Luxus-Ware Wasser:Aqua Gaga

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Weitaus realer ist die Bedrohung der Stadtbevölkerung durch die prekäre Trinkwasserversorgung, und umso begehrlicher blickt das aufgeklärte Bürgertum auf die Mineralwasserquellen der Kirchenfürsten. Entsprechend groß ist dann auch der Erfolg eines gewissen Jacob Schweppe, der 1783 eine Technik zur Anreicherung von Brunnenwasser mit Kohlensäure patentieren lässt (und dessen Name bis heute in einer Limonadenmarke fortlebt).

Diese "Sodawasser" genannte Mischung wurde zwar als Heilmittel angeboten - die Kohlensäure, so dachte man, würde das Wasser reinigen -, der Mann von Welt nahm Soda allerdings lieber in Kombination mit alkoholischen Getränken zu sich. Wasser, gleich wie heilsam es sei, konnte doch nie mehr sein als ein profaner Durstlöscher. Der Gastrosoph Brillat-Savarin drückte es so aus: "Wasser ist das einzige Getränk, das den Durst wirklich stillt - deshalb kann man auch immer nur eine geringe Menge davon trinken." Es sei aber ein Vorrecht des Menschen, im Gegensatz zum Tier auch ohne Durst zu trinken, denn im Gegensatz zum Tier kenne der Mensch auch die Furcht vor der Zukunft.

Aquarien für russische Neureiche

Nach dieser Auffassung war Wasser eher ein notwendiges Übel zur Herstellung gehaltvollerer Getränke. (In reiner Form scheint es noch heute allemal für Tiere gut genug: in einem niederbayerischen Dorf, dessen Brunnen für die angeblich lebensverlängernde Wirkung seines Wassers bekannt ist, werden neuerdings russische Neureiche vorstellig, die ihre Aquarien damit befüllen möchten.)

Möglicherweise diente die schlechte Wasserqualität früher als willkommene Ausrede für den Alkoholgenuss, womit sich auch die allgegenwärtigen Euphemismen erklären ließen, die hochprozentigen Alkohol als Lebenswasser mystifizieren; nicht nur die in romanischen Sprachen üblichen Ableitungen von aqua vitae, auch der slawische Wodka (Wässerchen) gehört hierher, ebenso wie Whisky, eine Verballhornung von uisghe, dem gälischen Wort für Wasser.

Die Geringschätzung, die Wasser hier entgegenschlägt, galt wohl vor allem der Nüchternheit des Wassertrinkers, was der große Rauschfreund Baudelaire wie folgt zusammenfasst: "Wer nur Wasser trinkt, hat etwas zu verbergen." Doch selbst die neue puritanische Bürgerelite trank Wasser vorzugsweise in Form von leistungssteigerndem Tee oder Kaffee. Die alte Elite kurte derweil in feudalen See- und Heilbädern, was darauf hinauslief, tagsüber mit Heilwasser zu gurgeln und sich abends mit Champagner volllaufen zu lassen. Und heute?

Nicht ohne meine Wasserflasche

Verglichen damit, benimmt sich der heutige Business-Adel geradezu spartanisch. Sein 24/7-Stundenplan degradiert Körper und Geist zur Ressource, auf deren Ergiebigkeit streng zu achten ist. Gesundheit hat für die ferngesteuerten Blackberry-Klons nichts mit persönlicher Lebensqualität zu tun, sondern nur noch mit Effizienz. Sichtbaren Ausdruck findet diese Haltung heute in den Plastikwasserflaschen, ohne die sich kein standesbewusster Großstädter im Büro oder Fitness-Club blicken lässt.

Da aber auch in diesen Kreisen weiterhin Alkohol getrunken wird - und sei es bloß, um Weltläufigkeit und Kennerschaft unter Beweis zu stellen -, wählt man nicht nur den passenden Wein zum Essen, sondern auch das passende Wasser zum Wein. Gerne hilft dabei der Wasser-Sommelier, die neue Sternschnuppe am Gastronomie-Himmel, erstmals Anfang des Jahrtausends in Manhattan gesichtet und nun auch in Berlin vertreten, wo einschlägige Lokale Wasserkarten mit über 40 Positionen auslegen. Nur Hedonisten alter Schule werden hier einwenden, dass man in Berlin noch nie wusste, was Lebensart ist.

Moderne Büromenschen, tüchtig, dynamisch und faltenfrei, finden es dagegen anregend, die Mineralität von Weißwein und Wasser zu diskutieren und wissen es zu schätzen, wenn die angebotenen Marken auf der Karte gleich nach ihrem Natriumgehalt geordnet sind. In beispielhafter Verinnerlichung protestantischer Verzichtsethik wird Wasser selbst zum Genussmittel deklariert - Gourmet-Wasser nennt sich das dann.

Nur Hinterwäldler bestellen so etwas, aus profaner Lust am Aroma, mit einer Zitronenscheibe drin und beeinträchtigen damit das filigrane Zusammenspiel von Mineralstoffen und Spurenelementen; auch Eiswürfel gelten als Fauxpas, es sei denn - so der Wasser-Sommelier - sie bestünden aus eben dem Wasser, das man im Glas hat.

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