Süddeutsche Zeitung

Lawinensuchgeräte im Test:In der Lawine zählt jede Sekunde

15 Minuten Zeit - danach sind die meisten Lawinenverschütteten tot. Suchgeräte müssen einfach und genau funktionieren - ein Test.

Zuerst knallt es. Die Schneedecke reißt auseinander. In Zacken rennt der Riss über den Hang, der in Bewegung gerät und sich in Blöcke zerteilt. Der Abgang einer Lawine - wer jetzt mitten in dem Hang steht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit verschüttet.

Wenn die Schneemassen zum Stillstand kommen, ist ein hoher Prozentsatz der Begrabenen noch am Leben. Das weitere Überleben hängt dann vor allem davon ab, wie schnell man gefunden wird: Nach 15 Minuten werden 90 Prozent der Verschütteten noch lebend ausgegraben, zeigt die Statistik, danach nimmt die Zahl rapide ab.

Zur Ausrüstung von Alpinisten, die sich in potentiell lawinengefährdetes Gebiet begeben, gehören deshalb vor allem drei Gegenstände: Schaufel, Sonde und ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät). Das Kompetenzzentrum Sport, Gesundheit und Technologie in Garmisch-Partenkirchen hat zusammen mit der Technischen Universität München die gängigen LVS-Geräte für sueddeutsche.de getestet.

Diese Geräte haben sich in 30 Jahren vom analogen Sender und Empfänger zum hochkomplexen Hightech-Tool verändert. Eine besondere Anforderung an die Entwickler ist, dass LVS-Geräte im Ernstfall unter großem Stress verwendet werden - entsprechend einfach muss die Bedienung sein. Komplex allerdings sind die erforderlichen Funktionen: Die Geräte müssen Signale senden und empfangen und die Verschüttung mehrerer Personen auch unter großen Schneemassen anzeigen.

Die Tester haben einen standardisierten Testmodus entwickelt, der eine objektive Bewertung von LVS-Geräten unter praxisnahen Bedingungen ermöglicht. Christof Schellhammer, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums, fasst die Ergebnisse zusammen: "Aus heutiger Sicht bieten Dreiantennengeräte, mit denen man mehrere Verschüttete markieren und orten kann, die beste Lösung für die meisten Anwender - besonders für die, die den Ernstfall nur selten üben." Uneingeschränkt zu empfehlen seien drei Geräte: das Pieps DSP, das Mammut Barryvox Pulse und das Ortovox S1. Erwähnenswert fanden die Tester bei diesen vergleichsweise teuren Geräten, dass man ihre Software aktualisieren kann und bei technischen Neuerungen nicht zwingend ein neues Gerät kaufen muss.

Die Ergebnisse im Einzelnen: siehe Galerie

Die Tücken der Suche

Verschüttete in einer Lawine schnell und einfach zu orten, ist eine komplexe Anforderung an Geräte-Entwickler: So blockt der Schnee viele moderne und im Computerzeitalter gängige Frequenzen wie Bluetooth oder WLAN ab, und die zahlreichen am Markt befindlichen (Alt-) Geräte fordern eine uneingeschränkte Kompatibilität. Denn schlussendlich geht es darum, möglichst schnell und zuverlässig jeden mit einem LVS Gerät ausgestatteten Lawinenverschütteten zu bergen.

Zunächst einmal spielt die Größe des Lawinenfelds eine entscheidende Rolle. So kann bei einem großen Lawinenfeld die Suchstreifenbreite (= die maximale Reichweite) eines LVS-Gerätes der entscheidende Faktor im Wettlauf gegen die Zeit sein. Durch die Verkürzung der Laufwege und den früheren Erstempfang des Signals vom Verschütteten kann wichtige Zeit gespart werden.

Aber Reichweite ist nicht alles. Vom Erstempfang bis zur Ortung des Verschütteten führen verschiedene Technologien und Strategien zum Ziel: Von der Suche mit dem Analoggerät (wobei Lautstärkeunterschiede vom Suchenden interpretiert werden müssen,) bis zur "vollautomatischen" Navigation mit Pfeil- und Richtungsanzeige.

Das Ergebnis hängt dabei in hohem Maße vom Können des Benutzers ab: Ein Ungeübter ist mit einem analogen Einatennen-Gerät in vielen Situationen überfordert und hat nur mit einer "Vollautomatik" eine reelle Suchchance, währende der Profi mit dem Analog-Gerät beste Sucherergebnisse erzielen kann.

