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Lebensgeschichte der Regisseurin Eva Ionesco:Spiel mit Sex und Tod

"Keine nackte Haut", sagt sie, das war ihr wichtig: "Ich wollte nicht vom Nacktsein erzählen, sondern von jemandem, der nicht nackt sein will. Verstehen Sie?" Sie fragt das ständig, während sie redet, leise und mit tiefer Stimme, comprenez-vous? Voyez-vous? Als hätte sie Angst davor, im Film wieder nur angeschaut zu werden, nicht angehört. Aus dieser Angst heraus, sagt sie, hat sie auch beschlossen, ihre Geschichte nicht wie ein Psychodrama zu verfilmen. Sondern wie ein Märchen.

"Ein Märchen verzerrt", sagt sie, es verzaubert, was mit klarem Blick nicht auszuhalten wäre. Alle wichtigen Charaktere waren ja eh da: eine kleine Prinzessin, eine liebevolle Urgroßmutter, eine böse Hexe und ein Volk, das der Hexe verfallen ist. Die Hexe, die rumänischstämmige Fotografin Irina Ionesco, war ein Star der Pariser Kunstszene nach 1968, der die sexuelle Trennung zwischen Kindern und Erwachsenen als spießige Repression der Lust galt.

"Sie kommt von einer anderen Welt. Danke", sagt im Film der Kurator bei ihrer Vernissage, die Hexe lächelt frostig, und weil Isabelle Huppert das so überzeugend giftig spielt, wirkt es tatsächlich, als habe sie die Besucher verwunschen: "Ich mag den Kontrast zwischen der Unreife und der Perversität des Blickes", raunen sie beim Bestaunen der erotischen Kinderakte. "So konnte meine Mutter ihren Missbrauch ungehindert als Kunst verkaufen", sagt Eva Ionesco, zieht den Mantel fester um sich, "und das nicht nur in Frankreich". In Italien druckte der Playboy 1976 eine Bildstrecke der Elfjährigen, in Spanien schlug das Magazin Penthouse zu. In Deutschland erschien 1977 der Spiegel mit Eva Ionesco auf dem Titel, nackt bis auf Spitzenstrümpfe, Handschuhe und eine Perlenkette über dem Brustansatz. Eva Ionesco lächelt bitter. "So war die Zeit", sagt sie.

Aber die Kraft der Zeit wird auch überschätzt, das zeigt die Geschichte von Eva Ionesco, bei der die Zeit die Wunden nicht heilt und bei der sie nicht als Entschuldigung durchgeht für das, was ihre Mutter getan hat. "Sie hat an mir ihre eigenen Obsessionen ausgelebt, verstehen Sie?", sagt sie. Ein Nicken, die Vorgeschichte ist bekannt, Eva Ionesco legt trotzdem nach: "Sie wollte den Skandal ihres Lebens auf mich abwälzen." Ein Skandal war dieses Leben von der ersten Stunde an: Irina Ionesco war das Kind eines Inzests, gezeugt vom Großvater mit seiner eigenen Tochter. Eine Schande, vor der am liebsten die Augen verschlossen wurden. "Selbst ihre Mutter hat sie nicht angesehen", sagt Eva Ionesco. So wurde der verzweifelte Wunsch, angeschaut zu werden, zum Wahn. Das Anschauen auch.

Eva ist vier Jahre alt, als ihre Mutter sie das erste Mal zu Fotoaufnahmen aus der Wohnung der Urgroßmutter holt, bei der sie aufwächst. Im Film ist das Mädchen deutlich älter, ein paar Jahre mehr oder weniger waren im Märchen noch nie wichtig. "Ich bin eine Künstlerin und du nicht", faucht die bleiche, dürre Hexe die alte Frau an, fuchtelt mit ihrer Kamera wie mit einem Zauberstab und entführt Eva in ihre Wohnung, ein Reich voller Totenköpfe, Grabschmuck und Finsternis. "Das Spiel mit Sex und Tod war ihr Markenzeichen", sagt Eva Ionesco, und natürlich das Spiel mit Sex und ihrem Kind. "Du bist das schönste Mädchen der Welt", flüstert sie in die Kulisse hinein und schießt.

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