"Lion" Wie ein Junge nach 25 Jahren nach Hause fand

Saroo Brierley, wieder vereint mit seiner leiblichen Mutter.

(Foto: Privat/Universum Film)

Saroo Brierley ist fünf Jahre alt, als er in Indien in einen Zug klettert und verschwindet. Es dauert ein Vierteljahrhundert, bis er seine Mutter wiedersieht. Die wahre Geschichte hinter dem oscarnominierten Film "Lion".

Von Verena Mayer

Die Geschichte beginnt ganz klein, mit einer Frau in Australien, die Sinn in ihr Leben bringen will. Sie beschließt, nicht schwanger zu werden, weil es in ihren Augen schon genug Menschen auf der Welt gibt. Stattdessen adoptierten sie und ihr Mann einen kleinen Jungen aus einem indischen Waisenhaus. Um einem Kind ein Leben zu ermöglichen, das es sonst nicht hätte, im Wohlstand und in einer intakten Familie. Und doch wird diese Geschichte einmal um die ganze Welt gehen, sie wird niemanden unberührt lassen, der sie hört, und aus dem adoptierten Jungen wird eine Art Sagenheld des globalen Zeitalters werden.

Der Junge heißt Saroo Brierley und ist heute 35 Jahre alt. Ein athletischer Mann mit kurzem schwarzen Haar, der in ein Berliner Hotelfoyer kommt, um Interviews zu geben und über den Film zu reden, der aus seinem Leben gemacht wurde. "Lion - der lange Weg nach Hause" heißt er, was allerdings eine große Untertreibung ist. Denn Brierley war kein Waisenkind, sondern er ist mit fünf auf einem Bahnhof verloren gegangen. Und dann brauchte er insgesamt 26 Jahre, bis er seine Familie und sein Zuhause wiederfand.

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Ein kleiner Junge verliert seine Familie, landet im Waisenhaus und wird adoptiert. "Lion" drückt ordentlich auf die Tränendrüse - verliert sich aber nie in Kitsch und Pathos.

Doch bevor er beginnt, diese Geschichte zu erzählen, lässt sich Brierley erst mal in einen Sessel plumpsen und nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche. Er hat 24 Stunden Flug aus Australien hinter sich, wirkt aber erstaunlich frisch. Er sei das Reisen inzwischen gewohnt, sagt er, in den vergangenen Jahren hat er seine Geschichte in Australien, Asien und Amerika erzählt, und immer wieder passiert es ihm, dass er irgendwo ein Taxi nimmt, und der Fahrer sagt zu ihm: Sie sind doch der Junge, der versehentlich in einen Zug stieg und mehr als tausend Kilometer fuhr.

Ja, der Zug. Es sei ihm ein Rätsel, warum er damals in diesen Zug kletterte, sagt Brierley. Bis heute hat er allerdings diese Bilder im Kopf. Wie er auf dem Bahnhof der kleinen indischen Stadt saß, in der er mit seiner Mutter und drei Geschwistern lebte, vor ihm die Schienen und ein Wasserturm. Er war mit seinem großen Bruder unterwegs, der auf den Gleisen nach Kohlen und Essensresten suchte und ihm befohlen hatte, auf dem Bahnsteig zu warten. Als der Bruder nicht auftauchte, stieg Saroo in einen Schlafwagen, der auf dem Bahnhof stand. Irgendwann setzte sich der Zug in Bewegung, und das Nächste, was Brierley weiß, ist, dass er im 1600 Kilometer entfernten Kalkutta ankam und ganz allein auf sich gestellt war. Ein fünfjähriges Kind, das nur seinen Vornamen sagen konnte und den Namen des Slums, aus dem es stammte.

Brierley kann sich noch gut daran erinnern, wie er sich damals fühlte. Verloren, aber auch kämpferisch. Er suchte bei Straßenkindern oder in Tempelanlagen Zuflucht, stocherte auf der Müllkippe nach Dingen, die er essen oder verkaufen konnte, rannte in letzter Minute vor einem Mann davon, der ihn missbrauchen wollte. Irgendwann brachte ihn jemand in ein Waisenhaus, das über eine Zeitungsannonce seine Eltern suchen ließ. Als sich niemand meldete, wurde Saroo zur Adoption freigegeben und nach Australien vermittelt. Er kam zu einem Mittelschichtsehepaar, das etwas Sinnvolles tun wollte. Nach Saroo adoptierte es noch einen zweiten Jungen aus Indien.

Seine Adoptiveltern nennt Brierley immer nur "Mum und Dad". Wenn er über sie spricht, wird seine Stimme weich. Man merkt, wie viel ihm an dieser Familie liegt, bis heute arbeitet er im Betrieb der Brierleys, die in Tasmanien mit Bootszubehör handeln. Mum und Dad hätten in seiner Kindheit alles richtig gemacht, sagt Brierley. In seinem Zimmer hing eine Karte von Indien, an Regentagen saß er mit seiner Mutter zusammen und redete mit ihr über seine Vergangenheit und darüber, warum er anders aussah als die Kinder in der Nachbarschaft.

Alles, was Brierley hatte, waren die Bilder im Kopf

Die drängenden Fragen kamen erst, als er Mitte 20 und an der Uni war. Wo er auf indische Studenten traf, ihre Sprachen hörte, ihr Essen aß. Und er merkte, dass er das Rätsel seiner Herkunft lösen musste. Herausfinden, woher er kam, wo seine Familie war. "Man muss die Vergangenheit kennen, um in die Zukunft sehen zu können, sonst geht man verloren."

Im Gegensatz zu anderen Adoptivkindern hatte Brierley keine Unterlagen, er wusste nicht einmal, wann er geboren wurde und wie sein Nachname lautete. Alles, was er hatte, waren diese Bilder im Kopf. Vom Bahnhof, auf dem er in den Zug gestiegen war, von den Schienen und vom Wassertank davor. Brierley begann, im Internet zu recherchieren, welche Züge Mitte der Achtzigerjahre in Indien verkehrten. Er lud sich das Programm Google Earth herunter, eine Art virtuellen Globus, und drehte dort buchstäblich jeden Stein um. Zoomte Felder, Hügel und Flüsse im Umkreis von Kalkutta heran, scrollte sich durch Städte, Straßen, Häuserblöcke, Tempelanlagen, über Wochen und Monate. Mum und Dad habe er nichts davon erzählt, sagt Brierley, aus Angst, undankbar zu erscheinen.