald sterben. "Ich geh drauf, Alter, ich geh drauf." Die Ärzte würden ihm noch zwei Jahre geben, wenn überhaupt. Bei einer Operation stünden seine Überlebenschancen 40 zu 60. "Ich will nicht sterben, ich werde sterben." "Hör mal, wir sind doch da, du hast Freunde, du bist nicht allein", versucht A. ihn zu beruhigen. "Nein, ich werde sterben, hörst du. 40 zu 60. Ich will kein Gemüse sein. Ich bring mich um, ich bring mich morgen um." Er schluchzt wie ein Kind. Niemand wisse das, was er uns gerade erzähle, niemand wisse von seiner Krankheit, nur acht oder neun Leute vielleicht, nur die engsten, Familie.

Umarmungen. Trauer. Tragik. Hysterie.

Irgendwann mache ich Musik an. Das Stück "Oh Boy" von Cam'ron heitert ihn unerwartet auf. "Just Blaze! (Oh baby) Oh baby, uh, killa", singt er laut mit. Auf einmal bin ich seine beste, vielleicht einzige Freundin. Das gibt's doch gar nicht, dass ich ausgerechnet dieses Lied jetzt spiele, genau das hätte er jetzt auch gespielt. Umarmung. Wahnsinn. Euphorie. Irgendwann nimmt er Anlauf aus dem Nebenzimmer und schlägt einen Salto. Ich bin auf einmal selbst ganz überdreht, erst diese Todesnachricht und nun diese unverhoffte Wendung. Vielleicht ist alles doch nicht so schlimm, vielleicht, hoffentlich geht alles gut. Großes Mitgefühl in mir, großer Wille zur Zuversicht.

Am nächsten Tag ist von ihm nichts zu sehen, zum Mittagessen treffen wir seine Entourage. Wann immer sein Name fällt, wird mir schwer ums Herz, denn ich kenne sein Geheimnis. Die anderen, die hier alle so laut durcheinanderreden, ahnen ja nicht, dass ihr Freund wahrscheinlich bald sterben wird. Ich komme mit einer Frau ins Gespräch, die auch etwas abseits steht. Sie ist, wie sich herausstellt, mit einem der engsten Freunde von C. liiert. Wir sprechen über die Ausstellung. Sie sagt etwas Abfälliges über C. Ich verteidige ihn, sage, ich hätte ihn in der Nacht anders kennengelernt, es gehe ihm wohl nicht so gut. "Hat er wieder erzählt, dass er bald stirbt?", fragt sie spöttisch. "Das erzählt er ständig, auf keinen Fall glauben, es stimmt nicht, der findet es einfach nur geil, dass er damit immer im Mittelpunkt steht." Ich weiß nicht, was ich sagen soll, will protestieren. "Aber er hat so geweint", sage ich schließlich. "Ja klar hat er das", sagt sie leicht, "weinen kann er hervorragend", und zündet sich eine Zigarette an.