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Kolumne: La Boum:Auf der Straße

La Boum 1
(Foto: Steffen Mackert)

Unsere Autorin geht in Paris auf ein Bürgersteig-Bier - und tut danach sogar noch etwas richtig Verbotenes. Die zweite Folge unserer neuen Kolumne "La Boum".

Von Nadia Pantel

Mein Verhältnis zu meiner Nachbarin nahm eine kleine, magische Wendung, als ich an einem Mittwochabend schlecht gelaunt vor die Tür trat. Die Nachbarin kam gerade vom Einkaufen nach Hause. "Ça va?" rief sie rüber. Und ich sagte die Wahrheit. Nein, ça va überhaupt nicht, der Tag war miserabel, ich gehe jetzt ein Bier trinken. Ihre Hand hörte auf, die Haustür aufzuschließen, ihre Einkaufstüte sank zu Boden. Eine Minute später rannten wir gemeinsam auf die Straße.

Wir rannten wirklich, denn es war 17 Uhr 30, und wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn der nächtlichen Ausgangssperre. Seit drei Monaten hatte die Bar an der Straßenecke einen improvisierten Außentresen, und wir hatten ihn beide noch nicht besucht. Der Wirt reichte uns zwei Plastikbecher mit Bier auf den Bürgersteig hinaus. Das Bier war auch deshalb so gut, weil wir vorher gerannt waren. Die Strecke war zu kurz für Endorphine oder andere Sporteffekte, die Freude lag darin, sich altersunangemessen zu bewegen. Ich weiß nicht, wann genau das anfängt, dass man seine Gefühle nicht mehr mit den Füßen ausdrückt. Traurige Kinder schlurfen, fröhliche Kinder rennen. Erwachsene latschen halt so rum, ziemlich unabhängig davon, wie es ihnen geht. An diesem Mittwochabend rannten wir kichernd Slalom zwischen den Feierabendmenschen.

Als meine Nachbarin dann strahlend ihre Maske runterzog, weil man so ein Bier ja nicht nur anschauen will, fiel mir ein weiterer Grund ein, warum ich sie mag. Das Rennen, klar. Und auch die Tatsache, dass sie ohne Soziale Netzwerke zu leben scheint. Sie weiß, glaube ich, gar nicht, dass es Menschen gibt, die Bilder von einem veröffentlichen, wenn man in einer Pandemie auf der Straße einen Plastikbecher in der Hand hält. Als wären sie auf einer Art Wutsafari, nicht auf der Suche nach Gnus und Giraffen, sondern auf der Jagd nach Verantwortungslosen, die fotografiert gehören. Ich schaute paranoid umher, meine Nachbarin sagte einfach nur: "Uff, wie gut."

Während wir über den Abschied von unserem jeweiligen Winterblues redeten, begann ein Mann neben uns mit einem Stock in der Ritze eines Blumenkastens zu stochern. Mist, Autoschlüssel reingerutscht, dachte ich. "Ah, die suchen wieder ihre Drogen", sagte die Nachbarin. Sie wohnt hier schon deutlich länger als ich. Kurz darauf Applaus und Freude: Ein Plastiktütchen krümeligen Inhalts wurde aus dem Blumenkasten gezogen. Es war 18 Uhr, und wir erinnerten uns daran, dass es noch illegalere Dinge gibt, als den Beginn der Ausgangssperre um 15 Minuten zu versäumen. Wir nahmen einen Umweg. Als wir zu Hause ankamen, beschwerte sich die Hofkatze, der dauernd langweilig ist, dass alles langweilig sei. Eigentlich hat die Katze immer recht, nur an diesem Abend nicht.

© SZ/kar
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