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Luft und Liebe:"Wir müssen reden!"

Zum Thema Schweigen haben Männer und Frauen eine ganz unterschiedliche Einstellung. Ihr Schweigen riecht nach Vorwurf. Sein Schweigen bedeutet: nichts.

Frauen beklagen sich ja immer gern darüber, dass Männer so wenig mit ihnen sprechen. Das mag daran liegen, dass beide unterschiedliche Erwartungen von einem Gespräch haben. Ein Mann tauscht im Dialog Informationen aus. Eine Frau Emotionen.

luft und liebe: lass uns reden

Es gibt viele Arten, seinen Partner zu zermürben. Keine ist so perfide wie die Technik des Verhörs. Eine weibliche Spezialität, die Frauen perfekt beherrschen.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Entsprechend unterschiedlich reagieren die Geschlechter, wenn sich der andere dem Dialog verweigert. Und schweigt.

Ein Beispiel:

Sie: "Is was?" Er: "Nö." "Sicher?" "Ja." "Aber du hast doch was." "Eigentlich nicht." "Komm schon. Mir kannst du es sagen." "Was denn sagen?" "Was du hast." "Ich habe aber nichts." "Du meinst: nichts, worüber du mit mir sprechen möchtest." "Ich sage es nochmal: Es ist nichts. Jedenfalls noch nicht." "Wie meinst du das?" "Na, dass ich allmählich schlechte Laune bekomme." "Also doch." "Ja. Weil du nicht aufhörst mich zu löchern." "Ich mache mir doch nur Sorgen." "Worüber denn?" "Na, dass irgendwas mit dir ist." "Aber es ist doch gar nichts!" "Gerade eben klang das aber anders." "Was willst du eigentlich von mir, Himmeldonnerwetternochmal!" "Siehst du, und du willst mir erzählen, du hast nichts." "Also gut. Nun hast du es geschafft." "Was geschafft?" "Jetzt habe ich schlechte Laune." "Ach, und daran bin ich schuld?" "Wer denn sonst? Alles war in Ordnung, bis du angefangen hast, mich zu nerven." "Soso, mein Interesse an deiner Person nervt dich. Wenn das so ist, werde ich deine Gefühle in Zukunft ignorieren." "Aber ich hatte doch gar keine Gefühle, jedenfalls keine bestimmten." "Jetzt gibst du es wenigstens zu." "Was gebe ich zu?" "Dass du unfähig bist, tiefere Gefühle zu empfinden." "Wenn du nicht gleich damit aufhörst, erwürge ich dich." "Ich mag es, wenn du wild wirst." "Irgendwann tue ich es. Ich schwöre, ich tu's." "Jetzt reg dich nicht auf. Ich werde ja wohl noch fragen dürfen, wie es dir geht." "Du willst wissen, wie es mir geht?" "Aber ja!" "Es geht mir beschissen!" "Willst du darüber reden?" "..."

Das Bemerkenswerte daran ist: Dieser Mann kam weder angetrunken spätnachts nach Hause noch hatte er Lippenstift am Hemdkragen oder trug keine Hose mehr. Er wollte einfach nur seine Ruhe. Alles was er wollte, war: dasitzen und schweigen.

Warum respektiert eine Frau diesen Wunsch nicht?

Weil sie von sich ausgeht. Eine schweigende Frau WILL gelöchert werden. Sitzt sie da und schweigt, tut sie das niemals, weil in ihrem Kopf Leere herrscht. Sie tut es aus taktischen Gründen. Sie will gefragt werden: "Was ist denn los, mein Schatz?" Gerade das tun Männer aber nicht. Aus gutem Grund: Eine schweigende Frau riecht nach Vorwurf. Das gibt nur Ärger. Deshalb wird er sich hüten, zu fragen. Wer nicht spricht, kann immerhin nicht streiten.

Wenn es darum geht, die Klappe zu halten, sind Männer einfach unschlagbar. Beginnt sie nach einer gewissen Zeit bereits nervös zu werden, fängt es für ihn gerade an, gemütlich zu werden. Das ist die männliche Art der psychologischen Kriegsführung. Doch sollte sich jeder Mann über eines im Klaren sein: Sein Schweigen hat eine provozierende Wirkung auf seine Partnerin.

Jetzt kommt sie erst richtig in Fahrt. Wollte sie zu Beginn nur ein Gespräch, will sie es nun genau wissen. Sie wird ihr Gegenüber so lange mit Fragen penetrieren, ihn so lange nerven, bis er mit der weißen Flagge wedelt. Dann lehnt sie sich voller Genugtuung zurück, betrachtet die Szenerie und denkt sich: "Wow. Das habe ich ganz allein geschafft. Nur mit Worten."

Mitnichten handelt es sich hierbei um harmlose Worte. In der psychologischen Kriegsführung bezeichnet man dieses Vorgehen als "Verhör im rechtsfreien Raum". Die CIA nutzte diese Methode bereits im Kalten Krieg.

Träge und wehrlos

Angeblich basieren die Erkenntnisse dieser Zermürbungstaktik auf breit angelegten wissenschaftlichen Untersuchungen. In Wirklichkeit kann man davon ausgehen, dass die Experten einfach nur nachgespielt haben, was sonst am Abend auf sie zu Hause wartete.

Es gibt viele Arten, seinen Partner zu zermürben. Keine ist so perfide und wirkungsvoll wie die Kunst der weiblichen Kommunikation. Sie ist gerade deshalb so erfolgreich, weil nichts so träge und wehrlos ist wie die männliche Kommunikation.

Deshalb finden übrigens auch so viele Grundsatzdebatten nachts im Bett statt - genau dann, wenn er gerade dabei ist, einzuschlafen. Da ist er so gut wie chancenlos.

Wie bringt man diese Gegensätze nun zusammen? Darüber reden kommt aus naheliegenden Gründen nicht in Frage.

Wie wäre es mit einem Workshop? Um ein natürliches Verhältnis zum Schweigen zu bekommen, empfiehlt sich für Frauen der Besuch folgender Kurse: "Sprachlos glücklich", "Mein Hirn gehört mir", "Das Recht auf innere Leere", "Schweigen ohne Schmerzen". Besonders gefragt bei den Herren sind "Reden - die natürlichste Sache der Welt", "Keine Angst vor Worten" und "Schweigen kann ich wenn ich tot bin".

Teilnehmerzahl: mindestens zwölf Personen. Bei erfolgreicher Teilnahme gibt es sogar ein Zertifikat.

Na, was sagen Sie dazu? Hallo! Ist alles in Ordnung? Wohl auf den Mund gefallen, was? Denken Sie, Sie hätten das alles nicht nötig? Meinen Sie vielleicht, ICH? Ich habe wirklich Besseres zu tun.

Zum Beispiel könnte ich meinen Lieblings-Workshop "Stille aushalten" besuchen.

Also ich geh dann jetzt. Hallo? Jetzt sagt doch mal jemand was!

Die Kolumne "Luft und Liebe" erscheint jeden Mittwoch auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/luftundliebe