Süddeutsche Zeitung

Lesbenfriedhof in Berlin eröffnet:"Wir reagieren auf die Ausgrenzung"

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Im Vorfeld hielten es viele für einen Aprilscherz: Für Lesben gibt es künftig in Berlin einen eigenen Friedhof. Bei der Eröffnung wird deutlich, dass das gesonderte Areal kein Wunsch nach Isolation ist - im Gegenteil.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Zwar am 1. April angekündigt, aber alles andere als ein Aprilscherz: Auf dem evangelischen Georgen-Parochial-Friedhof in Prenzlauer Berg ist an diesem Sonntag Berlins erster Lesbenfriedhof eingeweiht worden. Zwei Stunden lang wurden Reden gehalten, Lieder gesungen und Poesie vorgetragen, die Organisatorinnen waren sichtlich stolz auf das Erreichte - und Erkämpfte. Und die Besucher waren schlicht gerührt, als die Frauen ihre letzte Ruhestätte einweihten. Ein 400 Quadratmeter großes Areal hat die Frauenwohnstiftung Sappho angemietet, auf dem künftig ausschließlich lesbische Frauen beerdigt werden sollen.

Es erfordert schon viel Mut, sich in der Öffentlichkeit zu einer Sexualität zu bekennen, die nicht der gängigen Norm entspricht, noch dazu in einer immer noch männerdominierten Gesellschaft. Noch mehr Mut erfordert es allerdings, sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen - und zu Lebzeiten alle Schritte in die Wege zu leiten, die sonst oft erst zum Zeitpunkt des Todes akut werden. Und das auch noch vor Publikum.

Will ich eine Erdbestattung oder verbrannt werden, will ich im Familiengrab oder lieber einzeln bestattet werden, wer kümmert sich um mein Begräbnis, wie wird es finanziert, wo kann man um mich trauern? Mit all diesen Fragen sind in vielen Fällen die Angehörigen konfrontiert, wenn jemand stirbt. Was aber, wenn man keine Angehörigen hat oder nichts mehr mit ihnen zu tun?

Lesbische Frauen sichtbar machen

"Wir wollen mit denen bestattet werden, die wir kannten und die wir geliebt haben", "Wir wollen nach dem Tod unter Schwestern sein", begründeten die Frauen in ihren Einweihungsreden den Wunsch nach Beisetzung mit der Wahlverwandtschaft. Sich auch nach dem Ableben in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und in der selbstgewählten Familie zu verorten, ist das eine Motiv, ein emotionales. Das andere ist ein politisches: "Wir wollen ein Denkmal für unsere Gemeinschaft der Lesben", sagt eine der Frauen, eine weitere plädiert für mehr "Sichtbarkeit der Lesben". In einer Presseklärung der Initiative heißt es: "Die Frauen von Safia und Sappho gehen in ihrer Beerdigungskultur betont offensive Wege, als Statement gegen die weitgehende Unsichtbarkeit von Lesben in Gesellschaft, Politik und Medien."

Sichtbar gemacht haben die Lesben sich nun, inklusive spiralförmigem Friedhofsareal und schlangenförmiger Holzbank, die zu einem Treffpunkt für die Lebenden werden soll. Und sichtbar gemacht haben sie an diesem Sonntag noch mehr: Dass es sogar Spaß machen kann, sich mit dem Tod zu beschäftigen - ganz im Gegensatz zur gängigen Kultur hierzulande, ihm tunlichst nicht ins Auge sehen zu wollen. Da findet eine der Frauen zu ihren Füßen ein offenbar menschliches versteinertes Gebiss - und legt es nach verwunderter Betrachtung auf eine Steele, damit für alle sichtbar ist: So sieht das aus, wenn es vorbei ist.

"Lust will Ewigkeit/Bella Ciao", solche und ähnliche Motti hätten sich die Initiatorinnen für ihre gemeinsame Grab-WG überlegt, und dabei mit Begeisterung an etwas für sie sehr Entscheidendem gearbeitet. "Notwendigkeit macht erfinderisch", philosophierte Schriftstellerin Traude Bührmann humorvoll und unter großem Gelächter über ihre Gedanken über den eigenen Tod.

Die Evangelische Kirche, die das Areal zur Verfügung stellte, wobei keine öffentlichen Gelder geflossen sind, weil die 500-Frau-Stiftung das Projekt selbst finanziert, lobte in einer Erklärung: "Der Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte begrüßt diese Entwicklung, die geeignet erscheint, dem allgemeinen Niedergang von Bestattungskultur durch die Ausbreitung der sogenannten anonymen Besitzungen punktuell entgegenzuwirken."

Als das Vorhaben angekündigt wurde, reagierten hingegen viele mit Häme. "Berlin fühlt sich oft an wie ein Aprilscherz", titelte die Welt, "Exklusion am Grabe" die Berliner Zeitung, Bild ließ eine junge Biologin und einen CDU-Politiker zu Wort kommen: "Warum können nicht alle zusammen unter der Erde liegen?" Und: "Wer sich als Teil der Gesellschaft versteht, sollte sich auch im Tode nicht isolieren." Unter den Artikeln und im Netz ereiferten sich User, die gegen die "Diskriminierung von Männern und Nicht-Lesben" wetterten.

Zur Eröffnung zeigten sich die Medien dann jedoch zahm. Trauten sich kaum, kritische Fragen zu stellen, machten keine Fotos einzelner Frauen und auch von Gruppen nur aus der Ferne und berichteten im Anschluss versöhnlich darüber, dass "sechs Gräber schon besetzt" seien ( BZ). Der Tagesspiegel kündete: "Verbunden über den Tod hinaus".

Unter Freundinnen und Mitkämpferinnen

Sie hatten mittlerweile recherchiert und festgestellt, dass es schwule Friedhöfe ja auch schon länger gibt. Und Sprecherin Astrid Osterland, 68, die sich bereits einen Grabplatz gesichert hat, verkündet auf Anfrage der SZ, wie sie auf die Kritik reagiere, entschieden: "Das ist ein deutlicher Hinweis, dass wir Homophobie in unserer Gesellschaft haben. Wir reagieren auf diese Ausgrenzung, aber nicht, indem wir uns selbst systematisch ausgrenzen, sondern indem wir uns Orte suchen, an denen wir wohlgelitten sind." Die seien selbstverständlich eher unter den Freundinnen und Mitkämpferinnen zu suchen.

"Von daher entsteht immer wieder eine Gruppe von Frauen, die sich fragen lassen muss: Warum grenzt ihr euch aus? Und ich frage zurück: Warum grenzt ihr uns aus?", so Osterland, die in dem Lesbenfriedhof auch einen Ort für die Generation der politischen Aktivistinnen sieht, die jahrzehntelang für die Gleichstellung von Frauen und Lesben gekämpft haben. Trotzdem will sie das nicht falsch verstanden haben: "Wir haben einen Ort geschaffen, an dem keine Zäune sind. Die Zäune sind woanders!"

Dass viele der älteren Frauen, die zur Eröffnung gekommen sind, jahrelange Kämpfe hinter sich haben, merkt man. Sie rufen "Brava!" anstatt Bravo, sie sprechen von einem "herstorischen" anstelle eines historischen Momentes, an dem das "Berliner Modell" mit seinen 80 Plätzen nach fünf Jahren Planung nun Vorbild für weitere Lesbenfriedhöfe in ganz Deutschland werden solle. Und der Stiftungsvorstand lässt ausrichten: "Berlin hat jetzt noch einen Grund, eine Reise wert zu sein - auch wenn es für manche die letzte sein wird."

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