Dem Geheimnis auf der Spur:Der Madonnenraub von Volkach

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Dem Geheimnis auf der Spur: Der Chefredakteur des "Stern" Henri Nannen (li.) lädt mit anderen Männern im November 1962 die zurückgegebene Madonna aus einem VW-Bus.

Der Chefredakteur des "Stern" Henri Nannen (li.) lädt mit anderen Männern im November 1962 die zurückgegebene Madonna aus einem VW-Bus.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Im Sommer 1962 stahlen Diebe eine wertvolle Skulptur von Tilman Riemenschneider aus einer fränkischen Kirche. Der "Stern" bot daraufhin ein hohes Lösegeld, um das Kunstwerk wiederzubeschaffen.

Von Willi Winkler

Die Wallfahrtskirche St. Maria im Weingarten liegt in der Nähe der unterfränkischen Stadt Volkach hoch oben auf einem steilen Hügel und ist über einen Kreuzweg zu erreichen, der nach katholischem Brauch betend zurückzulegen ist. Bereits in karolingischer Zeit stand hier eine Kirche. Ein Vesperbild aus dem 14. Jahrhundert wurde Mittelpunkt der Wallfahrt, eine Pietà, die Maria mit ihrem toten Sohn darstellt. Für den Neubau, der anderthalb Jahrhunderte später entstand, wurde der Bildschnitzer Tilman Riemenschneider mit einer weiteren Madonna beauftragt. 1524, als sich die Reformation bereits durchzusetzen begann, wurde das Schnitzwerk aufgehängt - eine Maria mit dem Kind im Arm, umgeben von sechs Engeln und gerahmt durch einen Rosenkranz, in den Medaillons mit Szenen aus dem Marienleben eingearbeitet waren.

In der Barockzeit wurde das Bildwerk übermalt und dann ebenso wie sein Schöpfer vergessen. In der Nacht zum 7. August 1962 fand in der Kirche ein Kunstraub statt, der in seiner Dreistigkeit nur mit dem Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden viele Jahrzehnte später zu vergleichen ist. Die Räuber gingen mit aller Brutalität vor. Als sie die 1,72 Meter hohe Holzfigur aus ihrer Rosenkranzfassung rissen, fiel sie auf einen der Einbrecher. Die Diebe machten weiter, sammelten die abgefallenen Engelsfiguren säuberlich ein, nahmen auch noch das alte Gnadenbild und eine Skulptur mit und verschwanden.

Die Tochter des Mesners hörte frühmorgens Lärm. Draußen, hinter der Umfassungsmauer, rangierte ein Auto, dann sah sie in der Dämmerung einen Pritschenwagen davonfahren. Es gab dieses vage Zeugnis, es ließen sich auch ein paar Reifenspuren feststellen, aber schon der Tathergang war unklar. Wie waren die Einbrecher ins Kircheninnere gelangt? Wem war ein solcher Einbruch überhaupt zuzutrauen? War es nicht doch der Mesner? Die Freveltat erregte landesweit Aufsehen, aber die Polizei tappte wie die Einbrecher im Dunkeln, es wurde sogar ein Hellseher bemüht. Der ließ sich zu der Versicherung hinreißen, der Riemenschneider würde sich noch im gleichen Monat finden, aber davon konnte natürlich keine Rede sein. Die Wende brachte Henri Nannen, Chefredakteur des Stern, ein studierter Kunsthistoriker und ein noch größeres Werbegenie, mit seiner Kampagne "Gebt die Madonna von Volkach zurück!" Nannen hatte die blendende Idee, für die Ergreifung des Bildwerks ein Lösegeld von 100 000 D-Mark (in heutiger Kaufkraft etwa 225 000 Euro) auszusetzen.