Zusätzlich zu diesen Szenarien, die bei einem Großteil der Lawinenfälle auftreten, sollte ein modernes LVS-Gerät auch in weiteren komplexen Situationen funktionieren: zum Beispiel bei der Verschüttung mehrerer Personen und bei einer großen Verschüttungstiefe von mehr als zwei Metern.

Bei mehreren, eng beieinander liegenden Verschütteten können sich die Signale der Sender überlagern und somit die Identifizierung und Unterscheidung durch den Empfänger erschweren. Die Lösung für solche Situationen erfordert auf technischer Ebene einen hohen konstruktiven Aufwand. Ein in über zwei Metern Tiefe Verschütteter kann nur von einem Dreiantennengerät mit entsprechender Empfangsleistung auf allen drei Antennen und der dazugehörigen Software einwandfrei angezeigt werden.

So wurde getestet

Der Praxistest:

Das Kompetenzzentrum Sport-Gesundheit und Technologie in Garmisch-Partenkirchen, und die TU München haben zusammen mit den LVS-Geräteherstellern einen standardisierten Testmodus entwickelt, der eine objektive Bewertung von LVS-Geräten unter praxisnahen Bedingungen ermöglicht.

Grobsuche beziehungsweise Messung der möglichen Suchstreifenbreite: Je größer die Suchstreifenbreite, desto kürzer sind die Wege beim Abgehen des Lawinenfeldes und desto früher kann ein Signal empfangen werden. Gemessen wurde die Reichweite eines LVS-Geräts unter praxisrelevanten Bedingungen bei drei unterschiedlichen Antennenlagen des standardisierten Senders.

Die empfohlene Suchstreifenbreite entspricht 60 Prozent der im Versuch gemessenen Minimalreichweite eines LVS-Geräts zu einem genormten Sender.

Feinsuche: Wie schnell und zuverlässig führt das LVS-Gerät vom Erstempfang zum Verschütteten? Eine Übung, die die meisten Geräte gut beherrschen und die einen Großteil der Lawinenunfälle simuliert. Um möglichst objektive Daten über die Leistungsfähigkeit eines LVS-Gerät zu erhalten, wurde die zurückgelegte Entfernung pro Suchstreifen von einem genormten Anfangspunkt aus gemessen. Außerdem wurden alle Geräte in einer standardisierten Versuchsreihe zusätzlich von Laien getestet, die kein Vorkenntnisse im Umgang mit LVS-Geräten hatten. Dabei musste in einem überschaubaren Lawinenfeld (20 mal 20 Meter) ein in 10 Zentimeter Verschüttungstiefe liegender Sender geortet werden.

Punktortung: Wie treffsicher ist die Anzeige bei der Punktortung? Ist eine exakte Punktortung auch von wenig geübten zu schaffen? Und wie verhält es sich unter erschwerten Bedingungen, zum Beispiel bei einer großen Verschüttungstiefe? Zum Messen der Punktortung unter erschwerten Bedingungen wurde die Abweichung vom Lot eines zwei Meter tief Verschütteten gemessen. Bei Zwei- oder Einantennengeräten liegt in diesem Fall konstruktionsbedingt kein Signalmaxima über dem Verschütteten vor. Hier muss der Punkt zwischen den jeweils zwei Signalmaxima auf wiederum zwei Achsen ermittelt werden. Dieses Vorgehen ist allerdings nur mit Routine und Erfahrung zu bewerkstelligen und überfordert den Gelegenheitsskitourengeher oder -freerider.

Suche nach mehren Verschütteten: Ist es möglich, mehrere Verschüttete zu identifizieren und die Signale sauber zu trennen? In einem einfachen Versuchsaufbau wurde eine komplexe Situation mit drei Verschütteten simuliert. Bei zehn Versuchen mit unterschiedlichen Empfängerstandorten wurden die Exaktheit der Anzeige sowie die Markierfunktion gemessen und bewertet.

Details des Tests

Je leistungsfähiger die Geräte, desto spezifischer sind die technischen Lösungen und desto unterschiedlicher sind sie zu bewerten. Bereits bei den ersten Vorversuchen war klar zu erkennen, dass die Empfangsleistung eines Geräts von den verwendeten Sendern abhängt. So "vertragen" sich in der Praxis nicht alle (wohlgemerkt der Norm entsprechenden) Geräte gleich gut.

