Süddeutsche Zeitung

Lob der Realität:Gedanken zur E-Zigarette

Beim Rauchen sollte man den Grundsatz beachten: Was man im Mund hatte, möge man ausspucken und von sich geben. Wiederverwertung ist ausgeschlossen. Ein Aufruf gegen die Tofuisierung unseres Lebens.

Achtung, Achtung, neuer öffentlicher Anblick!

Es bevölkern Flötenspieler die U-Bahnhöfe, Straßen und Plätze. Man wundert sich. Wo kommen die alle her? Was machen die hier? Warum so viele? Warum flöten sie? Was sind das für Hightech-Flöten? Und warum hört man nichts?

Ah - sind keine Flötenspieler, sind Raucher. Elektroraucher. Gesundraucher. Ah o.k.

. . . ähh, mit Verlaub. Alles Neue ist natürlich gut und wünschenswert, o.k. Aber das hier macht gar keinen Sinn mehr! Es riecht nicht, es KANN nicht wirklich schmecken, wird allenfalls HALBGESUND sein, kostet trotzdem Geld und sieht auch noch bedürftig aus. Hier ist etwas gänzlich entgleist. Rauchen ist das Spiel mit dem Feuer! Davon handelt es. Ich hab Feuer im Mund. Aus mir brennt es. Ich stinke. Ich pfeife aus meiner Lunge und auf meine Lunge. Ich hauche auf meine Mitmenschen und meine Lebenserwartung. Ja klar! Darum geht es doch!

Das ist doch die Botschaft des Rauchens: dass es raucht. Natürlich ist das ungesund. Natürlich stinkt das. Natürlich zieht das andere in Mitleidenschaft und einen selber auch und ist angemessen asozial. Aber das soll es ja auch sein. Mannomannomann. Mit den Flöten, das macht gar keinen Sinn! Bitte keine Fantasy-Röhrchen, deren man sich öffentlich benuckelt! Beim Rauchen bitte den Grundsatz wahren: Was man im Mund hatte, möge man ausspucken und von sich geben. Wiederverwertung ist ausgeschlossen. Bitte RAUCHEN! Mit Feuer und Teer. Hallo!!!? An welchen Zitzen hängt ihr??!! Bitte nicht nach der Nuckelung fein säuberlich das Flötchen in die Blousonjackeninnentasche stecken! Bitte nicht. Wer ausraucht, schmeißt! Und tritt drauf. Wer ausgeraucht hat, macht kurzen Prozess. Der schreitet fort in seinem Lebensplan und handelt! Der geht zum Beispiel in die U-Bahn rein und hockt sich hin. Das ist dann eine TAT! Der frickelt nicht achtsam ein Lippenröhrchen in die Innenfuttertasche! Bitte stinken und früh versterben. Ich rufe euch zu! Meine Welt kommt mir abhanden! Das Röhrchenrauchen macht keinen Sinn! Wenn man etwas gesundes Ungesundes machen will, dann bitte ganz andere Handlungen einfallen lassen statt zum Beispiel Rauchen! Irgendwas anderes in Mitleidenschaft Ziehendes, äh weiß ich jetzt auch nicht was, aber bitte eine Handlung, die das ist, was sie ist! Bitte! Vielleicht Steine lutschen, bis die Zähne bleich werden, und dann ausspucken. Oder den Mund mit Rasierschaum aus der Dose ausschäumen und schlucken. Oder Eisenspäne in die Augen reiben. Oder einfach mal im Winter draußen einen ganzen Tag lang nur mit T-Shirt rumlaufen. Oder sich eine Gehsteigplatte auf den Kopf hauen (beziehungsweise hauen lassen, wenn man's nicht alleine schafft). So Sachen halt. Aber nicht die Semantik der Handlungen austauschen und was machen, was man dann gar nicht macht! Bitte nicht eigentlich böse doofe Sachen machen, die aber gar nicht mehr böse und doof sind, sondern neutral. Bitte nur tun, was man auch tut! Was ist das für eine Umdeuto-Welt!? Wo kommen all die Umdeutungen her? Das neue Erstrebo-Auto fährt mit Strom. Hallo?!!! Es ist so leise wie die Flötenzigarette, es stinkt nicht und es ist nicht ungesund und auch nicht asozial. Kein Planet geht daran zugrunde. Häh?! Nichts geht davon zugrunde!

Doch, es geht was zugrunde. Das Heldische geht zugrunde. Aber was ist denn daran erstrebo? Ein Impresso-Auto vom Schlage eines AUTOS soll doch bitte schön all das! Stinken. Dröhnen. Vernichten. Oder Fleisch! Fleisch soll doch wehtun. Dem Schwein wenigstens. Das Schwein soll sterben und totgehen, damit ich mein Leben lebe. Das soll doch genau das! Anstelle dessen: Tofuisierung der Wirklichkeit. Tofuwurst. Tofulasagne. Tofufleischwurst. Da frag ich mich, wer da noch stirbt, wenn ich was esse. Ich möchte aber, dass was stirbt. Seitangulasch. Sojawieleberwurststreich. Zucchinispaghetti mit Krümmeltofubolognese. Häh?

Man sollte die Welt ordnen. Die Dinge sollten die Dinge sein, die sie sind. In den Vorgängen sollte das vorgehen, was ihn ihnen vor sich geht. Wir ordnen die Welt in Wirkungsreiche. Das Wirkungsreich des Gesunden und Vernichtungslosen besteht aus Fantasyrauchflöten, Tofu und Elektroauto. Das Wirkungsreich der Ungesundheit und des Zugrundegehens aus Helden, toten Schweinen und Onkologen.

Ergebnis: Ich plädiere für das Rauchen von Tofuwürsten.

Hugh, ich habe gesprochen.

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SZ vom 06.02.2016
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