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Lady Gaga:Hey, Anziehpuppe

Ohne ihre schrillen Outfits wäre Lady Gaga nur ein Popstar unter vielen. Über die Modefabrik Gaga - und ihre Mitarbeiter.

"Born this way" heißt das neues Album der exzentrischen Königin des Pop - was übersetzt "so geboren" bedeutet und sinngemäß auch "immer schon so gewesen". Das ist nicht ganz richtig. Aber Lady Gaga soll ja auch mal gesagt haben - so steht es jedenfalls in ihrer Biografie - sie hasse nichts mehr als die Wahrheit.

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Bei Lady Gaga kommt der Gesang gleich nach der Mode: Ihr Haarkostüm (siehe Bild) hat der französische Hair-Designer Charlie Le Mindu ersonnen.

(Foto: AFP)

An der Kunsthochschule in New York fiel Stefani Germanotta, wie Lady Gaga mit bürgerlichem Namen heißt, vor allem auf, weil sie eben genau eines war: spektakulär normal. In der neu erschienenen Biografie von Maureen Callahan erinnern sich ehemalige Kommilitonen an ein erzkatholisches Mädchen von der Upper Eastside, das alles andere war als jene "kunstbeflissene Außenseiterin", zu der sie sich heute stilisiert. Wer sich heute Videos der frühen Stefani Germanotta Band anschaut, fühlt sich in jeder Hinsicht an eine Schulband erinnert: Die Frontfrau wirkt darin nicht nur amateurhaft, sondern auch uninspiriert. Das Schrillste, was die junge Gaga damals getragen hat, waren Leggings.

Mittlerweile tippen chinesische Teenager nicht mehr OMG, die Abkürzung für "Oh my God" in ihre Smartphones, sondern OMLG - "Oh my Lady Gaga". Grund für solche Verehrung ist mittlerweile vor allem die modische Extravaganz, die sich der Star angeeignet hat. Sie trägt Perücken in Form von Telefonen und zum RTL-Interview eine Jacke, die über und über mit grünen Kermit-der-Frosch-Puppen bestickt ist. Und ihr Kleid aus rohem Fleisch, in dem sie das Cover der japanischen Vogue zierte, wird wohl in zeitgenössische Kostümgeschichtsbücher eingehen.Seit "Pokerface" mag Lady Gaga vielleicht keinen wirklichen Ohrwurm mehr herausgebracht haben - an ihre Kleider und Bühnenoutfits aber erinnert man sich sofort.

Lady Gaga arbeitet mit einigen der kreativsten Köpfe der Gegenwart zusammen. Der ehemalige Chefdesigner von Dior Homme, Hedi Slimane, entwirft ihre Plattencover, Künstler wie Terence Koh und Damien Hirst perfektionieren ihre Bühnenshow, der in die Schlagzeilen geratene New Yorker Szenefotograf Terry Richardson lichtet sie ab. Schlüsselfigur des Lady-Gaga-Looks ist jedoch der italo-japanische Stylist Nicola Formichetti. Die Zusammenarbeit der beiden begann im Juli 2009 mit einem Shooting für das New Yorker Magazin V. Seitdem hat Formichetti die Sängerin sukzessive zur wandelnden Kunst-Installation umgestaltet. Der frisch ernannte Kreativdirektor des Hauses Thierry Mugler war vorher Moderedakteur der japanischen Männer- Vogue und kleidete unter anderem Sonic-Youth-Bassistin Kim Gordon ein. Für Lady Gaga hat er die Avantgarde-Designer Charlie Le Mindu aus London und Vilsbøl de Arce aus Kopenhagen und Vava Dudu aus Paris entdeckt.

Vava Dudu gibt keine Fotos von sich heraus, und sie besteht darauf, dass Straße und Hausnummer ihres Studios im Pariser Viertel Marais geheim bleiben. Mit ihrem kahlrasierten Schädel passt sie gar nicht in das bonbonbunte MTV-Bild. Wiederholt betont sie, dass sie nichts vom Mainstream halte. Auf die Frage, weshalb sie dann ausgerechnet Outfits für einen Popstar entwerfe, antwortet sie: "Mode ist die Kunst des kleinen Mannes. Wer heute Ästhetik vermitteln möchte, muss Mode machen. Für mich als Künstlerin gibt es keine bessere Leinwand." Der mit Parolen beschmierte Burberry-Trenchcoat zum Beispiel, der im Video "Bad Romance" mitspielt, war von Vava Dudu. "Wenn Teenager meine Entwürfe sexy finden, ist das ein guter Ausgangspunkt für meine Arbeit. Der Mainstream ist eine Art Probebühne für die Avantgarde."

Lady Gaga

Sie schockt mit Vernunft