Außerdem bestehen große Unterschiede bei der Sendeleistung der einzelnen Geräte. Dies kann nicht nur dem Anwender entsprechende Nachteile bringen, auch die Testergebnisse variieren je nach verwendetem Sender.

Nach Rücksprache mit allen beteiligten Herstellern wurden "neutrale" Sender vom Typ Barryvox VS 2000 Pro verwendet. Ebenfalls während der Vorversuche zeigte sich, dass die Geräte unterschiedlich gehandhabt werden müssen, um optimale Ergebnisse zu erzielen. So arbeitet das Pieps DSP am besten, wenn das Gerät ruhig gehalten wird, während das Ortovox S1 seine beste Empfangsleistung bei einem leichten Hin- und Herschwenken des Gerätes liefert.

Es sind zudem Situationen denkbar (wenig kompatible Geräte, mehrere, eng beieinander liegende Verschüttete, Störungen durch Leitungen) die in unseren Versuchsreihen nicht berücksichtig wurden und zu anderen Ergebnissen führen können. Aus diesem Grund empfehlen die Tester dringend, trotz der weitentwickelten Technik die verschiedenen Szenarien zu trainieren und sich mit dem eigenen Gerät vertraut zu machen.

Dazu gehört auch die regelmäßige Gegenseitigkeitskontrolle vor Tourenbeginn, die theoretisch mit modernen Geräten, die einen kompletten Funktionscheck beim Einschalten machen, nicht mehr notwendig ist, aber den Umgang mit den verschiedenen Funktionsweisen schult und vertieft.

Verschüttetensuche - so geht's

Beim Aufenthalt im Gelände stehen die Geräte auf "Senden". Gerät man in eine Lawine, sendet das Gerät ein Signal, das von nicht Verschütteten empfangen werden kann - sofern alle ein Gerät dabeihaben.

Grundsätzlich sollte man versuchen, sofern man selbst in Sicherheit ist, die in eine Lawine geratenen Personen so lange wie möglich mit den Augen zu verfolgen, um das Suchfeld einzugrenzen.

Dann beginnt die Grobsuche: Sie ist der Weg zum Erstempfang eines Signals. Nachdem alle Helfer ihr LVS-Gerät auf Empfang umgestellt haben, wird der Suchweg in Serpentinen (bei einem Helfer) oder geradlinig (bei mehreren Helfern) möglichst schnell zurückgelegt und dabei mit Auge und Ohr nach herausragenden Körper- oder Ausrüstungsteilen oder Hilferufen gesucht.

Die Suchstreifenbreite ist abhängig von der Größe der Lawine, der Anzahl der Helfer und der eingesetzten LVS-Geräte. In der Literatur wird eine Suchstreifenbreite von 20 Metern (10 Meter zum Rand) empfohlen. Sobald der Sucher einen Erstempfang hat, befindet er sich in der Feinsuche.

Dabei folgt der Suchende der Richtung des stärksten Signals (egal ob lauter werdender Analog-Ton, Entfernungsanzeige oder digitaler Pfeil) und nähert sich dem Verschütteten auf der Feldlinie. Sobald der Suchende auf der Feldlinie bis auf zwei bis drei Meter an den Verschütteten herangekommen ist, beginnt die Punktortung.

Dabei ist es wichtig, dass der Suchende das Suchtempo verlangsamt, das LVS-Gerät direkt auf der Schneeoberfläche bewegt und dabei das Gerät nicht mehr schwenkt oder dreht. Auf der Feldlinie kommend, geht der Sucher so lange auf dieser Achse weiter, bis er wieder deutlich schwächere Signale erhält.

Bei Ortovox S1, Pieps DSP und Barryvox Pulse befindet sich der Verschüttete auch bei einer größeren Verschüttungstiefe im Lot unter dem stärksten Signal. Bei den übrigen Geräten zwischen den stärksten Signalen (kleinste Werte oder lautester Ton) auf zwei rechtwinkligen Achsen.

Hier wird mit dem Sondieren begonnen. Das Sondieren mit einer Lawinensonde verkürzt die exakte Punktortung wesentlich. Dazu legt man ein Stockkreuz auf die Stelle mit dem stärksten Signal und beginnt mit der systematischen Sondierung von innen nach außen.

Trifft man mit der Sonde auf den Verschütteten, beginnt das Graben. Hierbei sollte man schnell und vorsichtig arbeiten, um den Verschütteten nicht zu verletzen.

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Quelle:
SZ vom 14.12.2009/bilu/pfau
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