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Lebensmittel-Fälschungen:Verbraucher an die Macht

Natürlich muss der Staat vor Pfuschern schützen. Aber solange Verbraucher im Supermarkt keine anderen Entscheidungen treffen, wird sich nichts ändern.

Glibber-Schinken, Fake-Käse, Milcheis-Imitat. Es ist anscheinend egal, was wirklich drin ist im Essen. Hauptsache, es sieht irgendwie so aus und schmeckt in etwa so wie das Original.

Tiefkühlkost, Lebensmittel, Verbraucherschutz; iStockphotos

Wer sich wundert, dass auf seiner Billig-Tiefkühl-Pizza kein Gourmetschinken liegt, ist selber schuld.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Dafür gibt es noch andere schöne Beispiele. Sogenannte Schnitzel etwa, aus kleingehäckselten Tieren zusammengepresstes Formfleisch. Oder falsche Garnelen, eine weiße Masse mit roten Streifen, die das Meer nie gesehen hat. Bislang war nie ein Aufreger, dass etwa der aus natürlichen Aromastoffen herbeigezauberte Vanille-Geschmack im Joghurt mit vielem zu tun hat, nur nichts mit Vanille.

Wo wir essen und trinken, werden wir und unsere Geschmacksnerven übers Ohr gehauen, hinters Licht geführt oder schlicht betrogen. Das deutsche Lebensmittelrecht ist dafür der Freibrief.

Es erlaubt fast alles, solange es der Gesundheit nicht schadet. An einer Portion "Gel-Schinken", der echtem Kochschinken so nahekommt, wie der Osterhase der Wirklichkeit, wird niemand erkranken. Die Übelkeit, die aufkommt mit der Erkenntnis, was da wirklich auf dem Butterbrot lag, ist das alleinige Risiko des Verbrauchers.

Wer jetzt auf die Politik hofft, der kann lange warten. Es ist Wahlkampf, da wird viel versprochen. Versprechen müsste sich der Verbraucher selbst etwas: dass er stärker auf Qualität achtet, dass er nicht dem Glauben verfällt, dass er billigstmöglich einkaufen kann und die Hersteller ihm dafür auch noch Spitzenqualität liefern.

Es gibt Alternativen. Wer Bio kauft, kann sich sicher sein, dass hier die schwarzen Schafe noch in der Minderheit sind. Wer frisch zubereitet, der weiß besser als jeder andere, was in seinem Essen steckt.

Es ist übrigens eine Mär, dass sich das viele nicht leisten könnten. Frische Ware ist unterm Strich immer billiger als ein Fertigprodukt aus dem Discounter. Viele haben nur einfach verlernt oder nie gelernt, wie sie damit umgehen sollen, weil sich ihre Ernährungsgewohnheiten nach den Prospekten für Sonderangebote von Aldi, Lidl und Co. richten.

Und so essen wir das, was uns die Industrie vorsetzt. Und die macht das nicht ungeschickt. Auf breiter Front hat sie sich Geschmacksmonopole erarbeitet. Manche Kinder wissen schon nicht mehr, wie echte Erdbeeren schmecken, weil sie mit "Fruchtzwergen" großgeworden sind. Eine handgemachte Tomatensauce weiß jemand kaum noch zu schätzen, der Fertigsaucen für eine kulinarische Offenbarung hält.

Jeder Kratzer am Auto macht den Deutschen mehr Sorgen, als das, was die eigenen Kinder über den Tag in sich hineinstopfen. An manchen Schulen rebellieren Eltern gegen Bio-Essen in der Kantine, weil das pro Woche ein paar Cent mehr kostet. Nirgends wird so gespart, wie an der Ernährung. Für 100 Euro im Jahr wechselt kaum einer seinen Stromanbieter. Aber für die einen Cent billigere Milch ist kein Weg zu weit.

Wer sich darüber aufregt, dass auf seiner Billig-Tiefkühl-Pizza kein Gourmet-Kochschinken liegt, muss sich zuallererst an die eigene Nase fassen. Für den gleichen Preis hätte er die Pizza selber machen können. Das macht übrigens auch den Kindern Spaß.

© sueddeutsche.de/mmk

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