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Longboard-WM in Biarritz:Ballett auf der Welle

Beim Longboard-Wettbewerb in Biarritz bestätigt sich ein Trend: Anmutige Surferinnen auf langen Brettern stehlen den männlichen Kollegen längst die Show.

Biarritz - Samstagfrüh, acht Uhr. Regen. Senkrecht, prasselnd, zum Steinerweichen. Das Thermometer gibt sich erst gar keine Mühe. Himmel und Wetterbericht versprechen: noch mehr Regen. Der perfekte Morgen, um mit gutem Gewissen einfach mal liegenzubleiben. Wenn man nicht gerade Surfprofi ist, wie Kassia Meador, die mit ihren 26 Jahren als Grande Dame der Szene gilt. Eingemummelt in einen dicken Kapuzenpulli sitzt sie unter einem Regenschirm und sieht der Konkurrenz in der Brandung zu. Gleich muss sie raus in den strömenden Regen - doch das erträgt sie mit stoischer Gelassenheit: "Ich surfe immer. Manchmal ist es warm, manchmal ist es kalt." Willkommen beim "Roxy Jam", der Weltmeisterschaft der Longboardsurferinnen!

Grande Dame des Longboardens und Bond-Girl-ähnliche- Strandschönheit: Kassia Meador aus den Vereinigten Staaten.

(Foto: Foto: Roxy)

Man kennt die Bilder: Astralkörper, die immense Wellen vor kitschig perfekten Sandstränden reiten und dabei so entspannt und unglaublich gut aussehen, dass man diese Fotos ständig anschauen muss. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch: Regentage mit langweilig flachen Wellen und hohem Neoprenanteil. Vor allem aber hat sich der Sport verändert, denn immer mehr Frauen trauen sich aufs Surfbrett. Allmählich verdrängen sie die Männer von den Titelseiten der Surfmagazine. Oft stehen sie dabei nicht auf herkömmlichen Surfbrettern, sondern auf doppelt so großen sogenannten Longboards.

Eine andere Art des Surfens: Nicht Wellenhöhe und schnelle Drehungen bringen hohe Punktzahl, sondern der künstlerische Ausdruck während des Wellenritts. Elfengleich trippeln die Surferinnen nach vorne zur Nase des Bretts und wieder zurück. Klingt einfach, ist aber eine verdammt wacklige Angelegenheit, weshalb die Oberfläche des Bretts zuvor mit Wachs präpariert wird. Wer mit beiden Füßen die Brettspitze erreicht und dies federleicht und feminin aussehen lässt, hat bei den Punktrichtern gute Karten. Die Fachleute nennen dieses Manöver "Hang ten", ein Fuß an der Brettnase heißt "Hang five". Im besten Fall eine äußerst anmutige Angelegenheit, ein Ballett auf der Welle. Weltmeisterin Jenny Smith aus San Diego sagt: "Es ist mehr als einfach, ein Baseballspiel zu gewinnen. Es ist das, was Tanzen am nächsten kommt."

So stilbewusst sich diese modernen Meerjungfrauen auf dem Surfbrett geben, so angenehm undivenhaft sind sie auf dem Festland. Sie stammen aus Kalifornien, Australien oder Hawaii, sprechen von "clean and healthy lifestyle", von "der weiblichen Art, sich einer Welle zu nähern", schwärmen vom "Noseriding, wenn du nichts mehr vor dir hast außer dem Ozean".

Make-up und Hairstyling kommen in ihrem Tagesablauf nicht vor. Kassia Meador sagt: "Pediküre ist uninteressant." Von ihr heißt es, es habe sie noch nie jemand beim Haarekämmen gesehen. Es tut ihrer Ausstrahlung keinen Abbruch. Mehr als die Hälfte des Jahres ist sie an den Stränden der Welt unterwegs, meist zu Fotoshootings. Wettkämpfe gibt es weniger als eine Handvoll. Der Weltmeister erhält gerade mal 5000 Dollar Preisgeld. Dennoch kann Kassia Meador seit fast einem Jahrzehnt vom Surfen leben. Die Fotografen reißen sich um die Schöne mit dem strahlenden Lächeln.

In Biarritz sind bis Mittwoch 48 Surferinnen am Start, es ist die dritte Weltmeisterschaft im Longboarden. Für eine Weltcup-Serie wie bei den Shortboardern reicht es noch nicht, doch die Szene wächst konstant. Eine, die den Sport seit seinen Anfängen kennt, ist Maritxu Darrigrand, Marketingchefin eines Surfmode-Labels und Mitbegründerin des Sport-Film-Festivals "Nuit de la glisse".

Sie stammt aus Biarritz und hat erlebt, wie an der Côte des Basques alles begann. Ende der fünfziger Jahre war die Schauspielerin Deborah Kerr Gast in Biarritz. Mit dabei: ihr Ehemann Peter Viertel, nicht nur Hollywood-Produzent, sondern auch ein fanatischer Surfer. Als er die Brandung vor Biarritz sah, rief er zu Hause in Kalifornien an und ließ sich sein Surfbrett schicken.

Das Rennen um die beste Welle

Die Franzosen rieben sich erstaunt die Augen, begannen dann aber bald das unbekannte Sportobjekt nachzubauen. Auf den sogenannten Plankys, den hölzernen Vorgängern der Bodyboards, warf man sich damals in die Wellen, bevor in den Sechzigern die ersten Surfbretter auf den Markt kamen: Longboards. Darrigrand erinnert sich: "Ich war die einzige Frau im Wasser. Die Jungs waren nett, gaben Tipps, überließen mir gute Wellen. Heute ist es fast schon schwierig, überhaupt noch eine Welle zu bekommen." Stimmt: Bei guten Bedingungen liegen Hunderte Surfer im Wasser.

Samstagabend, acht Uhr. Der Regen ist verschwunden. DJ-Abend vor dem "Les cents marches", einer Mini-Bar hundert Schritte hoch über dem Strand. Bier, Sangria, Tapas. Nebenan spielen alte Männer Boule, was sonst? Der Wind weht lau, die Pyrenäen sind zum Greifen nah, das Abendrot strahlt einen Tick zu kitschig. Leichte Arbeit für den DJ, die Menge groovt. Die salzwassergebleichten Mähnen der Surferinnen stechen heraus. Morgen ist wieder so eine Ballettaufführung auf dem Meer. Und es soll warm werden.

Bildergalerie

Ein Tänzchen mit der Gischt

© SZ vom 15.07.2008/ehr
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