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Lebensmittelzusätze:Hyperaktiv durch Farbstoffe?

Farbstoffe in Süßigkeiten und Limonade begünstigen möglicherweise hyperaktives Verhalten von Kindern. Die These ist alt - doch nun wollen Forscher neue Belege gefunden haben.

Farbstoffe in Nahrungsmitteln, besonders in Süßigkeiten und Limonade, begünstigen womöglich hyperaktives Verhalten von Kindern. Diese alte These will jetzt ein Team von Psychologen und Ärzten aus Southampton belegt haben (Lancet, online).

Risikofaktor Farbstoff?

(Foto: Foto: ddp)

Sie hätten "ein beständiges Muster" gefunden, sagt der Leiter der Gruppe, Jim Stevenson. Die britische Lebensmittelbehörde, Auftraggeber der Untersuchung, warnt nun vor den Farbstoffen. Das europäische Aufsichtsamt will sich noch im September mit der Studie beschäftigen. Gruppen betroffener Eltern fordern bereits ein Verbot der Substanzen. Allerdings gibt es deutliche Zweifel an der Aussagekraft der Studie.

Die britischen Wissenschaftler hatten 153 dreijährige und 144 acht- bis neunjährige Kinder sechs Wochen lang getestet. Es ging dabei um zugelassene gelbe und rote Farbstoffe, die auf Etiketten mit den Bezeichnungen E102, E110, E122, E124 und E129 angegeben werden müssen sowie um das Konservierungsmittel Natriumbenzoat (E211).

Sehr unterschiedliche Reaktionen

Zunächst sollten die Kinder eine Woche lang auf all diese Substanzen in ihrer Ernährung verzichten. Dann bekamen sie jeden Tag ein Getränk von den Forschern. Der Inhalt wechselte wochenweise. Es enthielt entweder nichts von den untersuchten Stoffen (ein sogenanntes Placebo als Vergleichsbasis) oder eine nach Aussage der Forscher für die normale Ernährung typische Menge oder eine überhöhte, etwas anders zusammengesetzte Menge. Danach wurde jeweils das Verhalten der Kinder analysiert.

Um die Beobachtung nicht zu verfälschen, wussten weder Kinder noch Eltern oder Forscher, wer wann welche Flüssigkeit zu trinken bekam. Die Daten darüber wurden erst nach Ende der Messungen herbeigezogen.

Die Kinder reagierten auf die Farbstoff-Cocktails - jedoch sehr unterschiedlich. Bei den kleinen Kinder änderte sich das Verhalten stärker nach dem geringer dosierten Drink. Der Effekt der größeren Farb- und Konservierungsstoff-Menge war nicht nur niedriger, sondern auch statistisch nicht aussagekräftig. Bei den älteren Kindern zeigte sich das umgekehrte Resultat. Das war eher zu erwarten: Sie reagierten auf die überhöhte Menge stärker als auf die typische - jeweils im Vergleich zu dem Placebogetränk.

Dennoch bezeichnet Stevenson den Effekt als konsistent, wenn auch klein: "Die Farbstoff-Cocktails haben die Kinder im Mittel um zehn Prozent näher an eine klinische Diagnose der Hyperaktivität geschoben." Der Effekt war innerhalb der Gruppen unterschiedlich stark ausgeprägt, die Jüngeren reagierten weniger einheitlich als die Älteren.

Zudem stießen die Forscher auf ein Hindernis: Die Acht- oder Neunjährigen waren im Lauf der Studie zunehmend von einem Konzentrationstest am Computer gelangweilt, erzählt Stevenson. Sein Team musste diesen Effekt aus den Daten herausrechnen.

Ein weiteres Problem der Studie ist ihre geringe Beteiligung. Die Forscher hatten insgesamt die Eltern von gut 1500 Kindern gefragt, aber nur knapp 300 Teilnehmer gefunden.

Von denen waren noch einmal 30 im Verlauf der Studie abgesprungen; insgesamt hatten nur 164 Kinder alle Anforderungen erfüllt. Besonders wegen der hohe Rate an Absagen vor Studienbeginn ist kaum auszuschließen, dass sich vor allem Eltern zur Teilnahme bereit erklärt haben, die sich ohnehin Sorge über Hyperaktivität bei ihren Kindern machen.

Zudem sind in Studien, bei denen Angesprochene ablehnen, meist besserverdienende, höhergebildete Familien überrepräsentiert, was die Aussagekraft schwächt. Stevenson hält seine Probanden dennoch für gute Vertreter der allgemeinen Bevölkerung.

"Alte These, geringe Beweise"

"Die These, dass hyperaktives Verhalten mit Farbstoffen zusammenhängt, ist alt, die Beweise dafür gering", sagt Gerd Schulte-Körne, Jugendpsychiater an der Universität München. "Und wenn bei der neuen Studie der Effekt bei beiden Kindergruppen gegenläufig ist, spricht das nicht für sie."

Vor allem aber warnt er vor dem Transfer: Die Daten von Gesunden ließen sich nicht auf Kinder übertragen, die eine Diagnose wie Hyperaktivität bekommen haben.

Genau diesen Transfer aber macht die britische Lebensmittelbehörde FSA nun. Sie formuliert die Warnung an die Eltern allerdings zurückhaltend: "Wenn ein Kind Zeichen von Hyperaktivität zeigt, könnte ein Vermeiden der Farbstoffe positive Effekte haben", sagte der FSA-Chefwissenschaftler Andrew Wadge britischen Medien.

Auf Ernährungsberater und Teilnehmer an Diskussionsforen, die die Farbstoff-These schon heute als Wahrheit betrachten, dürfte der Satz wie der endgültige Beweis wirken - obwohl er sich auf eine umstrittene Studie stützt.