Für Chefredakteur Henri Nannen war die Kampagne eine "reine Public-Relations-Sache"

Im Stern und dann in Anzeigen in zahlreichen Zeitungen bot Nannen ein Geschäft an, bei dem auch ein mittlerer Mafioso nicht Nein sagen konnte: "Die Kirchenräuber von Volkach haben mein Wort, dass wir sie der Polizei nicht verraten werden." Nannen hatte sich vor seiner Aktion nicht bloß bei der Hamburger Justiz, sondern auch beim bischöflichen Ordinariat in Würzburg rückversichert. Sein Eifer für ein unzweifelhaft katholisches Kunstwerk wirkte wie ein Ablass für den kirchenkritischen Artikel "Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?", mit dem der Stern zu Jahresanfang 1962 das katholische Deutschland erzürnt hatte.

Die Diebe waren jeder Frömmigkeit unverdächtig und wollten die Skulptur zu Geld machen. Sie waren zwar Kunstbanausen, die anders als Nannen keine Ahnung von ihrer Beute hatten, doch wussten sie wie er um ihren Wert. Nachdem ihnen klar geworden war, dass die Madonna viel zu bekannt war, um sie an irgendeinen Mann zu bringen und sie schon entschlossen waren, das Diebesgut zu verbrennen, kamen ihnen das Glück und vor allem Nannen zu Hilfe. Ihm gehe es darum, "größeren Frevel in letzter Minute abzuwenden", schrieb er in allerbestem Stern-Pathos, vergaß aber keineswegs den kommerziellen Aspekt seiner Rettungsaktion. Auf die Frage nach seinen Beweggründen sagte Nannen dem Volkacher Stadtkaplan ganz offen, wie es ums Geschäft stand: "Neben ideellen Gründen ist das eine reine Public-Relations-Sache für mich, steuerlich absetzbar."

Die Übergabe scheiterte, weil die Räuber an Verrat glaubten

Die Affäre zog sich, von immer neuen Aufrufen begleitet, bis in den Herbst, und die Auflage des Stern stieg. Schließlich rief tatsächlich ein Mann, der sich nur "Leininger" nannte, in der Redaktion an. Für das Vesperbild verlangte er 50 000 Mark. Der Redakteur Reinhart Hoffmeister deponierte diese erste Rate unter einer Dampfwalze in einer Hamburger Straße. Die Übergabe der Pietà scheiterte zunächst, weil die Räuber glaubten, Nannen habe sie doch an die Polizei verraten: Sie hatten nicht nur die Wohnungen Nannens und Hoffmeisters überwacht, sondern auch das Pressehaus, in dem sich 1962 neben der Stern-Redaktion auch die Räume des Spiegel befanden. Zufällig war es genau die Nacht, in der die Polizei anrückte, weil dem Magazin Landesverrat vorgeworfen wurde, der Beginn der bekannten Spiegel-Affäre.

Nachdem die Weltgeschichte ein glückliches Ende dieser Kunstgeschichte beinah verhindert hätte, kam es eine Woche später unter konspirativen Umständen in der Nähe einer Autobahnausfahrt bei Nürnberg wieder mitten in der Nacht zur Übergabe: Riemenschneider gegen 50 000 Mark.

Nannen verriet die Madonnenräuber tatsächlich nicht, zumal er sie ohnehin nie zu Gesicht bekam. Die Polizei wurde selbst auf eine Gruppe in der Bamberger Unter- und Halbwelt aufmerksam, die mit Autoverschieben und Zuhälterei auffiel. Einer renommierte im Gefängnis mit dem unaufgeklärten Fall der Volkacher Madonna, und nach und nach konnten neun Männer vor Gericht gestellt werden, die zum Teil hohe Strafen erhielten.

Die Rettung der Riemenschneider-Madonna wurde ein Triumph für den Stern und insbesondere für seinen Chefredakteur. Henri Nannen schrieb selbst eine epische Reportage über seine Heldentat. Nie mangelte es im Stern an schönen Frauen, aber bei dieser war Nannen der Verzückung nahe: "Da lag sie, die Madonna Riemenschneiders, auf einem weißen Leinentuch. (...) Nie war das Antlitz der Madonna so schön, so innig wie in diesem kurzen Augenblick, da das Licht der Laterne auf sie fiel."

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