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Paris-Kolumne La Boum:Die Urahnen

La Boum
(Foto: Steffen Mackert)

Unsere Kolumnistin liest Hemingway und lernt dabei überraschend viel über die Kunst des Lästerns.

Von Nadia Pantel

Als ich mich heute morgen fragte, worüber ich diese Kolumne schreiben soll, lief eine Maus gegen meinen Fuß. Ich machte mir gerade einen Kaffee. Die Maus war schwer orientierungslos. Weil ich schreiend aus der Küche rannte (meine Mäuseroutine), weiß ich nicht, wo das Tier als Nächstes hinlief. Als ich wiederkam, weil mein Kaffeebedürfnis größer ist als mein Mausekel, war sie verschwunden.

In einer anderen Welt wäre diese Mausgeschichte egal. Aber außer Pandemievermeidung ist in Paris immer noch recht wenig los. So wenig, dass mich erstens diese Maus stark beschäftigt, und ich zweitens zu alten Büchern gegriffen habe, um herauszufinden, über was die Urahnen der Gattung Pariskolumne eigentlich so geschrieben haben. Bei diesen Urahnen handelt es sich meist um Männer, denn die Aufgabe "ach, schreib' einfach irgendwas" haben Männer hart und lange verteidigt, weil sie sehr angenehm ist. Frauen wurde in Redaktionen deutlich früher zugetraut, über Krieg und Terror zu schreiben als über Croissants und Mäuse.

"Ich sah ihn mir einmal genauer an, bereute es aber gleich"

An dieser Stelle müssen wir uns vor Ernest Hemingway verneigen. Der war ebenso Kriegs- wie Salonreporter. Und in Paris liebt man ihn bis heute, weil er ein Buch geschrieben hat, das man vielleicht am besten Trostliteratur nennen kann. Wenig war in Paris so finster, so schwer, so erdrückend wie die Terroranschläge 2015. Zu denjenigen, die Paris dabei halfen, sich wieder aufzurichten, gehörte Hemingway. Beziehungsweise das Buch, das er der Stadt hinterlassen hat: "Paris est une fête". Paris ist ein Fest - die Leute kauften das Werk damals voll Trotz und Trauer so oft, dass es wieder ein Bestseller wurde.

Es ist ein bisschen deprimierend, Hemingway heute zu lesen, weil er ständig betont, wie billig Paris ist. Mit Hemingways Buch im Café sitzen und sieben Euro für ein Bier zahlen- schön ist das nicht. Da hilft es schon fast, dass die Cafés seit einem halben Jahr zu sind. Also Hemingway zu Hause lesen. Und feststellen: Es ist in Wahrheit gar keine Trost- sondern Lästerliteratur. "Scott war der perfekte Gastgeber, und wir verzehrten ein sehr schlechtes Mittagessen, das der Wein nur wenig aufzuheitern vermochte." So klingt das, wenn Hemingway F. Scott Fitzgerald besucht.

Den Schriftsteller Ford Madox Ford beschreibt Hemingway als "aufrecht gestelltes Weinfass". Hemingway findet Ford so hässlich, dass er befürchtet, sein Drink könne in der "garstigen Gegenwart Fords" schlecht werden. "Ich sah ihn mir einmal genauer an, bereute es aber gleich" - so Hemingway über Ford.

Nachdem ich Hemingway fertiggelesen hatte, überlegte ich, wen ich mal so richtig gerne öffentlich beleidigen würde. Vielleicht Hemingway, aber der ist ja schon tot. Was man von der Maus nicht sagen kann. Paris ist ein Rascheln und Nagen.

© SZ
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Paris-Kolumne
:La Boum

Nadia Pantel ist SZ-Korrespondentin in Frankreich. Über ihr Leben in Paris schreibt sie jeden Freitag die Kolumne "La Boum". Hier gibt es alle bisher erschienenen Folgen zum Nachlesen.

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