Kolumne: Schön doof„So verdient!“

Lesezeit: 2 Min.

Grad auf einer Growth Journey?
Grad auf einer Growth Journey? Bildbyrå/Imago/Maskot

Linkedin ist die Plattform für Performer und Prahler. Was manche dort von sich erzählen, ist zuweilen schwer zu verstehen. Gut, dass es nun eine Übersetzungshilfe gibt.

Kolumne von Jan Stremmel

Wer in letzter Zeit mal auf Jobsuche im Internet war: herzliches Beileid. Auf dem sogenannten Karrierenetzwerk Linkedin, einst ein halbwegs nüchternes Nachschlagewerk für Lebensläufe, tobt seit geraumer Zeit eine Art Olympiade um die sprachlich grausigste Form bescheidener Prahlerei. Auf den ersten Blick unverdächtig aussehende Profile von sympathischen Jörgs und Cathrins sind offenbar größtenteils von Bots übernommen worden, die sich permanent „auf neue Herausforderungen freuen“, dankbar sind „für das entgegengebrachte Vertrauen“ und – wer hätte das gedacht? – in ihrer neuen Position „noch viel vor“ haben.

Nach wenigen Minuten versteht man, wieso Bewerbungsgespräche üblicherweise nicht vor Publikum stattfinden. Der beruflichen Selbstinszenierung anderer Menschen zuzusehen, ist wie der Sex der eigenen Eltern. Man weiß, dass es passieren muss – aber mitbekommen will man davon um Himmels willen nichts.

Schlimmer als die Beflissenheit und Bedürftigkeit nach Zuspruch sind nur die unterwürfigen Kommentare. Jede noch so banale neue Aufgabe wird zur „fantastischen Nachricht“, jede Beförderung zum „inspirierenden Meilenstein“, der natürlich immer was ist? „So verdient!“ Offenbar unterhalten sich hier längst nur noch KIs miteinander. Denn, ganz ehrlich: Welcher echte Mensch würde diese fadenscheinig versteckte Schleimerei auch nur einen Moment aushalten?

Doch Hilfe naht. Natürlich nicht von Menschen, sondern folgerichtig von einer KI. Eine neue Anwendung, der „Linkedin Speak Translator“, hilft bei der Verständigung in dieser linguistischen Sperrzone. Wer also dann doch mal neugierig ist, was eigentlich ein „Experte für Executive Consulting, Metaverse Strategy Development, Digital Experience Creation, Digital Assets und Blockchain“ so tut, lernt: „Macht irgendwas mit Beratung für Chefs und schmeißt mit Buzzwords um sich. Hauptsache, es klingt teuer.“ Und wer ständig seine „#GrowthJourney“ dokumentiert, sagt in etwa: „Ich probiere gerade irgendwas und hoffe, dass es nicht komplett schiefgeht. Aber ich verpacke es vorsichtshalber schon mal als Erfolgsgeschichte.“

Man merkt schon, der Übersetzer hat in der Funktion „Linkedin -> Mensch“ einen leicht sarkastischen Einschlag. Was angesichts der rauen Mengen an zu verarbeitender Selbstverliebtheit nur verständlich ist. Die wahre Zielgruppe sind wohl auch eher Menschen, die sich vom Optimierungsgesabbel der anderen so einschüchtern lassen, dass sie lieber gar nichts posten. Für sie fungiert die KI als praktischer Dolmetscher von Mensch zu Linkedin.

Wenn etwa das ehrliche Statusupdate lautet: „Ich habe in der Cafeteria soeben ein großes Stück Kuchen verdrückt“, mag das zwar liebenswert aufrichtig sein, generiert aber eher nicht das Engagement, das man sich auf seiner Growth Journey wünscht. Viel besser dagegen: „Habe soeben eine signifikante Investition in kurzfristige Glücksmaximierung getätigt: Ein großvolumiges Stück Kuchen erfolgreich gemanagt und vollständig integriert.“ Vielleicht ist das überhaupt das Erfolgsgeheimnis auf dieser Plattform der Performer: nie satt, aber immer erfüllt klingen.

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