Leukämie:Das Leben einer Fremden

Ich falle von einer Katastrophe in die nächste. Habe mich mühsam zurückgekämpft, ziehe in eine neue Stadt, habe einen Job gefunden, das neue Medikament scheint zu wirken, ich wage zu hoffen, um dann im nächsten Augenblick wieder zu fallen. Hirntumor. Ich verdränge. Ich habe es längst gewusst. Es ist nicht das erste Mal. Diese Kopfschmerzen. Diese Müdigkeit. Wie war noch mal der Weg zur Arbeit?

Doch da ist mehr. Da ist noch das Leben. Das einer mir Fremden. Aber es gefällt mir. Sie macht Pläne. Sie fährt mit Freunden am Wochenende in die Berge zum Wandern. Sie hat Dates. Sie liebt die Sonne auf ihrem Gesicht, sie plant die nächsten Reisen und freut sich darauf. Sie hat Spaß mit ihren Freunden und liebt Besuch. Sie lebt. Wenn ich verdränge, was kommen wird, was schon da ist, dann lebe ich, dann muss ich nicht überleben, dann habe ich endlich wieder das Gefühl zu leben.

Das funktioniert nur, wenn ich mich belüge, wenn ich verdränge und vergesse. In der Arbeit bin ich die Neue. Diejenige, die immer gut gelaunt ist, die gerne lacht, die einen schwarzen Humor hat. Die, die gerne arbeitet und Überstunden macht, die gewissenhaft ist. Die, die für jeden Spaß zu haben ist.

Ich renne ins Bad und das Blut läuft aus meiner Nase. Ich sperre mich auf dem Klo ein und bete, dass es wieder aufhört. Ich stopfe Toilettenpapier in meine Nase, um die Blutung zu stoppen.

Ich gehe wieder ins Büro und setze mich an meinen Rechner. Als wäre nichts gewesen. Mein Kollege ist erkältet. Ich nehme es noch genauer mit der Hygiene. Handdesinfektion ist schon lange Routine. Mir ist bewusst, dass ich dem Tod ins Auge sehe, wenn ich neben einer Virenschleuder sitze ohne Mundschutz. Das kann nicht lange gut gehen. Das weiß ich.

Aber ich genieße jeden Tag. Die sehen mich. Mehr als ich es tue. Ich werde behandelt, wie mein früheres Ich behandelt wurde. Wenn sie die Wahrheit erfahren, vielleicht begegnen sie mir sogar mit mehr Anerkennung, schätzen meine Leistung höher, aber sie werden Mitleid haben, sie werden Angst haben, mir zu viel zuzutrauen, sie werden Angst haben, wenn ich Nasenbluten habe, sie werden mir keine verantwortungsvollen Aufgaben mehr geben, sie werden mich vielleicht nicht sofort entlassen, aber ich werde keine Chance mehr haben, das zu zeigen, was ich kann.

Lange, sehr lange war ich nicht ich selbst, ich habe Stück für Stück die Freude am Leben verloren. Ich war traurig, ich war ängstlich, um nicht zu sagen panisch, ich habe jedes Selbstbewusstsein verloren, mein Leben bestand aus Angst, aus Schmerzen, aus Behandlungen, ich hatte keine Zukunft mehr und das machte die Gegenwart für mich fast unerträglich.

Ich möchte über mein Leben reden

Die Krankheit forderte volle Aufmerksamkeit und erneut folgten Monate im Krankenhaus. In dieser Zeit verlor ich jede Lebenslust, Schmerzen und Schwäche waren alles, was ich fühlte. Es gab kaum etwas, was mich am Leben hielt. Freunde. Doch auch hier musste ich Verluste hinnehmen.

War ich es, die sie alle vergrault hat? Oder der Krebs? Ist diese Frage nicht hinfällig? Sie sind weg. Jeden Tag vermisse ich sie. Ich wünsche mir nichts mehr als eine Chance. Eine Chance zu zeigen, dass ich es wert bin, dass heute wieder mehr Freude, Fröhlichkeit und Spaß am Leben in mir steckt als im vergangenen Jahr. Ich wünsche mir eine Chance und ich muss aufpassen, dass ich nicht daran verzweifle, dass ich nichts ändern kann, dass diese Entscheidung nicht in meiner Hand liegt. Warum sind genau die gegangen, die mir so sehr viel bedeutet haben?

Ich möchte über mein Leben reden. Denn das existiert. Ich möchte mich erklären. Ich liebe das Leben, ich lache gerne, ich bin verrückt, nichts gibt mir mehr, als draußen zu sein, die Stadt weit weg, in der Natur, nichts, außer der Gedanke, dass ich etwas bewirken könnte, dass meine Freunde wieder mich sehen, nicht den Krebs und das was er aus mir machte, sondern mich. Wie ich war und wie ich bin.

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