Süddeutsche Zeitung

Lady Gaga:Hey, Anziehpuppe

Ohne ihre schrillen Outfits wäre Lady Gaga nur ein Popstar unter vielen. Über die Modefabrik Gaga - und ihre Mitarbeiter.

Johannes Thumfart

"Born this way" heißt das neues Album der exzentrischen Königin des Pop - was übersetzt "so geboren" bedeutet und sinngemäß auch "immer schon so gewesen". Das ist nicht ganz richtig. Aber Lady Gaga soll ja auch mal gesagt haben - so steht es jedenfalls in ihrer Biografie - sie hasse nichts mehr als die Wahrheit.

An der Kunsthochschule in New York fiel Stefani Germanotta, wie Lady Gaga mit bürgerlichem Namen heißt, vor allem auf, weil sie eben genau eines war: spektakulär normal. In der neu erschienenen Biografie von Maureen Callahan erinnern sich ehemalige Kommilitonen an ein erzkatholisches Mädchen von der Upper Eastside, das alles andere war als jene "kunstbeflissene Außenseiterin", zu der sie sich heute stilisiert. Wer sich heute Videos der frühen Stefani Germanotta Band anschaut, fühlt sich in jeder Hinsicht an eine Schulband erinnert: Die Frontfrau wirkt darin nicht nur amateurhaft, sondern auch uninspiriert. Das Schrillste, was die junge Gaga damals getragen hat, waren Leggings.

Mittlerweile tippen chinesische Teenager nicht mehr OMG, die Abkürzung für "Oh my God" in ihre Smartphones, sondern OMLG - "Oh my Lady Gaga". Grund für solche Verehrung ist mittlerweile vor allem die modische Extravaganz, die sich der Star angeeignet hat. Sie trägt Perücken in Form von Telefonen und zum RTL-Interview eine Jacke, die über und über mit grünen Kermit-der-Frosch-Puppen bestickt ist. Und ihr Kleid aus rohem Fleisch, in dem sie das Cover der japanischen Vogue zierte, wird wohl in zeitgenössische Kostümgeschichtsbücher eingehen.Seit "Pokerface" mag Lady Gaga vielleicht keinen wirklichen Ohrwurm mehr herausgebracht haben - an ihre Kleider und Bühnenoutfits aber erinnert man sich sofort.

Lady Gaga arbeitet mit einigen der kreativsten Köpfe der Gegenwart zusammen. Der ehemalige Chefdesigner von Dior Homme, Hedi Slimane, entwirft ihre Plattencover, Künstler wie Terence Koh und Damien Hirst perfektionieren ihre Bühnenshow, der in die Schlagzeilen geratene New Yorker Szenefotograf Terry Richardson lichtet sie ab. Schlüsselfigur des Lady-Gaga-Looks ist jedoch der italo-japanische Stylist Nicola Formichetti. Die Zusammenarbeit der beiden begann im Juli 2009 mit einem Shooting für das New Yorker MagazinV. Seitdem hat Formichetti die Sängerin sukzessive zur wandelnden Kunst-Installation umgestaltet. Der frisch ernannte Kreativdirektor des Hauses Thierry Mugler war vorher Moderedakteur der japanischen Männer-Vogue und kleidete unter anderem Sonic-Youth-Bassistin Kim Gordon ein. Für Lady Gaga hat er die Avantgarde-Designer Charlie Le Mindu aus London und Vilsbøl de Arce aus Kopenhagen und Vava Dudu aus Paris entdeckt.

Vava Dudu gibt keine Fotos von sich heraus, und sie besteht darauf, dass Straße und Hausnummer ihres Studios im Pariser Viertel Marais geheim bleiben. Mit ihrem kahlrasierten Schädel passt sie gar nicht in das bonbonbunte MTV-Bild. Wiederholt betont sie, dass sie nichts vom Mainstream halte. Auf die Frage, weshalb sie dann ausgerechnet Outfits für einen Popstar entwerfe, antwortet sie: "Mode ist die Kunst des kleinen Mannes. Wer heute Ästhetik vermitteln möchte, muss Mode machen. Für mich als Künstlerin gibt es keine bessere Leinwand." Der mit Parolen beschmierte Burberry-Trenchcoat zum Beispiel, der im Video "Bad Romance" mitspielt, war von Vava Dudu. "Wenn Teenager meine Entwürfe sexy finden, ist das ein guter Ausgangspunkt für meine Arbeit. Der Mainstream ist eine Art Probebühne für die Avantgarde."

