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Lebenswandel:Ungeliebtes Obst

Von einem gesunden Lebenswandel sind die Deutschen noch weit entfernt - die Nachfrage nach Gesundem sinkt.

Die Formel für eine gesunde Ernährung scheint denkbar einfach: abwechslungsreich, frisch, maßvoll. Statistisch gesichert ist, dass das dem Durchschnittsdeutschen durchaus bewusst ist und er auch weiß, dass er vor allem Obst und Gemüse dafür braucht.

Obst; iStockphotos

2007 ging die Nachfrage nach Frischobst von 94 auf 86 Kilogramm zurück.

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Nur zeigt die Statistik auch, dass er sich darum wenig schert. Schließlich ist der Trend zu Fertigprodukten und Fast Food ungebrochen. Und das trotz der aufmunternden Kampagne "5 am Tag", die der Deutsche Fruchthandelsverband (DFHV) mit beträchtlichem Aufwand unterstützt.

Die Empfehlung lautet, über den Tag verteilt fünf Portionen Obst und Gemüse zu je 130 Gramm zu verzehren. Das würde sich pro Kopf und Jahr auf 237 Kilogramm summieren. Von so einem gesunden Lebenswandel sind die Deutschen aber noch weit entfernt.

2005/2006, jüngere Zahlen liegen nicht vor, aß jeder Bundesbürger im Schnitt 207,5 Kilogramm frisches und verarbeitetes Gemüse und Obst. Ein höherer Verzehr ist bislang nicht in Sicht. Im Gegenteil, der Obst- und Gemüse-Konsum (Frischware) der Deutschen geht zurück. Nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP) kaufte jeder Haushalt 2004 noch 67 Kilogramm Frischgemüse, 2007 waren es knapp vier Kilogramm weniger. Die Nachfrage nach Frischobst ging von 94 auf 86 Kilogramm zurück.

Importierte Pestiziede

Als einen Grund für den Abwärtstrend haben Konsumexperten die steigenden Lebenmittelpreise ausgemacht. Allein 2007 legten sie um etwa fünf Prozent zu. Das aber will DFHV-Präsident Jürgen Boruszewski so nicht gelten lassen. Bei Obst seien die Preise 2007 laut ZMP mit knapp drei Prozent unterdurchschnittlich angestiegen, bei Gemüse sogar nur um zwei Prozent. Erhebliche saisonale Preisschwankungen im Jahresverlauf seien dabei normal, sagt Boruszewski im Vorfeld der internationalen Fachmesse Fruit Logistica in Berlin: "Wir vertreiben nun einmal in vielen Fällen extrem wetterabhängige Produkte."

Das Wetter freilich hat den deutschen Obst- und Gemüseanbauern im vergangenen Jahr im Unterschied zu vielen anderen Ländern in Mittel- und Osteuropa hohe Erträge beschert. Die Obsternte in Deutschland erreichte mit 1,4 Millionen Tonnen den höchsten Wert der letzten fünf Jahre, die Produktion von Gemüse übertraf mit 3,4 Millionen Tonnen sogar das bisherige Rekordergebnis von 2004. Gleichzeitig stiegen die Importe.

"Mehr als 80 Prozent des in Deutschland verkauften Obsts und Gemüses werden importiert", sagt Boruszewski, dessen Branche nach ZMP-Schätzungen im vergangenen Jahr gut 18 Milliarden Euro umsetzte. Den hohen Importanteil sieht der DFHV-Präsident mit gemischten Gefühlen. Einerseits erleichtere die Globalisierung den Handel mit Obst und Gemüse aus aller Welt.

Andererseits werde die effiziente Versorgung des deutschen Marktes immer schwieriger. Die weltweite Nachfrage nach Obst und Gemüse steige, damit wachse auch die Konkurrenz zu anderen Ländern, deren Händler und Verbraucher häufig bereit seien, höhere Preise als die Deutschen zu bezahlen. "Eine Konsequenz daraus ist, dass die deutschen Fruchthändler teilweise schlechtere Ware erhalten als ihre Konkurrenten", sagte Boruszewski. Der Begriff "schlechter" beziehe sich dabei nicht auf die Qualität, sondern auf das Aussehen und die Größe der Früchte und Produkte.

Die Warnung von Umwelt- und Verbraucherschützern, dass mit dem zunehmenden Import nicht nur die Gefahr der Pestizidbelastung von Obst und Gemüse steigt, sondern sich auch die Klimabelastung durch die langen Transportwege der Produkte erhöht, nimmt der DFHV-Präsident ernst. Sein Verband achte konsequent darauf, "dass die deutschen Standards bei der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln weltweit umgesetzt werden". Das mag so sein, doch die Umweltorganisation Greenpeace hat in einer Studie darauf hingewiesen, dass sich derzeit nur maximal 600 der etwa 1350 weltweit in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizidstoffe überhaupt nachweisen lassen.

Boruszewski plädiert in Sachen Pflanzen- und Klimaschutz für eine sachliche Diskussion: "Die Kohlendioxid-Äquivalente bei Fleisch und Milchprodukten liegen um ein Vielfaches höher als die Werte für Obst und Gemüse." Zudem untersuche eine Expertengruppe seines Verbandes derzeit die Möglichkeit, auf bestimmte Pflanzenschutzmittel völlig zu verzichten. "Eine Steigerung des Konsums von Obst und Gemüse fördert also nicht nur die Gesundheit, sondern ist auch ein konkreter Beitrag zum Klimaschutz", ist Boruszewski überzeugt.

© SZ vom 6.2.2008
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