Lebensqualität Gaggenau sehen und länger leben

Die Menschen in Gaggenau sind Teil eines riesigen Experiments.

(Foto: dpa)

Die Menschen in einer kleinen baden-württembergischen Stadt sind Teil eines riesigen Experiments. Forscher untersuchen dort, was eine Stadt tun kann, damit die Bürger älter und glücklicher werden.

Interview von Tobias Dirr

Wie können wir möglichst lange? Welche Lebensumstände tragen dazu bei? Und was können Städte dafür tun, dass ihre Bürger gesünder und glücklicher sind? Dazu läuft gerade im baden-württembergischen Gaggenau ein großes Experiment. Es ist auf acht Jahre angelegt. Hinter dem Projekt stehen Forscher an den Uni-Kliniken in Mannheim und Tübingen sowie am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit. Was die Wissenschaftler genau untersuchen, erklärt der Studienleiter Joachim E. Fischer. Er ist Professor für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin.

SZ: Warum gerade Gaggenau?

Joachim E. Fischer: Hier finden wir einen guten Durchschnitt durch sämtliche sozialen Milieus. Vom dörflichen Raum bis zu städtischen Siedlungen gibt es alles. Wichtig ist auch: Es gibt noch Potenzial. Wenn 95 Prozent der Bevölkerung schon Abitur hätten, wäre es der falsche Ort, um etwa die Bildungschancen zu verbessern.

Trotzdem: Solche Orte gibt es sicher viele in Deutschland.

Das stimmt, aber Gaggenaus Bürgermeister Christof Florus hat schon vor Jahren damit begonnen, die soziale Infrastruktur zu verbessern. Etwa mit dem Ausbau von Kitas oder einem besseren Angebot für alte Menschen, um sie vor Vereinsamung zu bewahren. Diesen Weg möchte er weiter gehen. Zudem gibt es mit Daimler einen großen Arbeitgeber, dem daran gelegen ist, in Zukunft gut ausgebildetes und gesundes Personal aus der Region zu bekommen.

Wie kann man das Leben verlängern?

Bei Maßnahmen, die die einzelnen Bürger betreffen, haben wir die Mittel eigentlich schon ausgeschöpft. Bei Nicht-Raucher-Kampagnen etwa haben wir alles getan, um über die Risiken aufzuklären. Anders sieht es bei Themen aus, die die Gemeinschaft betreffen. Über gute Kinderbetreuung können wir zum Beispiel Einfluss nehmen. Wenn die Kinder oft ins Freie kommen, wirkt sich das ebenfalls positiv auf die Gesundheit aus. Wenn in den Kantinen gutes Essen ausgegeben wird, dann verbessert sich die Gesundheit des Einzelnen. Und auch die Verbesserung des Betriebsklimas um 10 Prozent verlängert nachweislich das Leben.

Was tun Sie in Gaggenau dafür?

Zuerst schauen wir, was es schon gibt. Wie sieht die Kinderbetreuung aus, wie gut ist der Zugang von Kindern aus sozial schwachen Milieus zu Schulbildung oder wie gut können alte Menschen am sozialen Leben teilnehmen? Vielleicht gibt es schon einen Kindergarten, in dem alles so gut funktioniert, so dass wir seine Konzepte auf alle anderen übertragen können. Gaggenau hat in den vergangenen Jahren ohnehin viel getan, zum Beispiel auch mit Baumaßnahmen den Verkehr in den Wohngebieten radikal beruhigt. Wenn Sie dort zu schnell fahren, können Sie ihr Auto in die Werkstatt bringen.

Warum ist eine solche Maßnahme wichtig?

Wir wissen beispielsweise aus der eigenen Forschung, dass die gefühlte Verkehrssicherheit der unmittelbaren Nachbarschaft der wichtigste Faktor ist, der bestimmt, wieviel Kindergartenkinder draußen spielen. Es geht aber nicht nur darum, städtische Strukturen zu verbessern, sondern auch um Möglichkeiten, wie Gaggenauer Arbeitgeber ihren Beschäftigten eine für Körper und Seele möglichst optimale Arbeitswelt schaffen.

Das Projekt steht unter dem Motto "Ein gutes Jahr für jeden Bürger". Warum wollen Sie den Bürgern nur ein zusätzliches Lebensjahr schenken?

Ein Lebensjahr ist eine hypothetische Größe. Im Gesundheitswesen rechnet man, dass eine Behandlung von der Versichertengemeinschaft getragen werden sollte, wenn sie das Leben eines Menschen um ein Jahr verlängert und nicht mehr als 50 000 Euro kostet. Im Falle von Gaggenau wären das bei 30 000 Einwohnern Behandlungen im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Das ist unbezahlbar. Also muss der Ansatz sein, wie schaffen wir es günstiger, dass Bürger heute mehr Lebensfreude empfinden? Wie können wir mit kleinen Schritten soviel verändern, dass die großen Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herzinfarkt später oder gar nicht auftreten? Das Ziel ist ehrgeizig, aber durchaus realistisch.

Wie reagieren die Gaggenauer, dass sie jetzt länger leben dürfen?

Bislang ist es eine große Gerüchteküche. Wir haben noch nicht so viel erzählt. Das wird in den kommenden Wochen geschehen. Aber man merkt schon: Es herrscht ein reges Interesse und eine gelassene Vorfreude, auf das was da noch kommt. In acht Jahren wissen wir mehr. Vielleicht wird Gaggenau ein Vorbild für andere Kommunen, dann hat es sich gelohnt.