bedeckt München 23°
vgwortpixel

Geschichte von Libyen:Das unregierbare Land

Gaddafi schwebte in Libyen über allem.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seit Jahren versinkt Libyen immer tiefer im Chaos. Die Wurzeln der Konflikte reichen weit zurück - in die italienische Kolonialzeit und in die Ära von Muammar al-Gaddafi. Ein Rückblick.

Die Firma Toyota bewirbt ihren Geländewagen Hilux mit dem Prädikat "unaufhaltsam". Dabei verweist der Hersteller auf die Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit von Karosserie und Motor, es sei das ideale Arbeits- und Alltagsfahrzeug.

Im Falle Libyens aber hat sich das Auto wegen einer weiteren Einsatzmöglichkeit einen Dauerparkplatz in den Geschichtsbüchern gesichert, die Toyota eigentlich nicht vorgesehen hat: In der jüngeren Geschichte des Landes hinterließ der Hilux als Militärfahrzeug tiefe Spuren im Wüstensand. Besonders bei zwei Ereignissen, die dazu führten, dass der einst so wohlhabende Staat heute so zerrüttet ist.

Dass sich zunächst nur lose organisierte Milizen im Jahr 2011 erst gegen die Armee Muammar al-Gaddafis wehren, ihn dann in Bedrängnis und schließlich zu Fall bringen konnten, lag vor allem an zwei Faktoren: Aus der Luft agierte die Nato-geführte Militärkoalition, bombardierte Gaddafis Luftwaffe, Truppenstützpunkte und Panzer. Und am Boden eilten die teils chaotischen Rebellen von Sieg zu Sieg.

Dank ihrer Pick-up-Trucks waren sie agil und beweglich. Und für Gaddafis Armee gefährlich: Mit ein paar Handgriffen verwandelten sie die Zivilfahrzeuge in mobile Geschützstationen.

"Selbst mit schwerer Ladung ist man jederzeit problemlos unterwegs", schreibt Toyota in der Produktwerbung - die "schwere Ladung" der Rebellen war meist ein auf die Ladefläche geschweißtes Stativ samt Maschinengewehr.

Sechs Millionen Einwohner, 20 Millionen Feuerwaffen

Ende August 2011 nahmen sie auf diese Weise die Hauptstadt ein. Keine zwei Monate später zogen sie den Diktator nahe seiner Heimatstadt Sirte aus einem Kanalrohr. Videosequenzen zeigten, wie siegestrunkene Milizionäre Gaddafi auf die Motorhaube eines Geländewagens drückten, beschimpften und misshandelten - ob es ein Toyota war, ist nicht eindeutig zu erkennen.

Auch was danach geschah, konnte nie restlos aufgeklärt werden. Der Behauptung der Rebellen, der 69-Jährige sei im Kreuzfeuer getroffen worden, stehen Berichte von Augenzeugen gegenüber. Demnach war Gaddafis Tod grausam und entwürdigend: Er soll erst mit einem Bajonett anal vergewaltigt und später wohl erschossen worden sein.

Frieden brachte das Ende von Gaddafis 42-jähriger Gewaltherrschaft dem Land nicht. Die Aufständischen konnten sich in der Folge nie auf eine Machtverteilung einigen. Anstatt die Ladeflächen der Pick-up-Trucks wieder zum Transport von Lebensmitteln, Baumaterial oder Herdentieren zu nutzen, blieben die Geschütze montiert.

Historie

1551: Nachdem zuletzt Spanien und der Orden der Johanniter die Gegend beherrscht hatten, erobern die Osmanen das heutige Libyen. Istanbuls Kontrolle ist jedoch eher lose.

1934: Benito Mussolini proklamiert die Kolonie "Italienisch-Libyen". Von 1912 an hatte Rom Krieg auf der anderen Seite des Mittelmeers geführt. Erst gegen die Osmanen, dann äußerst brutal gegen den Widerstand der Einheimischen.

1951: Von 1943 an halten Großbritannien und Frankreich das Land besetzt, von 1949 an regiert ein Hochkommissar der UN. König Idris wird 1951 Staatsoberhaupt des unabhängigen Libyen.

1969: Als Idris in der Türkei weilt, setzt ihn ein "Bund freier Offiziere" unter Führung von Muammar al-Gaddafi am 1. September ab. Aus dem Königreich wird ein sozialistischer Staat.

1986: In Berlin explodiert eine Bombe in der Diskothek La Belle, eine Zivilistin und zwei US-Soldaten sterben. US-Präsident Ronald Reagan nennt Gaddafi als Schuldigen und lässt Tripolis in der Operation "El Dorado Canyon" bombardieren.

