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Lady Gaga:Charlie Le Mindu, Herr der Haare

Noch so ein Avantgardist ist Charlie Le Mindu. Der Londoner Haarkünstler, der bis 2007 in einem Kreuzberger Hinterhof lebte und heute mit Leuten wie Starfotograf Nick Knight zusammenarbeitet, entwirft für Lady Gaga Perücken und sogar Hüte und Kleider aus Haar. Im neuen Video zu "Born this Way" trägt sie zwei riesige schwarze Lippen aus Haar auf dem Kopf.

In Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist Charlie Le Mindu umtriebig. Auf dem Internet-Sender Konbini hat er eine eigene Fernsehshow, in der er das Prinzip des Make-over ironisiert. Jede Saison präsentiert er Perücken-Kollektionen auf der Londoner Modewoche, die er als "Haute Coiffure" bezeichnet. Die internationale Presse ist angetan von seinen bizarren Kreationen. Wer einen echten Le Mindu auf dem Kopf haben will, muss umgerechnet 170 Euro hinblättern - die Anfahrt ins Londoner East End noch nicht einberechnet, wo der Haarkünstler in seinem Loft zwischen Friseur- und Schneiderutensilien, Praktikanten und ein paar Freunden wohnt und arbeitet. Auf die Frage, wie es sei, mit einem Massenidol wie Lady Gaga zu arbeiten, antwortet er nur: "Mainstream und Underground sind Schubladen, in denen ich nicht denke. Es gibt auf beiden Seiten gute und schlechte Sachen. Gaga ist toll."

Le Mindu ist vor allem dafür bekannt, dass er seiner Kunst in aller Öffentlichkeit nachgeht. Für jeweils kurze Zeitspannen gastiert er in verschiedenen Clubs und Galerien, wo er den Haarschnitt als Performance zelebriert. Hierzulande ist er mit seinen Haarschneide-Sessions in guter Erinnerung. Weil ihn der graue Berliner Alltag damals deprimierte, verlegte er sein Leben auf die Nacht. Aus dieser Situation entstand die Idee, in Clubs als Friseur zu arbeiten. Mitunter besuchten seine Kunden das damalige "Rio" in der Chausseestraße nur, um sich von Le Mindu die Haare schneiden zu lassen. In dem von Elektrobässen wummernden Gewölbe stand er von einem Berg aus Haaren umgeben und verteilte Stylingtipps an das Nachtvolk.

Dass Charlie Le Mindu und Vava Dudu von ihrer Arbeit für Lady Gaga finanziell profitieren, ist eher unwahrscheinlich. In der Modebranche ist es üblich, Stars Kleidung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das Modelabel Vilsbøl de Arce aus Kopenhagen beschwerte sich vor kurzem über die Ausleihpolitik von Nicola Formichetti und Lady Gaga. "Natürlich kriegen sie unsere Sachen umsonst", sagt Designerin Prisca Vilsbøl, "aber wir hätten sie schon gerne gewaschen wieder. Bei Lady Gaga ist das leider nicht der Fall."

In der Lady-Gaga-Biografie wird immer wieder behauptet, dass die Sängerin in Wirklichkeit eine vollkommen angepasste Person sei und nur den Freak spiele. Aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Kompatibilität mit den unterschiedlichsten Stilen hat sie eine heiße Debatte im Internet ausgelöst. Ist sie am Ende gar kein Mensch, sondern eine Art Roboter? In Zeiten, in der viele das Verschwinden des Menschlichen befürchten, wird Lady Gaga als Vorläuferin einer neuen, posthumanen Lebensstrategie gefeiert. Sie hat jede Form der Identität aufgegeben. Gerade das macht sie zur perfekten Anziehpuppe für die Avantgarde - eine Puppe, mit der auch die Masse spielen darf.

Lady Gaga hat alle Möglichkeiten eines modischen Skandals ausgeschöpft. Wobei: Wenn sie sich mal in einer Jogginghose blicken lassen würde, dürfte der Welt der Atem stocken.

© SZ vom 26.02.2011/vs
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