Lesen:"Seit die Kinder da sind, komme ich nicht mehr zum Lesen"

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Zum Bücher lesen kommen viele Menschen heute bestenfalls noch im Urlaub.

(Foto: imago/Westend61)

Mit diesem Seufzer stoßen Eltern auf viel Verständnis. Aber was, wenn die Kinder gar nicht schuld sind?

Von Michael Ebmeyer

Wann war das letzte Mal, dass Sie sich vollkommen in ein Buch vertieft haben, versunken sind in einen Leserausch? Gerade bei Eltern ist das vielleicht schon länger her. "Seit die Kinder da sind, komme ich nicht mehr zum Lesen", seufzen sie und können auf Verständnis hoffen. Dass Kinder einem die Zeit zum Lesen rauben, gilt als derart ausgemacht, dass man es jedem - sogar sich selbst - nachsieht, kaum mehr ein Buch zu bewältigen, solange sie klein sind.

Doch irgendwann sind die Kinder nicht mehr ganz klein. Sie gehen zur Schule oder mindestens in den Kindergarten, sie verabreden sich, sind mal übers Wochenende bei den Großeltern, wollen nicht, dass man beim Fußballtraining dabeisteht. Freie Bahn zum Lesen also für die Eltern. Und die: seufzen weiter. Ein Buch halten sie dabei nicht in der Hand. Mit etwas größeren Kindern arbeitet man wieder mehr, Familie und Beruf müssen weiter unter einen Hut, und wegen der Schule steht man elend früh auf, sodass man sich abends keine Lektüre-Exzesse gestatten kann.

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Dieser Text stammt aus dem Magazin "Süddeutsche Zeitung Familie".

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Nur geht es ja nicht darum, die Bücher einzuatmen wie mit 18, "Schuld und Sühne" in einer Woche, "Der Fänger im Roggen" in zwei Tagen. Es würde schon reichen, überhaupt wieder welche zu lesen. Regelmäßiger. Sich der erschütternden Frage zu stellen: Wie konnte ich mir das abgewöhnen? Ein Leben ohne Bücher war doch immer undenkbar. Und damit war nicht gemeint, dass sie bloß im Regal einstauben, schlimmstenfalls noch in Folie eingeschweißt.

Die Entfremdung könnte auch mit etwas zusammenhängen, das im Jahr 2007 das Licht der Welt erblickt hat. Damals präsentierte Steve Jobs das erste iPhone. Seitdem hat sich das Leseverhalten grundlegend gewandelt: Die mittlerweile rund 50 Millionen Smartphones im Land haben den Alltag neu getaktet: Messenger-Dienste, Push-Meldungen, laufend aktualisierte Nachrichten-Apps - der kleine Apparat buhlt unentwegt um Aufmerksamkeit.

Damit richtet er gerade bei Eltern etwas Seltsames an. Wer heute Kinder im Vor- und Grundschulalter hat, kaufte das erste Smartphone wahrscheinlich, als der Nachwuchs gerade ein Kleinkind war. Das Gerät, das dauernd "Schau mal!" fordert, setzt die Phase, in der Babywünsche alles andere ständig unterbrechen, nahtlos fort. "Seit ich das Smartphone habe, komme ich nicht mehr zum Lesen" - das mag weniger verzeihlich klingen als die Ausrede mit den Kindern, ist aber plausibel.

Müssen wir uns damit abfinden, dass ausgiebige Lektüre in Zeiten digitalen Schnelltextkonsums zu einer Herausforderung wird? Oder handelt es sich um eine Lebensphasenbedingte Leseblockade, die wieder von selbst vergeht? Möglicherweise liegt der nächste Leserausch zum Greifen nah. Wir hätten da ein paar Ideen.

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