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Little Britain:Wolkendeutung

Wolken

Unser Kolumnist betrachtet eine Wolke - und erkennt Bedeutendes.

(Foto: biloba /photostage.com)

Unser Kolumnist ist überzeugt: Er erkennt ein Zeichen, wenn er es sieht. Nur nicht, wenn es etwas mit Biersorten zu tun haben könnte.

Von Christian Zaschke, London

Am Mittwochvormittag zog vor meinem Fenster eine Wolke vorbei, die exakt die Form von Australien hatte. Ich bin kein bisschen esoterisch veranlagt, ich bin nicht mal abergläubisch. Aber ich erkenne Zeichen, wenn ich sie sehe.

Am Mittwochabend erzählte ich dem stets erstaunlichen G. in einem Pub namens "The Water Poet" von der Wolke. "Ich bin kein bisschen esoterisch veranlagt", sagte ich, "aber das muss was zu bedeuten haben." G. nickte und kratzte sich an seinem unrasierten Kinn. Jedes Jahr im Herbst schimmert sein Bart je nach Lichteinfall in verschiedensten Farben, er hat einen Jahreszeiten-Bart. "Hm", sagte G. und nahm einen Schluck Vedett, das unter den schöneren belgischen Bieren zu den schönsten gehört.

Im Water Poet servieren sie ausgesuchte Getränke. Vor einigen Monaten hatten sie ein Gastbier namens "Panzerfaust" am Hahn. Zu meinen Favoriten zählt ein Ale mit Namen "Anchor Steam Beer": Ankerdampfbier. Es schmeckt etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich vermute, dass niemals und nirgendwo ein besserer Name für ein Bier erfunden wird. "Vielleicht bedeutete die Wolke", sagte G. nachdenklich, "dass du schon bald eine Reise machen wirst." Ich seufzte. "Zum Beispiel nach, warte - nach Australien", sagte er. G. grinste, als habe er gerade den tiefen Teller erfunden. "Idiot", brummte ich. Wir tranken die Biere und schwiegen eine Weile.

Der Water Poet ist ein Pub im Londoner Osten. Er hat einen teilüberdachten Hinterhof, der ab Herbsteinbruch beheizt wird und den in der Stadt fast überall verfemten Rauchern eine wohlige Heimstatt bietet. Das Publikum ist meist eine ausgewogene Mischung aus Bildhauern, Finanzmathematikern, Schneidern, die gern Modemacher wären, und Frauen mit tollen Schuhen.

Außerdem ehemaligen Rugby-Profis, Gelegenheitsfechtern, Start-up-Chefinnen und harmlosen Zugereisten wie mir, die in Wolken Zeichen erkennen. Wer größer ist als 1,75 Meter, macht den Fehler, auf der Treppe zum Klo den Kopf nicht einzuziehen, nur ein einziges Mal. Kenner postieren sich mit ihren Bieren in der Nähe der Treppe und lauschen den regelmäßig erklingenden, oft erlesenen Flüchen.

"Noch zwei Bier, bitte", sagte ich zur Barfrau. Sie zapfte zwei Vedett, und ich verwickelte sie in ein Pläuschchen. Mit maximalem Desinteresse lauschte sie meiner Wolken-Geschichte. So barsch, dass es gerade nicht unhöflich war, sagte sie: "Das bedeutet, dass du mehr Foster's trinken sollst." Ich sagte: "Ich trinke doch Vedett." Sie sagte: "Na siehste." Ich sagte: "Ihr habt hier ja nicht mal Foster's." Sie sagte: "Das ist jetzt aber wirklich nicht mein Problem."

© SZ vom 19.10.2013/ahem
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