Hochstapler Léo Taxil Der Erfinder der Fake News

Léo Taxil schrieb pornografische Serienromane und Anleitungen für Küchengeräte.

(Foto: Achille Mélandri/Bibliothèque nationale de France)

Léo Taxil prangerte Freimaurer als Teufelsanbeter an und gab sich erzkatholisch - bis er sich selbst enttarnte. Geschichte eines skurrilen Schwindlers, der heute vor 165 Jahren geboren wurde.

Von Josef Schnelle

Der Saal der Geographischen Gesellschaft in Paris war überfüllt am 19. April 1897.

Ein Lichtbildvortrag über Diana Vaughan, die angebliche Hohepriesterin des "Palladismus-Kultes", war angekündigt, und neben Skandalpresseleuten aus aller Welt hatte auch die päpstliche Nuntiatur zwei Delegierte entsandt.

Denn der Kampf des Journalisten Léo Taxil gegen die vorgeblichen Teufelskulte der Freimaurer war ein Lieblingsprojekt von Papst Leo XIII. Taxil trat vor sein Publikum, das saftige neue Enthüllungen über Sexskandale, Blutorgien und schwarze Messen erwartete, mit denen er seine Fans zwölf Jahre lang versorgt hatte.

"Baphomet" hatte ein Bocksgesicht, Hörner, schwarze Flügel und weibliche Brüste

Doch ein viel größerer Skandal wartete auf sie. Taxil bekannte rundheraus, alles sei Schwindel. Alle Monstrositäten aus seinem vierbändigen Standardwerk über die Freimaurerei und die in zwei Bänden zu jeweils 1000 Seiten verarbeitete Skandalstudie "Der Teufel im 19. Jahrhundert" sowie die vielen kleinen und großen Fake-News aus dem Innenleben der teufelsgläubigen Freimaurer hatte er samt der Teufelspriesterin Diana Vaughan komplett erdacht und warf nun seiner Gemeinde noch vor, an solch übertriebenen Unsinn überhaupt geglaubt zu haben.

Zum Beispiel an "Baphomet", einen Unterteufel mit Bocksgesicht, Hörnern, rabenschwarzen Flügeln und weiblichen Brüsten, der über diverse Freimaurerrituale höchstpersönlich gewacht haben sollte.

Die denkwürdige Enthüllungsschau Léo Taxils endete im Chaos, manche sangen ein Kirchenlied, das schon zum ironisch gemeinten Ohrwurm des Kabaretts in Paris geworden war.

Inmitten des Tobens soll sich der Urheber davongeschlichen haben, um in einem benachbarten Café in aller Ruhe und milde lächelnd seinen Triumph auszukosten.

In der Sonderausgabe des Frondeur wenige Tage später bekannte er sich noch einmal zu seinen zwölf Lügenjahren "unter dem Banner der Kirche" und räumte später offen ein, als "Münchhausen", als "Erzlügner seiner Zeit" ordentlich kassiert zu haben.

Er selbst hielt sich sowieso erklärtermaßen für den genialsten aller Lügner.

Das hatte er schon in den Siebzigerjahren bewiesen, als er sich als jugendlicher Herausgeber an die Spitze der La Fronde gesetzt hatte, einer Zeitschrift für gehobenen polemischen Unsinn, die "Steinschleuder", die Taxil - eigentlich Marie Joseph Gabriel Antoine Jogand-Pagès - nutzte, um härteste, damals kirchenkritische, Texte zu lancieren.

Sein "Bestseller" handelte über das geheime Liebesleben von Papst Pius IX. Mit antiklerikalem Kitsch und Klatsch brachte er es zur Exkommunikation, zu der ihm sogar Italiens Revolutionsheld Garibaldi telegrafisch gratulierte. Taxil forderte den baldigen Untergang des Papsttums.

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Doch um die wilden Zeiten nach der Niederlage gegen Preußen 1870/1871 und der Niederschlagung der Pariser Kommune noch wilder werden zu lassen, suchte Taxil den Knalleffekt.

Nachdem der neue Papst Leo XIII. 1884 in der Enzyklika "Humanum Genus" die Welt zum ewigen Schauplatz des Kampfes der Kirche von Jesus Christus gegen das Königreich Satans erklärt hatte, unterwarf sich Taxil und versprach, von nun an nur dem wahren Glauben zu dienen. Der Vatikan freute sich über den neuen "Frondeur", und er bekam eine Audienz beim Papst, nicht ohne zuvor noch kurz mit den Freimaurern zu flirten.

Doch die lehnten ihn wegen dubioser Geschäfte ab. Danach wurden sie Hauptziel des Taxil-Spotts. Zweimal enttarnte sich der Taschenspieler spektakulär als Schwindler und berichtete, dass ihn anfangs nur die Lust am Amusement zu seinen Erfindungen verführt habe; aber die Leichtgläubigkeit des klerikalen und antiklerikalen Publikums habe ihn zu immer absurderen Behauptungen verleitet.

Taxil schrieb pornographische Romane, galt als "Jules Verne der Hölle" - und genoss diesen Ruf

Taxil hatte sich schon als Autor pornografischer Romane versucht und bei einem vorübergehenden Exil in Genf angeblich eine versunkene Römerstadt im See entdeckt. Später schrieb er Anleitungen zur Küchennutzung und lebte von der Erinnerung an seinen größten Erfolg als "Jules Verne der Hölle", bis er 1907 starb.

Bei allen Peinlichkeiten seines Schreibens glaubt man kaum, dass Taxil echte, ernsthafte Ziele hatte, wie etwa die Forderung nach endgültiger Trennung von Kirche und Staat. Die erfolgte erst 1905.

Er repräsentierte auch den Aufstieg dessen, was heute Fake-News heißt. Man darf nicht vergessen, dass 1894 in Frankreich die antisemitisch geprägte "Dreyfus-Affäre" begann, auf die Émile Zola 1898 mit seinem offenen Brief "J'accuse - Ich klage an" reagierte.

Schon in den "Annalen der Politik und der Literatur" machte Zola sich Gedanken zum Zustand der Presse: "Meine einzige Sorge angesichts des Journalismus von heute ist der Zustand nervöser Überreizung, in dem er die Nation hält."

In dieser Stimmung konnte der Atheist Taxil den doppelten Schwindel lancieren. Wenn man die derzeitigen Katastrophenszenarios in Fernsehen und Presse oder die Tricksereien eines Claas Relotius betrachtet, so wird man deutlich an den Zustand der "nervösen Überreizung" vor über hundert Jahren erinnert.

Doch ist Taxils Karriere in ihrer anarchistischen Hemmungslosigkeit samt zweifacher bühnenreifer Bekehrung wohl einzigartig. Nur was ihn antrieb, abgesehen von Geld, Ruhm und der verführerischen Macht des Taschenspielers, wird sein Geheimnis bleiben. Letztlich kann nur der völlig frei sein, der an absolut nichts glaubt.

Dieser Text erschien zuerst in der SZ-Printausgabe vom 19. Januar 2019.

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