Charlie Le Mindu, Herr der Haare

Noch so ein Avantgardist ist Charlie Le Mindu. Der Londoner Haarkünstler, der bis 2007 in einem Kreuzberger Hinterhof lebte und heute mit Leuten wie Starfotograf Nick Knight zusammenarbeitet, entwirft für Lady Gaga Perücken und sogar Hüte und Kleider aus Haar. Im neuen Video zu "Born this Way" trägt sie zwei riesige schwarze Lippen aus Haar auf dem Kopf.

In Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist Charlie Le Mindu umtriebig. Auf dem Internet-Sender Konbini hat er eine eigene Fernsehshow, in der er das Prinzip des Make-over ironisiert. Jede Saison präsentiert er Perücken-Kollektionen auf der Londoner Modewoche, die er als "Haute Coiffure" bezeichnet. Die internationale Presse ist angetan von seinen bizarren Kreationen. Wer einen echten Le Mindu auf dem Kopf haben will, muss umgerechnet 170 Euro hinblättern - die Anfahrt ins Londoner East End noch nicht einberechnet, wo der Haarkünstler in seinem Loft zwischen Friseur- und Schneiderutensilien, Praktikanten und ein paar Freunden wohnt und arbeitet. Auf die Frage, wie es sei, mit einem Massenidol wie Lady Gaga zu arbeiten, antwortet er nur: "Mainstream und Underground sind Schubladen, in denen ich nicht denke. Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Sachen. Gaga ist toll."

Le Mindu ist vor allem dafür bekannt, dass er seiner Kunst in aller Öffentlichkeit nachgeht. Für jeweils kurze Zeitspannen gastiert er in verschiedenen Clubs und Galerien, wo er den Haarschnitt als Performance zelebriert. Hierzulande ist er mit seinen Haarschneide-Sessions in guter Erinnerung. Weil ihn der graue Berliner Alltag damals deprimierte, verlegte er sein Leben auf die Nacht. Aus dieser Situation entstand die Idee, in Clubs als Friseur zu arbeiten. Mitunter besuchten seine Kunden das damalige "Rio" in der Chausseestraße nur, um sich von Le Mindu die Haare schneiden zu lassen. In dem von Elektrobässen wummernden Gewölbe stand er von einem Berg aus Haaren umgeben und verteilte Stylingtipps an das Nachtvolk.

Dass Charlie Le Mindu und Vava Dudu von ihrer Arbeit für Lady Gaga finanziell profitieren, ist eher unwahrscheinlich. In der Modebranche ist es üblich, Stars Kleidung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das Modelabel Vilsbøl de Arce aus Kopenhagen beschwerte sich vor kurzem über die Ausleihpolitik von Nicola Formichetti und Lady Gaga. "Natürlich kriegen sie unsere Sachen umsonst", sagt Designerin Prisca Vilsbøl, "aber wir hätten sie schon gerne gewaschen wieder. Bei Lady Gaga ist das leider nicht der Fall."

In der Lady-Gaga-Biografie wird immer wieder behauptet, dass die Sängerin in Wirklichkeit eine vollkommen angepasste Person sei und nur den Freak spiele. Aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Kompatibilität mit den unterschiedlichsten Stilen hat sie eine heiße Debatte im Internet ausgelöst. Ist sie am Ende gar kein Mensch, sondern eine Art Roboter? In Zeiten, in der viele das Verschwinden des Menschlichen befürchten, wird Lady Gaga als Vorläuferin einer neuen, posthumanen Lebensstrategie gefeiert. Sie hat jede Form der Identität aufgegeben. Gerade das macht sie zur perfekten Anziehpuppe für die Avantgarde - eine Puppe, mit der auch die Masse spielen darf.

Lady Gaga hat alle Möglichkeiten eines modischen Skandals ausgeschöpft. Wobei: Wenn sie sich mal in einer Jogginghose blicken lassen würde, dürfte der Welt der Atem stocken.

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SZ vom 26.02.2011/vs
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