2011: Der Arabische Frühling schwappt nach Libyen - doch Gaddafi droht den Demonstranten. Seine Gegner bewaffnen sich und töten den gestürzten Diktator im Oktober.

2020: Eine Konferenz in Berlin bringt keinen Frieden, der Bürgerkrieg hält an. Die EU will fortan mit einer Marinemission Waffenschmuggel verhindern.

Schätzungen etwa der Vereinten Nationen zufolge waren in Libyen zu diesem Zeitpunkt zwanzig Millionen Feuerwaffen im Umlauf - bei gerade mal sechs Millionen Einwohnern. Anstatt endlich nach Freiheit und Wohlstand zu streben, versank das Land in neuen Konflikten.

So führte der Hilux-Aufstand dazu, dass bis heute Krieg und Zerstörung Europas Bild von Libyen prägen. Das Land auf der anderen Seite des Mittelmeeres gilt als unbefriedbar und unregierbar:

Es hat mal zwei, mal drei konkurrierende Regierungen, verschleißt einen UN-Sondergesandten nach dem anderen, führt Vermittlern wie zuletzt Angela Merkel die eigene Machtlosigkeit vor, wenn aufwendig vorbereitete Initiativen wie die Berliner Konferenz vom Januar wie im Nichts verpuffen.

Der libysche Diktator als Trikotsponsor in der deutschen Eishockey-Bundesliga

Dieser zerrissene Staat besteht in seinen aktuellen Grenzen noch keine hundert Jahre. Die italienischen Kolonialherren fügten hier bis 1934 Gebiete zusammen, die sie nach und nach erobert hatten oder abgetreten bekamen - vom Osmanischen Reich, dem von den Briten als Protektorat verwalteten Ägypten, den französischen Kolonialherren Algeriens und Westafrikas.

Zuvor waren weite Teile der Cyrenaika im Osten, Tripolitaniens im Westen und des Fessans im Süden zwar Provinzen des Osmanischen Reichs gewesen, doch Istanbuls Kontrolle war nicht immer gleich stark. Zeitweise beherrschten Korsaren die Küste um Tripolis und lösten durch ihre Raubzüge schon im frühen 19. Jahrhundert den ersten Einsatz des US Marine Corps in Übersee aus.

Ein starkes Zusammengehörigkeits- oder gar Nationalgefühl konnte auch der von 1951 an regierende König Idris nicht schaffen. 1969 wurde er von einem erst 27-jährigen Hauptmann abgesetzt: Als Muammar al-Gaddafi, Sohn einer Beduinenfamilie, gemeinsam mit anderen Offizieren nach der Macht griff, träumte er davon, mit fast zwanzigjähriger Verspätung die Revolution seines Vorbilds Gamal Abdel Nasser zu wiederholen, des ägyptischen Präsidenten.

Die aus mehreren arabischen Stämmen sowie Berbern, Touareg und Tubu bestehende Bevölkerung sollte sozialistisch organisiert werden und sich dem Ideal des Panarabismus verschreiben - der mehrfach gescheiterten Idee Nassers und anderer, einen vereinten arabischen Großstaat zu schaffen.

Den Lehrer Omar al-Mukhtar, der den Widerstand gegen die Kolonialmacht geführt hatte und von den Italienern verhaftet wurde, duldete Gaddafi als Helden neben sich.

(Foto: mauritius images / The History C)

Doch nach nur wenigen Jahren wandte sich Gaddafi von Nasser ab. Er hatte nun seine eigenen. In seiner "Dritten Universaltheorie" entwarf er einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in seinem "Grünen Buch" seine eigene Form der direkten Demokratie.

Der schmale Band bekam in Libyen Verfassungscharakter, Gaddafi wollte ihn aber auch der Welt nahebringen. Zumindest engagierte er sich zeitweise sogar als Trikotsponsor in der deutschen Eishockey-Bundesliga und ließ den ECD Iserlohn für sein Werk werben.

Im ersten Teil des Buches, der "Lösung des Demokratieproblems", entwarf der Revolutionsführer ein System aus Basis-, Regional- und Generalvolkskongressen, das auf einem Schaubild so verwirrend wie ein Batikmuster daherkommt.

Vielleicht war es auch gar nicht nötig, das Konstrukt zu durchdringen. Denn wie er sich die Machtverteilung in Wahrheit vorstellte, verriet Gaddafi in den letzten beiden Sätzen seiner politischen Vision: "Theoretisch ist dies die wahre Demokratie. Aber in der Realität herrscht immer der Starke ... d. h. der stärkere Teil der Gesellschaft ist derjenige, der herrscht."

Zur SZ-Startseite