Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“Diagnose: Lastenradmutter

Lesezeit: 2 Min.

Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff.
Kolumnistin Friederike Zoe Grasshoff. Lorenz Mehrlich

Unsere radelnde Kolumnistin ist ein Gesellschaftsproblem – zumindest für einen bestimmten Typ Mann.

Von Friederike Zoe Grasshoff

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Ich bin ein Sicherheitsrisiko, für mich und andere. Ein Dorn im Auge des Autofahrers. Der Koloss von München. Ich beschleunige auf 25 Stundenkilometer in vier Sekunden, fahre über gelbe Ampeln und rufe: „Achtung, Hubbel!“, um diesen Hubbel dann zu passieren wie ein Elefant eine Blumenwiese, an Bord ein quiekendes Kind, das mutmaßlich einen nordischen Doppelnamen trägt. Kurz gesagt, ich bin die Wurzel allen linksgrünversifften Wohlstandsübels, getarnt im Körper einer Frau im mittleren Alter. Sie ahnen es: Ich bin eine dieser Lastenradmütter.

Jede Zeit hat ihre Feindbilder. Die Lastenradmutter ist heute das, was vor 15 Jahren die Latte-macchiato-Mutter war. Eine angeblich von allen Mühsalen des Lebens entrückte Person, welche die Dreistigkeit hatte, sich fortzupflanzen, um fortan ihre Kinder zur Fremdbetreuung zu kutschieren und den Rest des Tages Heißgetränke für sechs Euro pro Glas zu sich zu nehmen. Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein in meinen Dirty-Chai-Latte!

Auf einer nicht ganz so ideologisch aufgeladenen Ebene bin ich aber nur eine Frau, die während der Corona-Pandemie ein Kind bekommen hat. Zu einer Zeit, wir erinnern uns dunkel, in der kaum Tage der offenen Tür abgehalten und mehr Babys als heute geboren wurden. Und so begab es sich, dass unsere heute vierjährige Tochter in eine Kita kam, die acht Kilometer von unserer Wohnung entfernt liegt. So schnell wird man zu einem Verkehrsteilnehmer, dessen Außenwahrnehmung einer Diagnose gleichkommt: unzufriedene Millennial-Großstadteltern, die permanent irgendwo hinrasen, irgendwas optimieren und ihr Lastenrad mit dem überdimensionierten Styropor-Kasten „Lasti“ nennen.

Nun habe ich einiges gelernt in den vergangenen vier Jahren, wie man jeden Tag gefühlt nach Nürnberg fährt, ohne dabei einzunicken, welche Autofahrer-Egos es verkraften, von einer Mutter auf dem Fahrrad überholt zu werden, auf welchem Schotter das Kind eindöst – alles Routine –, aber eines überrascht mich: Es gibt sie noch, die Männer, die einen auf offener Straße beleidigen.

In der Kölner Innenstadt aufgewachsen, kenne ich diesen wütenden Typ Mann seit frühester Kindheit. Mit acht rufen sie runter in den Hof, dass man brav spielen soll. In den Zwanzigern schimpfen sie, weil man ihre Pfiffe ignoriert, in den Dreißigern werden sie ungehalten, wenn man sie auf Geheiß nicht anlächelt. Und mit 40, als man gerade glaubte, seine persönliche Historie des Dumm-angequatscht-Werdens hinter sich zu haben, sind sie immer noch da. In meinem Leben als Lastenradmutter, bald 17 000 Kilometer auf dem Tacho. Zu dem Herren, der regelmäßig vor einer Kirche stehend „Grüne Dreckssau“ ruft, habe ich ein fast vertrautes Verhältnis, andere zischen „Du dumme Mutter“. Und der Mann, der mich vor ein paar Tagen an der Kreuzung anlächelte? Sagte schließlich: „Sind Sie nicht ein bisschen schnell, so mit Kind?“

Was tun also, so mit Kind, der Latte-macchiato-Lebensabend noch in weiter Ferne? Einen Wachhund auf das Lastenrad malen? Ein Lieferando-Schild montieren? Oder bei der Wahrheit bleiben: Bin Mutter, habe Lasten zu tragen.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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