Familie:Die innere Leere

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Familie: Lass mal stecken: In vielen Familien herrscht akuter Ladekabelmangel.

Lass mal stecken: In vielen Familien herrscht akuter Ladekabelmangel.

(Foto: Mauritius Images / Ilona Grechki)

Wo ist das verdammte Ladekabel? Diese Frage kann Familien an den Rand des Wahnsinns treiben. Eine kleine Entladung aus gegebenem Anlass.

Von Christian Mayer

Rätselhafte Dinge geschehen in der Familie, unerklärliche Verluste sind zu verzeichnen, man schleppt sich kraft- und saftlos durch diese letzten Tage vor den Feiertagen. Das ist in diesem Fall sehr wörtlich zu nehmen, denn schon wieder herrscht Notstand im Energiebereich, fast so, als habe ein finsterer Mini-Putin zu Hause die Pipeline abgedreht. Low-Level-Alarm auf allen Geräten, gleich ist der Akku leer, sieben Prozent noch, und man kennt das ja, den exponentiellen Niedergang kurz vor dem finalen Kollaps. Sechs, fünf, drei, dann erblasst das Display.

Zeit für eine Klage, die man schon oft angestimmt hat, die beiden Teenager-Töchter können den Text auswendig runterbeten, so wie sie früher das Lied von der Kokosnuss als Dauerohrwurm mit sich herumschleppten: Wo sind die verdammten Ladekabel, wer hat sie geklaut? Liegen sie wieder unterm Bett, sind sie in die Sofaspalte gerutscht oder in jenem bizarren Zwischenreich hinter der Bücherreihe im Ikea-Regal verschollen, wo sich alle möglichen Computer- und Telefonkabel mit alten Kerzenständern und ausgedienten Taschenlampen zu einem unentwirrbaren Knäuel vermählen? Sind sie im Rucksack der älteren Tochter gelandet, auf dem Weg zu einer spontan anberaumten Party bei der besten Freundin? Man schaut in Unschuldsmienen, und beim zweiten Nachhaken spürt man Entrüstung und Zurückweisung: "Ich hab es garantiert nicht ... Wirklich!"

In leichter Abwandlung zu einem Tolstoi-Satz könnte man es so sehen: Alle ordentlichen Familien ähneln einander, jede unordentliche Familie ist auf ihre eigene Weise unordentlich. Jedenfalls sind wir nicht die Einzigen, die mit ständigen Verlusten zu kämpfen haben, Freunde und Bekannte berichten ebenfalls vom geheimnisvollen Verschwinden der neuesten Power-Adapter und der dazu passenden Magnetkabel, die sich angeblich magisch anziehen, wie die Herstellerfirma verspricht. Nur leider ist vom Ansteck-Magnetismus nichts mehr zu spüren, sobald man sie kurz aus der Hand gibt - sie scheinen sich nach einmaligem Gebrauch in Luft aufzulösen.

Morgens erlebt man Teenager, die sich Richtung Steckdose strecken

Früher hat man den Fehler gemacht, Billigkopien im Internet zu bestellen, bei No-Name-Händlern, die Ladekabel für ein paar Euro das Stück anbieten. Große Freude, wenn so ein Päckchen eintraf. Ein Ladekabel ist ein Ladekabel, oder? Tatsächlich, die erste Stunde geht das gut, der Akku lädt leidlich. Aber schon beim zweiten oder dritten Einstecken passiert exakt: gar nichts mehr. Schließlich haben neuere iPhones ein eingebautes Abwehrsystem gegen nicht genehme Technik, einen nicht zu knackenden Sicherheitscode, der wohl vor allem konzipiert wurde, um kommunikationssüchtige Familien in den Wahnsinn zu treiben. Mindestens sieben oder acht weitere Originalkabel älterer Bauart und anderer Hersteller funktionierten dagegen zunächst tadellos, knickten aber meist nach drei Monaten an der exakt gleichen Stelle ab - direkt unterhalb der Einsteckvorrichtung. Wackelkontakt nannte man das früher, in der bluetoothlosen Zeit, und mit etwas Glück und Gefummel konnte man das Kabel noch zu einer Restlaufzeit animieren.

Kabelnotstand herrscht eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Morgens kann man daher Teenager erleben, die sich bei einem Wachheitsgrad von weniger als zehn Prozent vom Küchentisch seitlich nach unten Richtung Fußboden beugen, ihren musikalischen Lebensbegleiter fest am Ohr. Die Steckdose ist leider viel zu weit weg! Schon blöd, wenn man gerade nur noch eine einzige ultrakurze Strippe zur Hand hat, den Zwergdackel unter den Ladekabeln. Mit dem Zwei-Meter-USB-C-Mag-Safe-3-Teil von Apple könnten sich die Bewohner morgens um sieben die steile Verrenkung sparen, aber dieses Premiummodell kostet stolze 55 Euro - und da ist der passende Stromstecker noch nicht dabei. Ein bisschen viel für ein Kabel, das sich erfahrungsgemäß relativ rasch wieder dematerialisieren wird.

Manchmal aber geschehen doch noch kleine weiße Wunder. Ein hochwertiges Teil mit stabilem Gehäuse, garantiertem Knickschutz und ordentlicher Schnelladefunktion fand sich als Adventsüberraschung zwischen den Trachtenstrümpfen vom letzten Wiesnbesuch 2019 in einer selten genutzten Schublade. Vielleicht sollte man ja erst mal kurz nachdenken, bevor man andere in der Familie des Diebstahls verdächtigt - und sich lieber an die eigene Nase fassen.

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