Liebeslüge im Internet Perfektes Beuteschema

"Bis ich gemerkt hatte, was da lief, vergingen Monate." Einfühlsam, tiefsinnig und interessiert sei er gewesen, erinnert sich die 45-Jährige an den virtuellen Freund. "Allmählich hat er mein Vertrauen gewonnen." Victoria war emotional geschwächt, hatte eine Trennung hinter sich - und entsprach damit genau seinem Beuteschema: intelligent, allein erziehend, emotional bedürftig. "Wenn man psychologisch gewitzt ist und Menschen mit den entsprechenden Methoden zum richtigen Zeitpunkt anspricht, kann man Macht auf sie ausüben", davon ist Victoria überzeugt. Ein Phänomen, das übrigens nicht nur Frauen betrifft.

Natürlich hinterfragt sie, zweifelt und fordert Beweise. Doch da sind diese berührenden, wunderbare Liebesbriefe. Die unzähligen Fotos, die ihn beim Wandern, Schwimmen, Einkaufen zeigen. Die üblichen durchschaubaren Verhaltensweisen kann sie bei ihm nicht erkennen: "Er hat zum Beispiel nie nach expliziten Fotos gefragt", sagt Victoria. Er wollte auch kein Geld - aus gutem Grund, vermutet Victoria: "Er ist dafür zu klug, diese Tricks hätte ich sofort durchschaut."

Kai überschüttet sie mit Aufmerksamkeit und Geschenken, schickt auch den Kindern Pakete. Würde jemand, der es nicht ernst mit ihr meint oder sie ausnehmen will, so viel Zeit, Aufmerksamkeit und Geld für Geschenke investieren? "Nein, das wäre absurd", schreibt sie in ihrem Blog.

Andererseits ist es nicht so, dass er nichts verlangt. Er vereinnahmt sie durch die permanente Kommunikation per Skype, Facebook und Instagram. Dass beim Skypen kein Videobild mitläuft, erklärt er immer wieder mit neuen plausibel erscheinenden Ausreden, unter anderem damit, dass seine Webcam kaputt sei. Eines Tages bittet er sie, sie solle nicht so viel twittern und in der Öffentlichkeit von sich preisgeben. Also hört sie auf damit. Auch ihre Freunde vernachlässigt sie zunehmend. Sie hat ohnehin keine Zeit mehr für sie. Und so richtig verstanden fühlt sie sich eigentlich nur noch von ihm.

Dennoch kommen Zweifel. Irgendwann beginnt sie, ihn herauszufordern. Verlangt von ihm, ein Foto von sich zu schicken, auf dem er einen verabredeten Gegenstand in der Hand hält oder einen Zettel mit ihrem und seinem Namen. Sie bekommt die Fotos - allerdings nicht sofort, sondern einige Zeit später. Fotomontagen, wie sie später herausfindet. So perfekt, dass selbst ihr geschultes Auge die Manipulation kaum erkennen kann.

Um seiner Identität die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat der Mann, der sich als Kai ausgibt, einen Facebook-Account für die gemeinsame Kommunikation erstellt, auf dem sich Freunde und weitere Geschwister tummeln - allesamt Attrappen, die seine vermeintliche Existenz bezeugen sollen. Unter ihnen ein Freund namens Chris, mit einer perfekt angepassten Vita, der zufällig dasselbe Gymnasium besucht hat wie sie. Da weiß Victoria noch nicht, dass Informationen und Anekdoten über die vermeintlich gemeinsame Schulzeit auf dem Online-Portal "Stayfriends" zusammengesucht wurden. Der Mann, dessen Profil er aus dem entsprechenden Jahrgang dazu missbraucht hat, fällt später aus allen Wolken, als Victoria ihn aufklärt.