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Luft und Liebe:"Du müsstest dich mal trinken hören!"

Kann man jemanden verlassen, weil er zu laut schluckt, komisch niest, sein Magen gurgelt? Ja. Wenn man anschließend diese totale Stille aushält.

Da ist es wieder: dieses erstickte, rhythmische Geräusch, wie ein unterdrücktes Würgen. Wo zum Teufel kommt das her?

kolumne luft und liebe

Würgende Schluckgeräusche, Schlürfen und Schmatzen können beim Partner Mordgelüste wecken.

(Foto: Foto: iStock-Photos)

"Ng. Ng. Ng".

Hoffentlich kein Tier.

"Ng. Ng. Ng."

Dazwischen ein gurgelnder Laut. Ob die Heizung ein Leck hat?

"Ng. Ng. Ng" ... "Schlürf"

Das Geräusch kommt aus der Ecke des Wohnzimmers. Dort sitzt ein Mann mit einem Glas Wein in der Hand. Jedesmal, wenn er trinkt: "Ng".

Ihm gegenüber eine Frau, sichtlich genervt. Um sich abzureagieren, knispelt sie an ihren Fingernägeln herum.

Jetzt wendet er ihr sein Gesicht zu, nimmt einen Schluck ("Ng") und sagt: "Weißt Du eigentlich, dass mich dieser Tick mit deinen Fingernägeln wahnsinnig macht?"

Worauf sie entgegnet: "Pah! Du müsstest dich mal trinken hören!" (knispel).

Akustische Signale mit Terrorfaktor

Kann man jemanden verlassen, weil er zu laut schluckt, komisch niest, sein Magen gurgelt? Nun ja, man kann es zumindest als notwendige Maßnahme in Betracht ziehen.

Im Laufe der Jahre können solche akustischen Signale nämlich eine beeindruckende Wandlung vollziehen: Während sie einen früher rührten, lassen sie einem nun zunehmend die Halsschlagader anschwellen.

Sicher, diese kleinen Eigenheiten machen einen Menschen aus, machen ihn unverwechselbar. Der eine knispelt beim Fernsehen mit den Fingernägeln, der andere knarzt beim Essen mit dem Kiefer. All diese kleinen Geräusche sagen: "Ich bin da, du bist nicht allein".

Sie vermitteln aber oft auch ein bisschen mehr Information als uns lieb ist - etwa, wenn aus dem Bad ein hohles Plätschern zu hören ist, das sagt: "Ich bin da, und ich pinkle am liebsten im Stehen". Darauf kann man gut verzichten.

Je älter die Beziehung, desto niedriger ist die Toleranzschwelle. Manchmal genügt es schon, dass das Parkett ächzt, wenn sich der Partner Chips aus der Küche holt. Früher hätte man gesagt: "Diese verflixten Fehlböden". Heute keift man: "Du könntest eine Diät vertragen".

Doch wie immer ist alles eine Frage der Perspektive. Was der eine als Lärmbelästigung empfindet, bedeutet für den anderen: Hier existiert Leben!

Dem virtuellen Mitbewohner lauschen

Deshalb gibt es mittlerweile spezielle CDs für Menschen, die sich einsam fühlen, weil sie niemanden haben, dem sie beim Wohnen zuhören könnten. Auf den CDs befinden sich Geräusche, die suggerieren, dass sich noch eine weitere Person daheim aufhält. Man hört, wie jemand die Spülmaschine ausräumt, duscht, den Tisch deckt, in einem Magazin blättert. Es gibt sogar eine Version, auf der Schnarchen zu hören ist. Man muss wirklich sehr verzweifelt sein, um sich so etwas anzuschaffen.

Aber: Von würgenden Schluckgeräuschen, bellendem Räuspern und schlurfenden Füßen ist darauf nichts zu hören. Dafür gibt es nämlich keinen Markt. So verzweifelt ist dann doch niemand.

Und genau hier liegt das Problem: Diese CDs mit ihren abgespeckten, antiseptischen Versionen eines Beziehungslebens bringen Singles bestimmt nicht weiter. Sie machen höchstens alles noch schlimmer. Abgesehen davon, dass man jemanden in der Küche rumoren hört, aber nie was zu Essen bekommt, werden hier Sehnsüchte nach einer Realität geweckt, die es so gar nicht gibt.

Es stimmt einfach nicht, dass ein Mann einfach nur die Wohnungstür ins Schloss fallen lässt, ohne dabei leidvoll zu stöhnen. Dass sie den Schlüssel auf die Kommode legt - und nicht genervt hinschmeißt. Dass er in der Küche den Kühlschrank öffnet und wieder schließt, ohne dabei zu fragen: "Was gibt's zu essen?". Und vor allem: kein Hustenanfall, kein ächzendes Parkett, kein Plätschern aus dem Klo. Nur politisch korrekte Geräusche. Wo bitte gibt's denn so was!

Einem unglücklichen Single wäre viel mehr geholfen, wenn man ihm eine Vorstellung davon vermittelt, was ihm alles erspart bleibt. Was so ein Mensch braucht, ist ein realistischer Querschnitt aus dem Beziehungsalltag: hysterisches Gekicher, kombiniert mit grunzendem Luftholen. Nicht nur Schnarchen, nein! Da gäbe es noch Pusten und Zähneknirschen. Schmatzen, Schlürfen, Räuspern. Auf-dem-Tisch-Getrommle.

Pfeifen. Fröhliches Summen. Das Rascheln der Bettdecke, wenn sie sich nochmal umdreht. Das Klirren der Lieblingstassen, wenn er den Kaffee ans Bett bringt.

Nun ja. All so was eben.

Wenn es unerträglich wird, kann man ja zur Not die Musik lauter machen. Oder dem eigenen Bauch beim Gluckern zuhören ...

Die Kolumne "Luft und Liebe" erscheint jeden Mittwoch auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/luftundliebe