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Laufsteg-Trends für den Herbst:Zuflucht in Grobstrick

In den Modestrecken der Zeitschriften jedenfalls werden die gerippten und zotteligen Stücke aus den Couture-Häusern gerade mit einer Hingabe in Szene gesetzt, dass die Schlussfolgerung naheliegt: Die Designer müssen einen Nerv getroffen haben, der über das Faible für Komfortables hinausgeht. Vielleicht sind die Zeiten wirklich zu bedrückend, die Krisen und Kriege zu viele - Eskapismus, der Wunsch nach Rückzug in private oder imaginäre Räume ist die naheliegende Reaktion. Und sie lässt sich auch über Mode ausdrücken.

Trend geht zu "Game of Thrones" - Folklorismus

Im Herbst 2014 sehen einige Trends ganz danach aus: Der "Game of Thrones"-Folklorismus zum Beispiel mit Umhängen à la Jeanne d'Arc (Dolce & Gabbana), all die Burgfräulein-Looks mit Pelzbesatz, altmeisterlichen Gemäldeprints und Stickereien (Valentino oder Jean-Pierre Braganza) - solche phantastischen Anleihen sind an finsteren Tagen genauso tröstlich wie die Zuflucht in einem Grobstrickpullover.

Die britische Vogue hat in ihrer Oktoberausgabe alle Register des Cocooning gezogen, des Einhüllens in schichtenweise Kuscheltextil. Ein rothaariges Model mit Porzellanteint und viel zu langen Armen zeigt in einer kargen Graslandschaft Wärmendes von Marni, Chloé und Ghesquière - so schön kann Weltüberdruss sein.

Für die Kundin mit durchschnittlichem Budget ist es erfreulich, dass die High Fashion sich der guten alten Strickware angenommen hat. Das verleiht den eigenen, mittelmäßig aufregenden Sweatern von Benetton & Co. einen gewissen Glanz, wobei gerade diese Anbieter von dem Trend profitieren werden.

Preiswerte Wollmode für die junge Klientel

Umgekehrt haben für die exklusiven Marken sicher finanzielle Überlegungen eine Rolle gespielt beim Zusammenstellen der aktuellen Winterkollektionen: Über die vergleichsweise preiswerten Pullis und Wolljacken wird indirekt eine günstigere Zweitlinie ins sündteure Gesamtœuvre eingeschmuggelt. Das soll eine jüngere Klientel erschließen, denn so krisenfest sich die Luxusbranche lange gezeigt hat, vor Einbußen sind auch die hohen Häuser in Paris und Mailand nicht gefeit.

Beim Onlinehändler Mytheresa ist das Konzept schon aufgegangen. Wollpants und Stricktasche von Stella McCartney: sold out. Der Einkäufer des Münchner Unternehmens glaubt, dass dafür auch ein gewandeltes Frauenbild verantwortlich ist. "Frauen ziehen sich nicht mehr nur für Männer an. Sie wollen sich selbst wohlfühlen und genießen die Freiheit des ,dress down'", sagt Justin O'Shea über den Siegeszug des "Couture Knit", des Edel-Stricks.

Tatsächlich waren es oft starke Persönlichkeiten in der Mode, die mit Wollgarnexperimenten neue Entwicklungen angeschoben haben - sogar Karl Lagerfeld konnte in sehr jungen Jahren seine Karriere durch ein Preisgeld des Woolmark-Siegels voranbringen. Die aktuelle Ausstellung im Londoner Modemuseum lässt die wichtigsten Protagonisten Revue passieren: "Knitwear. From Chanel to Westwood" zeigt das modische Innovationspotenzial von Strick.

Echt, rau, handgemacht

Coco Chanel war vor hundert Jahren die Erste, die mit der Verwendung von Feinstrick-Jersey für ihre legendären Nachmittagskleider eine vollkommen neue Kombination von Eleganz und Freiheit schuf - ganz ohne Korsett. Ihre exzentrische Rivalin Elsa Schiaparelli setzte auf optische Effekte, in den Siebzigern wurde Sonia Rykiel - Markenzeichen: flammend rote Kugelfrisur - zur "Queen of Knits". Kein Wunder, dass Garn und Masche bis heute die experimentierfreudigsten unter den Designern anregen, zu leider nahezu unverkäuflichen Kunstwerken. Das Berliner Duo Augustin Teboul zum Beispiel oder die Niederländerin Nanna van Blaaderen.

Auf der New Yorker Fashion Week im Februar hatte einer seinen großen Auftritt, der auch noch nicht zu den Arrivierten der Branche gehört. Joseph Altuzarra zeigte Kleider in Naturfarben, scheinbar unfertig, wie ein Teppich zusammengefügt aus haarigen Wollflechten. Und die versammelte Modeprominenz stöhnte auf. Genau das war die Trophäe der Stunde, echt, rau, handgemacht - wie ein Fundstück aus versunkenen Zeiten. Das Luxuskaufhaus Neiman Marcus bestellte umgehend. So sieht Avantgarde im 21. Jahrhundert aus: Nach uralten mythischen Kulturen wie die der Berber oder Inkas, und das in der atemlosen Stadt New York.

Allerdings bekam Joseph Altuzarra dann ein sehr gegenwärtiges Problem: Er konnte der Nachfrage nicht Herr werden und ließ Digitalprints seiner Grobstrickmuster anfertigen. Ein kleiner Fake. Auch diese Modelle verkaufen sich reißend.

© SZ vom 11.10.2014/juld

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