Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wenn ich mich mit Freunden oder Bekannten treffe, sind inzwischen die allermeisten nach mehr oder weniger langen Ehen und Beziehungen geschieden oder getrennt. Manchen hätte womöglich dieser Artikel über die Evidenz von Paartherapien aus dem SZ-Wissensressort geholfen – doch den gab es damals leider noch nicht. Jedenfalls: So glücklich der Großteil dieser Menschen solo oder in neuen Partnerschaften inzwischen ist, fragen sich auch viele: Warum habe ich, haben wir es nicht geschafft, gemeinsam alt zu werden? Was hat diese einst so enge Verbindung lockern können – und hätte man womöglich mit ein bisschen Klebstoff das Auseinanderbröckeln verhindern können?
Doch wie sieht dieser Klebstoff aus, der Paare über Jahrzehnte zusammenhält? Das Magazin Chrismon hat im vergangenen Jahr anlässlich seines 25-jährigen Bestehens 25 Paare nach ihrem Geheimnis für eine lange Liebe gefragt, und einige der Antworten haben mich wirklich berührt. Günter Schrader, 90 Jahre alt und davon 60 mit seiner Frau verheiratet, sagte auf die Frage, wie man das schaffe: „Da wir getrennt schlafen, lese ich ihr in ihrem Schlafzimmer jeden Abend ein Gedicht vor. Wenn ich dann aus dem Schlafzimmer gehe, ziehe ich ihr eine von 30 verschiedenen Spieluhren auf. Ich freue mich jeden Morgen, wenn ich sie wieder im Bad begrüßen kann und sie über Nacht nicht gestorben ist.“
Es geht freilich auch ganz anders. Vor zwei Wochen sprach ich mit Molly Roden Winter, 53, aus New York, die seit 18 Jahren mit ihrem Mann Stewart, 58, in einer offenen Ehe lebt. Im Interview sagte sie: „Uns wird beigebracht, für unseren Partner oder unsere Partnerin alles zu sein. Wir sollen in der Lage sein, jeden seiner oder ihrer Wünsche zu erfüllen. Ich glaube nicht, dass das realistisch ist.“ Es geht der zweifachen Mutter übrigens nicht nur um schnelle Sex-Abenteuer, sondern auch um Liebe.
Dass in einer Partnerschaft nicht immer alles rosig sein muss, wie Janina Larissa Bühler meinem Kollegen Max Fellmann in diesem Interview sagt, ist klar. Die Paartherapeutin und Psychologin hat Selbstauskünfte von 165 000 Menschen danach ausgewertet, wie zufrieden sie in ihrer Beziehung sind. Eine Erkenntnis: Nach zehn Jahren kommt bei vielen Paaren ein Tiefpunkt. Und: Kinder sind ein Beziehungskiller, kinderlose Paare in der Regel zufriedener. Ihr Tipp: eine gewisse Psychoedukation. „Die Menschen sollten wissen, dass die Beziehungszufriedenheit am Anfang eben erst mal runtergeht. Das ist nicht schlimm, das ist kein Fehler – das ist einfach so.“
Und dann – wie geht es weiter – auch nach zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? Worauf kommt es an? Anstatt die Gründe möglichen Scheiterns zu beleuchten, wollen wir in der SZ ganz persönliche Anleitungen für eine lange Liebe veröffentlichen. Könnten Sie uns Ihre verraten und mir schicken? Mit dieser Bitte und dem Zitat einer 81 Jahre alten Frau (davon 57 verheiratet) aus dem Chrismon-Magazin möchte ich Sie ins Wochenende verabschieden. Auf die Frage, wie man die gegenseitige Anziehung erhält, sagte sie: „Wir umarmen uns, küssen uns und wünschen uns eine gute Nacht. Wenn wir wach werden, umarmen wir uns wieder und geben uns ein paar Morgenküsschen.“
Ein schönes Wochenende wünscht
Carolin Fries
