Süddeutsche Zeitung

Luft und Liebe:Die Weihnachtsfeier-Falle

Wer hofft, einen Abend mit Nikolausmützen tragenden Kollegen ohne Rufschädigung zu überstehen, glaubt noch an den Weihnachtsmann. Deshalb: Lieber gleich die Sau rauslassen!

Nicht mehr lange, dann ist Weihnachten, das Fest der Liebe. Doch bis es soweit ist, steht uns noch eine ganz andere Sorte von Liebesfest bevor: Der Dezember ist auch die Zeit der Weihnachtsfeiern. Es gibt immer wieder Kollegen, die an den Weihnachtsmann glauben und der Meinung sind, an so einem Abend müssten sich auch wirklich alle lieb haben.

Verschiedene Studien belegen, dass diese Art von Betriebsfeier eine konkrete Bedrohung für jede Beziehung darstellt: Immerhin jeder Zehnte lässt sich zu einem Seitensprung hinreißen, beinahe die Hälfte der Kollegen hofft darauf, dass sich wenigstens die Gelegenheit dazu ergibt.

Mit anderen Worten: Kommen zwei Ehepartner von ihren jeweiligen Weihnachtsfeiern nach Hause, wäre einer von beiden - wenn es nach ihm gegangen wäre - eigentlich gar nicht da. Zugegeben: kein gutes Gefühl.

So gesehen kein Wunder, dass sich alle Jahre wieder unter dem heimischen Weihnachtsbaum eine gewisse Spannung breitmacht. Nächtliche Abwesenheit, Glühweinfahne und ein Nacktfoto von Kollegen als Wichtelgeschenk können sich in einer durchschnittlichen Ehe - O du fröhliche hin, O du selige her - schon mal auf die Stimmung schlagen.

Weihnachtsfeiern schaden dem Image

Solchen Erkenntnissen haben wir es aber auch zu verdanken, dass die Weihnachtsfeier einen beträchtlichen Imageschaden erlitten hat. Umschreibungen wie "gemütliches Beisammensein bei Punsch und Plätzchen" werden immer öfter mit Kontaktbörse und Swingerclub in Verbindung gebracht, "Süßer die Glocken nie klingen" und "Krabbelsack" bekommen eine völlig andere Bedeutung.

(Dass die - inzwischen ehemalige - Auszubildende sich dazu hinreißen ließ, ihre überaus attraktiven sekundären Geschlechtsmerkmale auf dem Kopierer zu verewigen und an die Bürowände zu kleben, macht das Ganze auch nicht besser.)

Kurz gesagt: Wenn man Geschädigten Glauben schenkt, beteiligen sich nur beziehungsunfähige Egoisten, denen der Haussegen schnuppe ist, an solchen Adventsgelagen.

Doch selbst wenn keiner an seiner Kollegin, sondern jeder brav an seinem Lebkuchen knabbert: So ethisch korrekt kann eine Weihnachtsfeier gar nicht ablaufen, dass es anschließend nicht trotzdem für eine kleine Szene reicht. Jeder sechste Heimkehrer kann sich zu Hause auf Ärger gefasst machen - auch wenn er unschuldig ist wie ein Lamm in Minzsoße.

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Die Weihnachtsfeier-Falle

Wer also Wert darauf legt, Heiligabend mit seiner Familie in Harmonie zu verleben, sollte lieber eine schreckliche Erkältung vorschützen und gar nicht erst auf der weihnachtlichen Betriebsfeier erscheinen. Und wenn das Motto "Après-Ski" oder "Hüttenzauber" noch so lockt. Bleiben Sie weg! Cicero kam ziemlich wahrscheinlich gerade von einer Weihnachtsfeier, als er das Zitat prägte: "Wehret den Anfängen!"

Ist der Ruf erst ruiniert ...

Dennoch gibt es immer wieder Unbelehrbare, die glauben, sie könnten einen Abend unter Nikolausmützen tragenden Kollegen ohne Rufschädigung überstehen, indem sie zwar anwesend sind, aber die Spaßbremse raushängen lassen.

So wie Frau Seibold, die unliebsamen Körperkontakt mit dem Kollegen Millberg aus der Buchhaltung verhindern wollte, indem sie sich an ihrem Punschtässchen festhielt und bei jeder Advents-Polonaise Nachschub holte. Das Ende vom Lied war: Frau Seibold hockte auf dem Boden, weil sie bei ihrer letzten Rückkehr vom Glühweinstand die Bank nicht mehr traf, ein verrutschtes Rentier-Geweih blinkte auf ihrem Kopf. Dabei lallte sie: "Niemand wird mir eine Affäre anhängen - mir nicht!" Das stimmt. Dafür glauben nun alle, sie sei Alkoholikerin.

Manche haben auch die clevere Idee, ihren Partner mitzubringen, um auf die Art und Weise zu demonstrieren, dass jeder Annäherungsversuch zwecklos ist. So vermeiden sie zwar, als Draufgänger zu gelten. Müssen sich dafür aber von Kollegen als Weichei verspotten lassen.

Keine Spuren!

Gibt es denn keine Möglichkeit, eine Weihnachtsfeier mit Anstand über die Bühne zu bringen, ohne Affäre, Scheidung, Rufmord?

Der Psychologe definiert das Ziel von Weihnachtsfeiern in etwa so: "Es geht darum, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und das Betriebsklima zu verbessern". Das soll sicher nicht bedeuten, dass wir den Motivationssong "Lasst uns froh und munter sein" üben und uns an den Nächstbesten ranwanzen.

Und wenn doch, dann sollte man sichergehen, dass alle Beteiligten zu betrunken waren, um als zurechnungsfähig zu gelten. Selbst Schwerverbrecher kommen damit vor Gericht durch. Deshalb nicht vergessen: Erst mal hübsch einen über den Durst trinken.

Wenn Rudolf am nächsten Tag plötzlich wieder Herr Weinberger heißt, weiß die Praktikantin zwar, dass das Brüderschafttrinken vielleicht doch nicht so eine gute Idee war. Doch Schwamm drüber, wen interessiert das! Die Erinnerung daran verschwindet schneller, als der Chef an diesem Abend mit der neuen Marketingassistentin.

Und das ist gut so. Denn wenn es überhaupt eine Regel gibt, dann die: keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Sicher wollte auch Franz Beckenbauer nur das Betriebsklima verbessern, als er 1999 bei der Weihnachtsfeier des FC Bayern der damaligen Sekretärin etwas näherkam. Leider kam er ihr dabei so nahe, dass sie davon schwanger wurde. Ein überaus bleibender Eindruck, der neun Monate später den Namen Joel erhielt und wochenlang die Gerüchteküche am Brodeln hielt.

Unser aller Kaiser kommentierte dieses Ereignis auf seine unvergleichlich konstruktive Art: "Ja mei, der liebe Gott freut sich über jedes Menschenkind".

All jene, die nicht Beckenbauer heißen, sollten jedoch bedenken: Mit so einem Spruch kommt man als Normalsterblicher in der Regel nicht durch. Es sei denn, der Partner glaubt noch an den Weihnachtsmann.

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